Viel Lärm um nichts

Die deutsche Regisseurin Mizgin Bilmen bringt bei Konzert Theater Bern Shakespeares blutrünstige Tragödie «Titus Andronicus» auf die Bühne. Ohne Tempo und ohne Haltung.

Die Schauspielerin Chantal Le Moign stattet den müden Andronicus mit einer reizend brüchigen Maskulinität aus.<p class='credit'>(Bild: Tanja Dorendorf)</p>

Die Schauspielerin Chantal Le Moign stattet den müden Andronicus mit einer reizend brüchigen Maskulinität aus.

(Bild: Tanja Dorendorf)

Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Es gibt Theaterabende, die wirken, als wären sie Parodien ihrer selbst. Oder besser: ein Augenzwinkern auf das moderne Regietheater, das gemäss Klischee nicht ohne Blut, nackte Pimmel, übermotivierte Schauspieler und ein paar popkulturelle Referenzen auskommt. Wer sich also heutzutage dieser Mittel bedient, muss es fast ironisch meinen.

Der deutschen Regisseurin Mizgin Bilmen aber ist es ernst. Drastisch ist freilich auch der Stoff, den sie in der Vidmar 1 auf die Bühne bringt: «Titus Andronicus» von William Shakespeare – eine Tragödie, wie sie bedauernswerter kaum sein könnte. Denn was wird da gemordet, gefoltert, gerächt und geschändet im alten Rom, wohin der Feldherr Titus Andronicus nach dem Krieg gegen die Goten zurückkehrt.

Rom? Nur ein Schriftzug

Wo wir uns befinden, daran erinnert in der Vidmarhalle ein riesiger roter Schriftzug: Das Bühnenbild von Cleo Niemeyer machen einzig die drei Lettern R, O und M aus, alle ungefähr drei Meter hoch. Wo oder was Rom ist, soll abstrakt bleiben, lautet wohl die Botschaft. Anders sah das der DDR-Dramatiker Heiner Müller, der die Stadt in seiner Shakespeare-Überschreibung «Anatomie Titus Fall of Rome» von 1984 als Machtzentrum des kapitalistischen Systems interpretiert hat. Von ihm hat Mizgin Bilmen nun Textstellen in die Inszenierung eingeflochten.

So eindeutig aber Heiner Müllers Zugriff auf diesen Shakespeare, so unentschlossen wirkt die Berner Inszenierung. Es bleibt gänzlich vage, was die Regisseurin eigentlich interessiert am blutrünstigen Drama. Liest sie es aus gendertheoretischer Sicht und hat deshalb Titus Andronicus mit einer Frau besetzt? Geht es ihr um eine Amerika-Kritik, und hantiert sie aus dem Grund mit den entsprechenden Symbolen? Oder dreht sich doch alles um Rassismus, und ist der Schwarze im Stück deswegen ein Weisser auf der Bühne?

Schlinge der Rachsucht

Es ist ein Abend wie ein Rorschachtest. Was im Prinzip nicht weiter schlimm wäre, hätte das Geschehen wenigstens genügend Tempo. In Shakespeares Stück zieht sich die Schlinge der Rachsucht immer weiter zu: Zuerst ist es die Gotenkönigin Tamora, von Titus Andronicus als Gefangene nach Rom gebracht, die Vergeltung für ihren geopferten Erstgeborenen will. Als der neue Kaiser Saturninus (gewohnt dusselig: Stéphane Maeder) sie zur Frau nimmt, lässt sie zwei ihrer Söhne Andronicus’ Tochter Lavinia foltern und vergewaltigen und später zwei seiner Nachkommen köpfen. Und so holt am Ende der gepeinigte Andronicus seinerseits zum bestialischen Akt der Sühne aus.

Von tiefstem Leid und brennender Gier nach Abrechnung sind fast sämtliche Figuren getrieben – ein zuverlässiger Handlungsmotor. In Bern aber kommt dieser immer wieder zum Erliegen. Das liegt daran, dass das Ensemble selten richtig interagiert, sondern wie ein Haufen Figuren auf einem Spielfeld herumsteht und sich manchmal seltsam unmotiviert betätigt. Am meisten fällt das bei Irina Wrona auf, die sich als eiskalte Herrscherin Tamora gar regsam gebärdet, aber vor allem dann überzeugt, wenn sie ihre Grausamkeiten ganz ohne Wimpernzucken befiehlt.

Die Reduktion wirkt auch bei Milva Stark als Lavinia am besten, die nach ihrem Schicksal als todgeweihter Engel wiederkehrt: Der Horror ist ihr ins stumme Gesicht geschrieben. Ihren Onkel Marcus Andronicus und den Kaisersohn Bassianus spielen Jürg Wisbach und Andreas Gaida engagiert, aber bleich; und auch Aaron, der intrigante Geliebte der Gotenkönigin, der bei Shakespeare ein Schwarzer ist, kommt bei Alexander Maria Schmidt reichlich farblos daher. Angenehm geistesgegenwärtig gibt dafür Luka Dimic den Titus-Sohn Lucius, der später Kaiser wird.

Bis es so weit ist, wird der Abend durch Regieeinfälle abgebremst. Geile, knutschende Brüder (David Berger, David Brückner) in geschmacklosen Frauenkleidern (Kostüme: Alexander Djurkov Hotter) mögen ja ganz lustig pervers sein, und wer David Bergers Schniedel diese Saison noch nicht zu Gesicht bekommen hat, erhält wieder einmal die Gelegenheit. Aber wozu das alles?

Bis zu Hip-Hop und Trump

Man kann leicht den Überblick über die Figurenverstrickungen verlieren bei all den Gags. Wer ist jetzt nochmals der Sohn von wem? Egal, schaut, nochmals ein Backstage-Video, projiziert auf die riesigen Buchstaben! Und schaut, jetzt geht die Schiebetüre wieder auf! Trockeneis weht herein, und auf einem Rollator gleitet die Freiheitsstatue herein, flankiert von zwei nackten Knechten mit Ku-Klux-Klan-Hauben. Das kann doch nicht ernst gemeint sein.

Ist es aber. Ein verstörter Griff also zum Programmheft, wo der Hausdramaturg Michael Gmaj den Bogen spannt von Shakespeare bis zum Hip-Hop und zu Donald Trump. Hip-Hop? Eine dunkelhäutige Tänzerin im Adidas-Trainer (Thamara Stampbach) huscht immer wieder tanzend über die Bühne. Und Donald Trump? Am Ende sitzt Titus Andronicus als Ronald McDonald verkleidet da, während das Kaiserpaar Hamburgerbrötchen in sich reinstopft. Erinnert natürlich an das kürzliche Fastfood-Catering des US-Präsidenten.

Liegt Rom also in Amerika? Eine These wärs, doch Mizgin Bilmen führt sie nicht weiter aus. Statt die Dringlichkeit eines nahezu zeitlosen Stücks herauszuschälen, pflastert sie es mit Anspielungen zu. Ein Glücksgriff immerhin ist ihr mit Chantal Le Moign gelungen, die den müden Andronicus mit einer reizend brüchigen Maskulinität ausstattet. Und auch wie die Figuren zu Beginn im roten «Rom»-Schriftzug hocken, während düstere Beats pochen (Musik: Friederike Bernhardt), ergibt ein bestechendes Anfangstableau.

Und von da? Folgen zwei erdrückende Stunden. Aber mit Blut, Pimmel und Popkultur. So wie im Theater halt.

Weitere Vorstellungen bis 25. Juni.

Der Bund

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