Wir glückseligen Arbeitspferde

«Das Bekenntnis eines Masochisten» dreht sich um die Selbstausbeutung am Arbeitsplatz. Nach überzeichnetem Anfang findet die Inszenierung am Stadttheater Bern doch noch einen Zugang.

Christoph Rath gibt Herrn M. als überzeichneten Neurotiker auf der Jagd nach dem nächsten sexuellen Thrill.

Christoph Rath gibt Herrn M. als überzeichneten Neurotiker auf der Jagd nach dem nächsten sexuellen Thrill.

Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Nein, er versteht sie nicht, diese Masochisten. Das macht Regisseur Dominic Friedel in seiner Inszenierung gleich von Beginn weg klar. Ein Masochist, das ist Herr M. Und dem reicht das Schlägerarsenal seines Bondage-Spielgefährten und die Drohungen seiner Domina als Schmerzquellen nicht mehr aus. Auch Strassenschlachten aufmischen oder Neonazis belästigen führen nicht zum Erfolg.

Schauspieler Christoph Rath gibt Herrn M. als überzeichneten Neurotiker auf der Jagd nach dem nächsten sexuellen Thrill. Das wirkt distanzierend, fragwürdig und leicht verhöhnend. Doch Selbstausbeutung ist auch in heutigen Arbeitsverhältnissen verankert, so die These des tschechischen Autors Roman Sikora. Und dazu findet Friedel in der deutschsprachigen Erstaufführung von Sikoras Stück «Das Bekenntnis eines Masochisten» eher einen Zugang.

Der Firmenboss als Dominator

Einer beklemmenden Ecke, in der ein Laufsteg zusammenführt, sitzt das Publikum in der Vidmarhalle gegenüber (Bühne: Olga Ventosa Quintana). Niederdrückend ist auch die erbarmungslose Büromaschinerie, in der sich Herr M. auf Empfehlung seines SM-Doktors, einer deliriösen Erscheinung, bald wiederfindet. Und diese Arbeitshierarchie entpuppt sich als Leiterchenspiel mit Aufstiegschancen, wo zuoberst, wie der Gorilla beim Nintendo-Spiel «Donkey Kong», der skrupellose Firmenboss als maskierter Dominator thront.

Am Aufsteigen jedoch ist Herr M. nicht interessiert. Im Gegenteil: Sein Gehalt sei doch zu hoch, beanstandet er beim Chef, worauf dieser «strahlte und kürzte». Glückselig lassen sich die Angestellten als Arbeitspferde an die endlos dehnbaren Gummiband-Zügel nehmen. Berauscht handeln sie ihren Jahreslohn ins Bodenlose herunter, und unter herrlichem Kreativdruck zappelt Herr M., dessen Rolle man sich nun abwechselnd teilt, an viel zu kurzer Leine. In die Knie gezwungen und durch die Bühnenkonstruktion daran gehindert, sich aufzurichten, hängen die vier Workaholics wie Schatten ihrer selbst über dem Abgrund. Erschöpfung und Befriedigung liegt hier so nahe beieinander. Auf irrsinnige Weise ist das erschreckend glaubwürdig.

Bis ans bittere Ende

Doch Roman Sikoras Farce geht bis ans bittere Ende. Nach Singapur, wo «die menschlichen Ressourcen aller Welt zusammenkommen», werden die vier Masochisten nun ausgeschafft. Mit Reissverschlüssen an Ärmeln und Hosenbeinen (Kostüme: Senta Amacker) zurrt man sich aneinander fest, steckt sich selbst in eine Zwangsjacke, strebt nach noch mehr Demütigung.

Und die bekommt sie auch, die Erzählerin (Philine Bührer), die zu den rhythmischen Geräuschen, die das Ensemble auf einer Nähmaschine, einem Ölfass und einer antiquierten Kasse erzeugt, von ihrer Ausbeutungsolympiade gegen einen Chinesen berichtet. Nur will es die Ironie der Geschichte, dass man als Sieger wiederum zum «besten Angestellten» gekürt wird – Luxushotel und Limousine inklusive. Das Leiden kennt keine Grenzen.

Weitere Vorstellungen: 7., 18. und 24. Mai jeweils um 19.30 Uhr in den Vidmarhallen.

Der Bund

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