Schicht um Schicht

Annäherung an einen Bildhauer: Die Tanzcompagnie Konzert Theater Bern glänzt in Ryan Djojokarsos Tanzstück «Giacometti».

Blau, violett, gelb: Die Bühne verändert in «Giacometti» ihre Grundfarbe laufend.

Blau, violett, gelb: Die Bühne verändert in «Giacometti» ihre Grundfarbe laufend.

(Bild: Philipp Zinniker)

Die elektronischen Klänge sind schon da. Mit dem Licht kommt auch die Bewegung: Männer und Frauen gehen, laufen, schreiten über die Bühne. Minutenlang. Vektorpfeile von links nach rechts.

Zwölf Personen wären es, doch die Endlosschlaufe macht aus dem Dutzend unendlich viele. Die Durchquerung ist eine physische Metapher für den Ursprung eines Schöpfungsprozesses. Das repetitive Schreiten schafft einen hypnotischen Zustand, bis plötzlich einer stehen bleibt oder rückwärtsgeht im Strom. Ein Déja-vu, man stutzt. Hatten wir das nicht schon einmal, genau hier auf dieser Bühne in der Vidmarhalle?

Vor sechs Jahren wars: «Sideways Rain» hiess das Stück von Guilherme ­Botelho (Alias Cie), seine erste Arbeit mit dem Tanzensemble eines subventionierten Hauses. Wie heute wurde dem Choreografen das Thema vorgegeben.

Sturm hiess es damals. Heute heisst es Giacometti, in Anlehnung an den Bündner Künstler Alberto Giacometti (1901–1966). Anders als damals ist mit Ryan Djojokarso jedoch ein Jungchoreograf am Werk: der Gewinner des Berner Tanzpreises («Berner Woche» vom 8. Januar). Sein Preis ist die Zusammenarbeit mit der Berner Tanzcompagnie.

Keine Alibiübung

Djojokarso macht seine Sache gut. Dem 32-Jährigen fehlt zwar die Erfahrung, aber er hat Ideen und die Fähigkeit, diese zu vermitteln. So schafft die Berner Tanzcompagnie ein Stück, das Schicht um Schicht anregt. Wenn bloss der elektronische Klangteppich (Jorg Schellekens) nicht wäre.

Durch seine Penetranz stützt er die Bewegung im Anfang. Doch dann nützt er sich ab, ermüdet, nervt. Die ­Inspiration durch Giacometti jedoch bleibt keine Alibiübung. Seine Kunst zeigt sich in den verschiebbaren Bühnenelementen, im Umgang des Tanzes mit Nähe und Distanz, mit Tempi und Rhythmen.

Djojokarso formt den Raum durch raffinierte Geometrien, Drehungen, Rollen und Schraubbewegungen, die die Körper aus dem Lot kippen. Oder er spaltet ihn durch vertikale Relevés auf halber Spitze. Und auch wenn die barfüssigen Performer ihre Beine in die Höhe stechen und stehen bleiben wie aufgeklappte Zirkel, denkt man automatisch an Giacomettis Nadelfiguren. In den synchronen Gruppenbewegungen gibt es aber auch unnötige Längen und Beliebigkeiten.

Das Schreiten liest man als Bewegungszustand avant la lettre. Es ebnet der Evolution der Tanzbewegung den Weg. Wie ein Renaissance-Komponist die Musik, schafft Ryan Djojokarso eine Partitur, in der Bewegung ins polyfone Gewebe eingebunden wird, als wäre sie eine Stimme.

Es gibt Soli, die aus homofonen Partien herausstechen und Imitationen, in denen ein Motiv mit zeitlicher Verzögerung von verschiedenen Tänzern in einen organischen Ablauf gebracht werden (Regie: Bram Jansen). Später verliert sich die Abstraktion. Die Tänzer schauspielern, beissen sich auf die Finger, klatschen – warum?

Es wirkt wie Manierismen. Die künstlerische Wirkung ist in den konsequent abstrakten Abläufen stärker. Und am stärksten da, wo man das Konzept des Choreografen nicht bewusst wahrnimmt.

Krinoline, Käfig, Schattenwurf

Braun, senfgelb, anthrazit und grün sind die Kostüme. Sie kommen aus den Zeichnungen Giacomettis. Wie lasierende Farbschichten umhüllen sie die Bewegungsenergie der Tanzkörper und machen sie sichtbar. Einige tragen Mäntel aus Tüll, Krinolinen, die an vergangene Zeiten erinnern.

Andere haben Kostüme, die aussehen, wie im Aufriss halbierte Deuxpièces (Kostüme: Till Kuhnert). Auch die Bühne, dieses beleuchtete Bild-Fenster, verändert seine Grundfarbe laufend. Blau, violett, gelb. Zum Schluss ein holzschnittartiger Schattenwurf. Da ist der Künstler ganz nah. Durch bewegliche Käfig­gerüste, die aussehen, als hätte ­Giacometti ihre zerklüftete Oberfläche ­gestaltet, und verschiebbare Stellwände wird der Blick auf die Bewegung immer wieder neu gelenkt und fokussiert.

So ­erhält das urbane Treiben Tiefe, und in der Bewegung spiegeln die Körper innere Emotionen. Diese Kraft ist auch in Giacomettis Skulpturen da. Und in der ausverkauften Vidmar: Djojokarsos Botschaft ist angekommen.

Weitere Aufführungen in der Vidmar bis 1. März. www.konzerttheaterbern.ch

Der Bund

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