Zwischen Musikperformance und Märchenstunde

Futuristisches Lustspiel: In ihrer ersten gemeinsamen Produktion zappen sich Ntando Cele und Nina Mariel Kohler durch eine Welt voller Vorurteile und Klischees.

Derbe Witze reissen: Nina Mariel Kohler (links) und Ntando Cele.

Derbe Witze reissen: Nina Mariel Kohler (links) und Ntando Cele. Bild: zvg

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Saugemütlich ist es in dieser Hütte: Draussen ruft ein Uhu durch den Wald, drinnen liegt ein freundlicher Bär vor dem Kamin, der sich von den beiden hübschen Töchtern des Hauses das Fell kraulen lässt. Doch spätestens in dem Moment, wo der Bär die Idylle mit einem «pfuderigen Furz» beleidigt, ahnt man: Das hier wird kein unschuldiges Disneymärchen, sondern ganz schön derb.

«Schwarzweisschen und Rosenrot – oder Ebony and Irony»: Das könnte auch der Titel sein für eine theatrale Moralkeule, wie man sie so oft zu spüren bekommt, wenn auf der Bühne Klischees und Stereotype verhandelt werden. Ist es aber nicht. «Ich bin es leid, darüber zu reden, dass ich schwarz bin», sagt die Schauspielerin und Performerin Ntando Cele an einer Stelle. Es ist die erste Produktion, die die in Bern lebende Südafrikanerin gemeinsam mit der Bernerin Nina Mariel Kohler erarbeitet hat. Cele war zuletzt mit ihrem Stück «Black Notice» unterwegs, eine Mischung zwischen rassistischer Selbsthilfeklasse und Punk-Konzert, Kohler ist unter anderem Mitglied der Gruppe Peng! Palast.

Die Suche nach dem Ich im Wir

«Schwarzweisschen und Rosenrot – oder Ebony and Irony» ist ein futuristisches Lustspiel, das mühelos zwischen Musikperformance, Märchenstunde, Monolog und Youtube-Show hin und her zappt. Eine persönlich gefärbte Suche nach dem Ich im Wir, die nur deshalb funktioniert, weil die beiden Schauspielerinnen im Schlachthaus-Theater mit den Erwartungen spielen, die ein Stück über Rassismus und Unterdrückungssysteme normalerweise weckt. Anstatt ihre Herkunft zum Thema zu machen, debattieren sie über Themen wie Busfahren, Fitness und Schamhaare und reissen derbe Witze.

Wo andere anklagen, stellen sie Fragen wie: «Warum sterben schwarze Personen im Film immer zuerst?» «Sind alle meine Probleme für dich nur Weisse-Mädchen-Probleme?» Oder: «Warum bin ich deine einzige schwarze Freundin?» Und wenn Kohler in der Rolle einer Akademikerin über patriarchale Systeme, Rassismus und Machtverhältnisse referiert, gerät ihr Vortrag zur Selbstentblössung eines Gutmenschen.

Viel Material brauchen Cele und Kohler dafür nicht: Es genügen ein Loopgerät, Raschelpapier und eine Rauchmaschine, um die Zuschauer in einen grimmschen Märchenwald zu katapultieren; ein Sofa, um uns unsere Vorurteile vor Augen zu führen – und natürlich Improvisationstalent. Das schauspielerische Können von Cele und Kohler hilft auch über die Momente hinweg, wo man im Märchenwald der Missverständnisse etwas die Orientierung verliert. In seinem Song «Ebony and Ivory» singt Paul McCartney: «Ebenholz und Elfenbein leben in perfekter Harmonie nebeneinander auf meinem Keyboard, warum können wir das nicht?». Kohler und Cele haben für ihre Performance eine Spielart gewählt, die das Mantra, dass wir alle gleich seien, als Floskel entlarvt. Denn auch in «Schwarzweisschen und Rosenrot – oder Ebony and Irony» wird es da spannend, wo die verschiedenen Töne zusammenspielen.

Weitere Aufführungen bis 8. April. www.schlachthaus.ch (Der Bund)

Erstellt: 11.03.2017, 08:59 Uhr

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