Alpine Versenkung

Im Ballenberg spielt Hanspeter Müller-Drossaart einen formidablen Freak. Doch «Steibruch. Zrugg us Amerika» bleibt ein staubig restauriertes Heimatstück.

Noch ahnen ihre Figuren höchstens, dass sie eine Familie sind: Larina Jessica Amacher, Julian Kobler und Hanspeter Müller-Drossaart (hinten).

Noch ahnen ihre Figuren höchstens, dass sie eine Familie sind: Larina Jessica Amacher, Julian Kobler und Hanspeter Müller-Drossaart (hinten). Bild: Markus Flück/zvg

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«Ksüchologie» – oder so ähnlich kommt das Fremdwort für Seelenkunde der Dorfbewohnerin über die Lippen – «brauchen wir hier nicht. Wir sind einfache Leute und keine verdrehten Städter.» Sie steht auf der Bühne des Landschaftstheaters Ballenberg: dieses Jahr eine Senke im Brienzwiler Gelände, ausgebaut von Anna Maria Glaudemans zum schmucklosen Steinbruch. Auch die anderen Dorfbewohner, vertreten durch mehr als dreissig Laiendarstellerinnen, wollen sich den Dämon in ihrer Mitte eben nicht rational erklären: diesen «Zuchthäusler» Murer, der angeblich in Amerika wegen Mord im Kittchen sass und jetzt als Rückkehrer in seinem Steinbruch vor sich hin säuert. Gruselgeschichten werden ihm angedichtet, denn niemand kennt geschweige denn glaubt die Wahrheit des Unschuldigen. Die Jugend machts

Jedenfalls sollte man die Kinder vor ihm schützen, es sei denn, sie gehören ihm. Der Dorftrottel und die hochbegabte Pflegetochter des Gemeindeammanns werden immer häufiger bei Murer im Steinbruch gesichtet, dessen dämonische Anziehung damit bewiesen sei. Schlussendlich stellt sich heraus, dass hier doch eine biologische Vaterschaft und somit kein Grund zur Sorge vorliegt.

So erzählte Albert Jakob Welti diese Geschichte im 1939 uraufgeführten «Spiil i feuf Akte». Man hätte sie vergessen können, wenn nicht 2006 die einzige erhaltene Kopie der darauf basierenden Verfilmung «Steibruch» restaurativ gerettet worden wäre. Nun also die Restauration als Heimattheaterstück: «Steibruch. Zrugg us Amerika» in Livio Andreinas Regie und Müller-Drossaarts Textbearbeitung. Ihr Wille, die Heimatverklärung zu aktualisieren, blitzt beständig auf, bleibt aber nur ein gut gemeinter Versuch. Bei all den Eingriffen hätte doch heute beispielsweise auch die weibliche Hauptrolle («s Meitschi») einen Namen verdient.

Die Jugend machts lebendig. Eine ziemlich brutale Mädchenclique, «Siebe-fräch-Bandi» genannt, macht allen Lausbuben Konkurrenz in Sachen grosse Klappe und Weitpinkeln. Sie verprügeln die drei klischierten alten Männer (Szenenapplaus!) und mobben Murers Tochter glaubhaft fies. Andreina beweist grösstes Gespür für die jüngsten unter den Laien, für die alten fällt ihm wenig Interessantes ein: In Kleingruppen aufgeteilt findet diese grosse Dorfgemeinschaft szenisch nicht zusammen, Vorgänge sind kaum zu beobachten, sondern werden nacherzählt, und die von Till Löffler komponierten mehrstimmigen Chorgesänge brauchen jeweils etwas Anlauf. «Süferli, Murer!», mahnen die «Dörfer» ihren Sündenbock.

Juwelen und Kalauer

Was immer funktioniert, sind die urigen Mundartphrasen, die der Obwaldner Müller-Drossaart zum Besten gibt. Darunter sind ebenso viele Juwelen wie Kalauer. Wenn sich der Eigenbrötler und seine Tochter (Larina Jessica Amacher) im Steinbruch unterhalten, träumen sie vom «Morgenland. Oder dem Diemtigtal», was Müller-Drossaart wie ein Urteil ausspricht. Man schimpft einander einen «Chnebelgrind» und eine «Zwetschge», wodurch die bemühte Sprache zwar unterhaltsam wird, aber auch zu Beispielsätzen aus dem Mundart-Wörterbuch verkommt. Und die Figuren zu ihren Stichwortgebern. Zwischen Steinwänden und Holzbaracke weiss man kurzum oft nicht, wer hier anderes spricht als der Volksmund.

Für sich funktioniert Murer als formidable Freak-Figur bestens. Mit ganzem Körper-Einsatz robbt Müller-Drossart als Gebeutelter über die Wiesen, spielt aber auch mit sehr feinen Mienen und Sprachnuancen. Murer meint es besser mit der Welt als sie mit ihm, daher sein Rückzug, und zunächst wirkt es stimmig, dass ihn nur zu Gesicht bekommt, wer in den Steinbruch absteigt. Hier wirkt es in teilweise langatmigen Szenen, als befänden sich der Profi und die Laien in zwei verschiedenen Szenen, worin jeder auf seinen nächsten Anschluss wartet. Wie schon als ikonischer Dällebach Kari und in anderen Schweizer Kinofilmen modelliert Hanspeter Müller-Drossaart einen originellen und komplexen Charakter, nur hapert es hier daran, ihn ins Spiel zu bringen. Man wollte den Figuren Kanten verleihen und machte sie zu Holzschnitten, allen voran der verklemmte Lehrer, der als Ordnungsstifter kürzlich ins Dorf zog und beim Happy End heimlich weint. Oder der mafiös anmutende Amman.

Zeitlose Senke

Besungene Zauberfeen und ein auf Karton gemaltes Schiff helfen wenig bei der Konkretisierung dieses Vorhabens. Dieses Dorf namens «Friedlichwil» wurde nicht wie sonst vor einem der Ballenberger Museumshäuser inszeniert, sondern gräbt sich ein in diese zeitlose Senke, wo vor allem die Akustik stimmt.

Wie sich Murer und seine ungleichen Kinder dann als Familie erkennen, packt den Vater die Mordeslust als fataler Reflex, doch Müller-Drossaart bricht mit dem Gewehr zusammen, und die Wahrheit und das Gute siegen, oder in diesem Fall die biologische Familie, anders ist es nicht zu lesen. Und alles, was diese drei dann hinter sich lassen wollen, wird nochmals überdeutlich und dick im Hintergrund aufgetragen und dann zugeklappt wie ein dabei staubendes altes Buch. Das Landschaftstheater Ballenberg hatte schon einmal weniger Angst, die alpin museale Versenkung zu verlassen.

Weitere Aufführungen bis 18. August. Alle Termine: landschaftstheater-ballenberg.ch (Der Bund)

Erstellt: 06.07.2018, 06:36 Uhr

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