Sie speichert die Rollen im Körper

Sie versteht gut, warum man für himmlische Verse sein Leben riskieren kann: 
die 28-jährige Schauspielerin Henriette Blumenau, der junge Fixstern am Berner Stadttheaterhimmel.

«Jeden Tag brauche ich mindestens ein Gedicht»: Henriette Blumenau.

«Jeden Tag brauche ich mindestens ein Gedicht»: Henriette Blumenau.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

«Meine Traumrolle? Das ist der Caliban aus Shakespeares ‹Sturm›.» Henriette ­Blumen­au muss nicht lang überlegen, wenn sie nach den Rollen gefragt wird, die sie zu gern spielen möchte. «Wie verkörpert man so einen Fleischmenschen?

Das möchte ich unbedingt einmal ausprobieren», sagt die junge Schauspielerin, die mit ihren grossen braunen Augen, der schneeweissen Haut und den langen dunklen Locken dafür prädestiniert ist, all die jungen schönen tragischen Heldinnen zu spielen, die Gretchen, die Käthchen und die Ophelias. «Ich mag die Extreme», erklärt sie ihre Vorliebe für Shakespeares Ungeheuer. Sie mag aber nicht nur Kontraste, gern lotet sie auch ihre eige­nen Grenzen aus.

Jetzt ist Roxane an der Reihe, das liebliche Traumgeschöpf aus Edmond Rostands «Cyrano de Bergerac», das mit seiner Anmut alle Männer den Kopf verlieren lässt. Nicht weniger heftig sind Roxanes eigene Empfindungen, setzt sie doch ihr Leben der Liebe wegen aufs Spiel.

So süchtig ist die Schöne nach den betörenden Liebeserklärungen ihres Christian geworden, dass sie ihm in den Krieg nachreist. Das ist für die junge Schauspielerin so nachvollziehbar wie Roxanes wundersame Wandlung: Diese begehrt plötzlich den Liebsten weit mehr wegen seiner Hohelieder als wegen seiner hübschen Visage, in die sie sich einst sofort verliebt hat.

Henriette Blumenau, neben deren Bett immer ein Band mit Gedichten oder Briefwechseln liegt, weiss um die Kraft gelungener Reime. «Jeden Tag brauche ich mindestens ein Gedicht.» So machen ihr auch Rostands Alexandriner keinerlei Mühe. Im Gegenteil. Durch das Versmass gerate ein Text in Schwingung, da falle ihr das Rezitieren einfacher als bei manchem modernen Text.

Cyrano ohne Pappnase

Für die 28-Jährige hat denn auch der romantische Klassiker von 1897 nichts an Aktualität verloren, der 1990 mit Gérard Depardieu in der Titelrolle verfilmt wurde.

«In der heutigen Gesellschaft verhalten sich doch die meisten Menschen wie Kieselsteine im Bach, sie werden immer geschliffener, um ja nicht von der Norm abzuweichen. Alles Kantige muss weg, wenn man den gängigen Idealen entsprechen will.»

In der Berner Inszenierung von Markus Bothe wird denn auch dem Cyrano, gespielt von Andri Schenardi, keine mächtige Pappnase angeklebt. «Es sind ja letztlich nicht die Sonderlichkeiten, an denen die Menschen leiden, sondern die Normen, die sich in unseren Köpfen festgesetzt haben», sagt Henriette Blumenau.

Auch die Motive des Dichters ­Cyra­no, der dem hübschen, aber leicht einfältigen Christian mit seinen wunderbaren Versen aus der Patsche hilft, seziert sie genau: Ob dieser wirklich so altruistisch sei, wie er auf den ersten Blick erscheine, das sei die Frage. «Vielleicht ist er auch nur narzisstisch gestört.»

Seit 2012 gehört Henriette Blumenau zum Stadttheaterensemble, und schnell ist die junge Frau aus dem ostdeutschen Halle zu einer jener Protagonistinnen geworden, die mit ihrer Ausstrahlung und ihrem Können auch mal eine nicht geglückte Inszenierung retten. Ob als Gretchen («Faust»), Tiffany («Die drei Räuber») oder als Dienstmädchen («Biedermann und die Brandstifter») – all diese unterschiedlichen Figuren bringt Blumenau zum Glühen.

Diese Intensität ist schon während ihrer Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien aufgefallen: Bereits als 23-jährige Studentin ist Henriette Blumenau vom Schauspiel Frankfurt als Stipendiatin für das Projekt «Künstlerinnen und Künstler, an die wir glauben» ausgewählt worden. In Frankfurt hat Berns Schauspielchefin Iris Laufenberg dann das Jungtalent entdeckt und sofort ans Stadttheater engagiert.

Nächste Station Graz

Wie ist das gewesen, nach den Grossstädten Wien und Frankfurt im beschaulichen Bern zu landen? «Wunderbar», schwärmt Blumenau, «ich bin im Sommer gekommen, wurde von einer tollen WG aufgenommen und hab sofort die Aare entdeckt.»

Dass sie diesen «Lebensstrom» schwer vermissen wird, wenn sie am Ende der Saison weiterzieht, das weiss sie schon heute. Das Schauspielhaus Graz, dessen Leitung Iris Laufenberg übernimmt, ist die nächste Station.

In Bern hat nicht nur der Alltag sie positiv überrascht. «Ich habe am Stadttheater so viel ausprobieren können.» So glänzte sie neben den zahlreichen Auftritten mit dem Ensemble auch im hochgelobten Soloprojekt «Bunny» als experimentierfreudiger Teenager, fand Zeit für ein eigenes Hörspiel und in den Theaterferien für einen Film.

Manchmal ist sie am Stadttheater gleichzeitig an bis zu fünf Produktionen beteiligt – was sie ziemlich mühelos bewältigt. «Hab ich eine Rolle einmal einstudiert, so ist sie im ganzen Körper abgespeichert», erklärt Henriette Blumenau. So lasse sie sich dann jeweils ganz einfach wieder abrufen.

Immer andere Fähigkeiten und Techniken wollen da neu einstudiert oder perfektioniert werden. So gehörte am Schauspiel Frankfurt zum Beispiel auch Yoga zum Programm, für ihren Auftritt im Musical «Cabaret» Jazztanz und Singtraining, und für den «Cyrano» übt sie wieder das Fechten, das sie in Wien gelernt hat.

Mit diesem totalen Einsatz macht Henriette Blumenau jede Rolle zu ihrem Ding. Auch wenn ihr mal eine Inszenierung nicht gefällt oder der Regisseur Anweisungen gibt, die ihr nicht unbedingt passen. Dass sie dafür kämpft, immer auch ihre ganz eigenen Empfindungen für eine Figur einzubringen, damit ist sie bis heute gut gefahren.

Premiere «Cyrano de Bergerac»: Freitag, 6. Februar, 19.30 Uhr, Vidmarhallen

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