Rasend aktuelles Museumstheater

Stefan Pucher zeigt im Zürcher Pfauen Jean-Paul Sartres Thesenstück «Die schmutzigen Hände». Und putzt es blank zum Gedankenparcours.

Es ist alles nur Theater: Jessica (Henrike Jörissen) und Hugo (Jirka Zett) mimen die grosse Liebe. Foto: Doris Fanconi

Es ist alles nur Theater: Jessica (Henrike Jörissen) und Hugo (Jirka Zett) mimen die grosse Liebe. Foto: Doris Fanconi

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Keine Bange: Gegen die Schrecken des Idealismus werden am Eingang zum Pfauensaal Ohrstöpsel verteilt, und ein Schild warnt vorsichtshalber vor einem lauten Knall. «Nach 60 Minuten», präzisiert das Schauspielhaus und beruhigt: «nicht gehörschädigend». Gewissens­belastend aber sind Mordanschläge durchaus; Jean-Paul Sartre hat das in seinem Weltkriegsstück «Die schmutzigen Hände» bis zum bitteren Ende durchdiskutiert. Das Drama verhandelt den Zwiespalt zwischen der Verantwortung gegenüber sich selbst und dem grossen Ganzen; zwischen ideellem Rigorismus und erfolgsorientiertem Pragmatismus; zwischen persönlicher Moral und überpersönlicher Parteiraison. Und ein Lavabo wie für Pilatus gibts nicht.

Am Ende sind sie auf beiden Seiten des Zwiespalts tot: Erschossen wird zuerst, 1943, der charismatische Macher, Parteisekretär Hoederer – Robert Hunger-Bühler in Höchstform! Im grauen Anzug, den eine elegante Krawatte subtil aus dem diskreten Uniformlook heraushebt, steckt kein kommunistischer Apparatschik, sondern ein geschmeidiger Machtmensch, ein Arbeitstier, ein bennscher Urwaldmann, der den Weibern manchmal was reinstösst; einer, der die Menschen kennt und sie trotzdem liebt. Und erschossen wird zwei Jahre später, nach der Haft, sein Mörder, der zaudernde Moralist Hugo – ein blasser Intellektueller mit einer peinlichen Vergangenheit als verzärtelter Bürgerssohn, der sich unbedingt vom Theoretiker zum Tatmenschen hatte wandeln und vor den Genossen hatte beweisen wollen: Jirka Zett konsequent als nervöser Wörterdrescher mit Möchtegern-virilem Ledermantel überm braven dunklen Anzug.

Am Schluss der zweistündigen Soiree also tippt eine alte Schreibmaschine «Nicht verwendbar» auf die riesige Leinwand. Das ist Hugos Todesurteil, von ihm selbst und der Partei gefällt. Und unwillkürlich kommt die Frage auf: Ist dieses Urteil nicht auch ein heimlicher hochironischer Kommentar des Regisseurs Stefan Pucher über das angejahrte Thesenstück des französischen Philosophen und Schriftstellers? Die Antwort muss lauten: Irgendwie schon. Das Wie allerdings, das kann sich sehen lassen.

Taktieren und paktieren

«Die schmutzigen Hände» wurden 1948 uraufgeführt. Damals war Sartres fiktiver Balkanstaat Illyrien quasi als jüngste Vergangenheit fassbar: ein Land, in dem ein ohnmächtiger Regent mit den deutschen Besatzern kutschieren muss, deren Kapitulation vor den Alliierten – die in Gestalt der Sowjets bereits an der Grenze stehen – nur eine Frage der Zeit ist. Die widerständischen Kommunisten wittern Morgenluft; der ausgekochte Parteisekretär, Hoederer, taktiert und paktiert: Mit eingefleischten Kommunistenhassern – dem Sohn des Regenten sowie dem Vertreter der liberalen Bürgerlichen – entwirft er eine Koalition für die Nachkriegszeit. Die Parteibasis jedoch läuft Sturm gegen ihren «Sozialverräter», und ein Mörder wird bei Hoederer eingeschleust. Eben der junge, von Selbstekel erfüllte Hugo, samt seiner Frau, sexy Jessica, die von all dem pathosschwangeren «Männerkram» sowieso nichts hält und sich dem starken Hoederer aus Jux und Tollerei, Ennui und Sentimentalität an den Hals werfen wird (Henrike Jörissen).

