Woyzecks Blutbad

Zum Start ein Triumph: Matthias Kaschig sperrt Büchners reduziertes «Woyzeck»-Personal in ein Bühnenbild, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Ein Mann liebt eine Frau: Woyzeck (Diego Valsecchi) und Marie (Anne Weinknecht). (Philipp Zinniker)

Ein Mann liebt eine Frau: Woyzeck (Diego Valsecchi) und Marie (Anne Weinknecht). (Philipp Zinniker)

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Ein Entrinnen gibt es für keinen und keine. Da hocken sie alle fest in diesem riesigen Bretterverschlag und in ihrem Schicksal. Lauter Figuren, die sich manchmal so mechanisch bewegen, als hätte jemand ihr Räderwerk aufgezogen, auf dass sie loslegen mit ihrem Treiben, in die ausgelegten Fallen tappen und die Ausweglosigkeit triumphiert.

Um die Haltung nicht zu verlieren, versucht sich jeder so lange an dem festzuhalten, was ihm wichtig ist: Woyzeck klammert sich an seine Liebe zu Marie und an die Vorstellung, allen Demütigungen zum Trotz ein Mensch bleiben zu können und nicht als Vieh enden zu müssen. Der Hauptmann krallt sich so verbissen an seine Moral wie der Tambourmajor an seinen Exerzierstock, und was Woyzecks Kamerad Andres die Schuhputzbürste ist, das ist dem Doktor die Aussicht auf Ruhm für seine Forschungen. Nach einem luftigen Nichts haschen derweil die beiden Frauen: Marie betäubt ihre Sehnsucht mit dem Ausleben wohlfeiler Illusionen, ihre Nachbarin mit nutzloser Tugend.

Büchners Text skelettiert

Regisseur Matthias Kaschig hat für die Schweizer Erstaufführung von «Woyzeck» in der Version «Blood Money» mit Songs von Tom Waits das reduzierte Personal von Georg Büchners Drama in diese Sperrholzkiste gesperrt. Auf dass es nicht darum herumkommt, alle seine Ängste und Begehren, seinen Hass und seine Wut herauszuschwitzen. Der einzige Schutzraum auf der fast leeren Bühne (Michael Böhler) ist unter der Treppe, die zu einem simplen Podest führt, das halb Schafott, halb Tribüne ist. Doch auch diese kleine Höhle wird zum Schauplatz des Horrors.

Die Strichfassung von Robert Wilson, der in Kopenhagen im Jahr 2000 «Blood Money» inszeniert hat, bringt der junge deutsche Regisseur in den Vidmarhallen auf die Bühne. Wilson hat Büchners Textfragment weiter skelettiert, und die 16 Songs des amerikanischen Sängers und Komponisten, die auch in Bern auf Englisch gesungen werden, füllen keine Leerstellen. Sie sind knappe Innenansichten, gelungene Miniaturen psychischer Befindlichkeiten, die manchmal kurz die Abgründe ausleuchten, die sich im Laufe der 100-minütigen Inszenierung immer bedrohlicher auftun: Wenn Marie zum Beispiel verrät, dass sie in ihrem Kopf immer russisches Roulette spielt und nicht daran glaubt, dass man in den Himmel kommt, wenn man gut ist, weil sowieso alles zur Hölle geht. In Waits’ Songs spiegelt sich die blanke Hoffnungslosigkeit – Elend ist der Fluss der Welt – des «interessanten Casus Woyzeck», der wie ein offenes Rasiermesser herumläuft und dem die Erde höllenheiss wird, während ihm eiskalt ist, weil seine Marie einem anderen schöne Augen macht.

Die Illuminaten, das kleine Orchester um Michael Frei mit Mich Gerber, Michael Tüller, Thierry Perroud, Kathrin Bögl, Fabien Bürgi und Kevin Chesham lässt mit seinem Sound die Figuren immer wieder auflaufen. Trunken schön beginnen die meisten Songs, wie Echos auf längst verhalltes Chilbi-Glück. Doch ob Blues oder Walzer – die Musik hält ihre verführerischen Versprechen nicht.

Zwar bewegen sich die Figuren zum Beginn noch mit der disziplinierten Energie von Spieldosenfiguren, doch die verhaltenen Dissonanzen bringen ihre innere Mechanik zum Knirschen. Ins Stocken und Stolpern geraten sie, bevor sie alle fallen – erschöpft, verbraucht, verloren. Die Musik hat auch keine Töne für die Wortlosigkeit zwischen Woyzeck und Marie, höchstens ein kurzes Ächzen. Frei und sein Orchester saugen vielmehr das Klaustrophobische von Kaschigs Deutung auf, lassen die Figuren unvermittelt und kaltblütig im Stich. Es ist diese beklemmende Dynamik, die bis zuletzt den Rhythmus der Inszenierung bestimmt und dem sich das Schauspielensemble mit Haut und Haar ausliefert.

Grossartiges Ensemble

Obwohl der Woyzeck von Diego Valsecchi am Schluss buchstäblich in Blut badet, verliert er auch als Mörder seine verstörende Unschuld nicht. Mit schonungsloser Schnoddrigkeit schminkt sich Anne Weinknecht als Marie die Aussicht auf ein Glück ab, bereit, die Demütigungen und das Unglück auszuhalten, das die Leidenschaft nach sich zieht, die sie sich aller Vernunft zum Trotz leistet. Sebastian Edtbauer gelingt es, mit Zuckungen der Oberlippe und anderen kleinen Bewegungen einen grandios grossspurigen Tambourmajor zu skizzieren, dem irgendeinmal die Luft ausgehen muss. Der Trompeter (Jonathan Loosli), der Arzt (Henriette Cejpeck), der Hauptmann (Ernst C. Sigrist), die Nachbarin (Marianne Hamre) und Woyzecks Kumpel Andres (Heiner Take) – sie alle bewegen sich auf den Abgrund zu in jenem beklemmenden Gleichschritt von Soldaten, die ahnen, dass ihr Krieg nicht zu gewinnen ist.

Irrlichternder Glanz

Und fast immer dabei ist das Kind. Kein Säugling wie in Büchners Vorlage ist der Bub von Woyzeck und Marie. Der Sechsjährige (beeindruckend: Marius Morf), der nie lacht und kaum spricht, wird zum unbestechlichen Beobachter: Seine altkluge Miene signalisiert jene Distanz zum grässlichen Geschehen, die allen schaurigen Wiegenliedern und Gutenachtgeschichten zum Trotz ihn zum Überlebenden macht.

Neben dem Buben schafft nur der Narr den Ausbruch aus dem hölzernen Gefängnis. Visionär und verstört zeigt Stefano Wenk den erschrockenen Spassvogel, der alle Versehrten mit aufdringlicher Nähe heimsucht. Und mit seinem Irrlichtern diesem rundum gelungenen Reigen der Verdammten einen irritierenden Glanz verpasst. (Der Bund)

Erstellt: 27.10.2009, 14:11 Uhr

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