«Tschinderassassa und Bumsfallera»

Sympathische Unzulänglichkeiten und ein konstruiertes Techtelmechtel: Mathias Schönsee inszeniert am Berner Stadttheater Kleists Komödie «Der zerbrochene Krug».

Adam (Jürg Wisbach) und Eve (Henriette Blumenau).

Adam (Jürg Wisbach) und Eve (Henriette Blumenau).

(Bild: Annette Boutellier)

Die Streitfrage, was denn nun die Aufgabe von Theater sein soll, ist eine alte. Soll Theater durch Illusionserzeugung den Zuschauer für kurze Zeit seinen Alltag vergessen lassen? Sollen auf der Bühne aktuelle Missstände angeprangert oder die Widersprüchlichkeit der menschlichen Natur verhandelt werden? Oder darf es einfach auch mal nur lustig sein? Die Inszenierung von Heinrich von Kleists 200-jährigem Lustspiel «Der zerbrochene Krug» am Stadttheater Bern unter der Regie von Mathias Schönsee ­erweckt den Eindruck, dass bei der Erarbeitung einige dieser Haltungen als Theoreme dienten, wenn auch keine vollständig eingelöst wird. Die Handlung um den zerbrochenen Krug ist schnell erzählt. Dorfrichter Adam (Jürg Wisbach) muss unter den gestrengen Augen des Gerichtsrats Walter (Benedikt Greiner) über eine Tat zu Gericht sitzen, die er selber begangen hat. Nach und nach verdichten sich während des Prozesses die Indizien, dass er selber in der Nacht zuvor bei Jungfer Eve (Henriette Blumenau) zum Schäferstündchen vorbeigeschaut hat, dabei von ihrem Verlobten Ruprecht (Pascal Goffin) überrascht wurde und auf der Flucht nicht nur böse Kopfwunden kassierte und seine Perücke verlor, sondern auch noch den wertvollen Krug von Eves Mutter Marthe (Sophie Hottinger) zerbrach. In der Gerichtsverhandlung um besagten Krug versucht Adam mit amüsanten Winkelzügen und Manövern, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen und den Verdacht auf andere zu lenken.

Die schauspielerischen Leistungen in Schönsees Inszenierung sind formidabel. Jürg Wisbach mimt den Adam als schmierigen, aber nicht gänzlich unsympathischen Weiberhelden, und selten wurde eine Klage um einen zerbrochenen Gegenstand so unterhaltsam vorgebracht, wie dies Sophie Hutter in der Rolle als Marthe tut. Amüsant sind auch die komödiantischen Slapstick-Elemente, etwa wenn der gestrenge Vater Veit (Stefano Wenk) seinen Sohnemann wiederholt auf den Hinterkopf haut, und natürlich auch Adams abenteuerliche Ausreden und Beeinflussungsversuche. Dieser Adam ist zudem in seiner ganzen Unzulänglichkeit eine durchaus tragikomische Figur und sein Scheitern ein höchst menschliches.

Trauriger Clown

Regisseur Schönsee hat in seiner Inszenierung eine Komponente betont, welche in den bestehenden Aufführungen bis anhin wenig beachtet wurde, nämlich dass Adam und Eve von der Namensgebung her als ideales Paar gedeutet werden können, das aber nicht zusammenfinden kann. So steht denn Adams Sturz aus Eves paradiesischer Stube exemplarisch für den Sündenfall, wobei ein gestrenger Cherubim (Corinne Steudler) darüber wacht, dass die Pforte ins Paradies verschlossen bleibt. Dass Eve und Adam beide füreinander Zuneigung hegen sollen, wirkt aufgrund des Stücktextes allerdings etwas konstruiert und irritierend. Sollte die junge Eve denn wirklich von diesem traurigen Clown Adam angetan sein, diesem Hagestolz? Schliesslich lässt sie ihn doch nur in ihre Kammer, weil ihr dieser dafür ein lebensrettendes Zeugnis für ihren Verlobten verspricht. Oder haben wir es hier wiederum mit einem Fall von Widersprüchlichkeit der menschlichen Natur zu tun?

Als aktuelle, Spiegel vorhaltende Gesellschaftssatire, wie es Kleists Lustspiel zu Beginn des 19. Jahrhunderts war, will «Der zerbrochene Krug» heute nicht mehr recht funktionieren. Dafür ist das Geschehen zu harmlos und der Umgang nicht bösartig genug. Aber unterhaltsam ist das Stück aufgrund seiner doppelbödigen Anspielungen nach wie vor. So entlässt das Ensemble das Publikum denn auch mit einem fröhlichen «Tschinderassassa und Bumsfallera» in die Nacht.

Weiter bis 25. März 2015.

Der Bund

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