Soll man so eine historische Versuchsanlage übers richtige Handeln im falschen überhaupt auf die Bühnen der Gegenwart holen, in unsere utopieberaubte Zeit? Frank Castorf bejahte diese Frage 1998 und inszenierte den Siebenakter als private Zimmerschlacht und zugleich politischen Epilog auf den jugoslawischen Bürgerkrieg. Andreas Kriegenburg fackelte 2006 alle Ismen in einer Art nihilistischem Feuerwerk aus Slapsticks ab; und Jette Steckel setzte 2012 gleich auf die einzige explizit unpolitische Figur des Stücks, die katzenhafte Jessica. Der fünfzigjährige geborene Giessener Pucher hingegen dreht nun in Zürich die Chose einfach um: Er holt uns in die Vergangenheit, ins multimedial und musikalisch wertvoll aufbereitete Museum.

Als Wandschmuck haben die Kommunisten Schwarzweissfotografien von jungen Männern mit geballten Fäusten aufgehängt: hoffnungsvolle, revolutionäre Milchgesichter mit Krawatte und Baskenmütze, die aussehen wie aus der legendären «Don Camillo und Peppone»-Verfilmung aus den Fünfzigern. Sie sind überall, bei Hoederer wie bei seiner Gegenspielerin Olga. Alle träumen in den gleichen Klischees. Olga hatte Hugo als Mentorin herangezogen, schickte ihn in mörderischer Mission zu Hoederer und will ihn, in der Rahmenhandlung, vor der Exekution durch die Genossen – er könnte ja plaudern – bewahren; faszinierend, wie vielgesichtig Isabelle Menke diese Olga zeichnet, als kalte Parteisoldatin, unerschrockene Revolverbraut und zärtliche Hugo-Verteidigerin.

Aus der Kultserie «Mad Men» herauskopiert wirken wiederum die kettenrauchenden Schauspieler mit ihren kultigen Sechzigerjahre-Brillen. Der schwarz­weis­­se Filmtrip am Anfang, der aus der Rahmenhandlung (Hugos Besuch bei Olga nach der Haftentlassung) ins Jahr 1943 führt, zeigt Hugo und seine Parteihelden Olga und Louis dann in flotten Autos aus den Siebzigern. Und Kostümbildnerin Marysol del Castillo hatte offenbar viel Freude daran, Jessica in einem schicken Bleistiftrock nach dem andern erotisierend antanzen zu lassen. Selbst unsern scharfzüngigen Zeitgenossen, den greisen Jean Ziegler mit seinen Forderungen nach der «totalen Entschuldung der ärmsten Länder» einerseits und seinem Interesse an «Sartres theoretischem Klassenkampf» andererseits, beamt Pucher in schwarzweissen Clips auf die Bühne. Und im Chor singt man Laibachs «The Whistleblower»; über die Leinwand läuft die deutsche und die französische Übersetzung.

Es ist halt alles nur Theater. Sagt Hugo, der sich dem Leben total entfremdet fühlt und auch mit seiner gleichfalls dissoziierten Frau immer bloss Spielchen spielt. Das Paar mimt die grosse Liebe, den kleinen Ehrgeiz: Alles ist immer nur eine Rolle. Nur bei Hoederer, da ist sogar der Kaffeesatz in der Tasse, die er am Morgen austrank, wirklich. In Grossbuchstaben.

Ruhiges Nachdenken

Stefan Pucher gibt dem packenden Pingpong zwischen Hugo und Hoederer eine historische Patina. Und Barbara Ehnes verfrachtet das Ensemble hinter mehrere Vorhänge, in eine abstrakte, mehrstöckige Hamster-Behausung aus spartanischem Ikea-Pressspan, möbliert mit einem kackbraunen Sofa: Hier sollen Mönche und Missionare beten und arbeiten, doch – so erzählt Sartres Drama – es kamen Menschen. Wenn Louis Hugo auf die Tat einschwört; wenn sich Hugo im Gespräch mit seiner Frau kaum zum Mord durchringen kann, weil er Hoederer und seine pragmatischen Argumente schätzen gelernt hat; wenn er dann doch – aber aus dem falschen Grund, der Eifersucht – auf den Partei­sekretär schiesst, betrachten wir das wie im Teleskop: aus grosser Distanz. Die klettern da in ihrem Wollen und Wanken herum wie exotische Wesen in ihrer artifiziellen Zoolandschaft.

Dass da beim Publikum bisweilen die Aufmerksamkeit nachlässt, ist verständlich. Nicht alle, die ins Theater wollten, gehen auch gern in den Zoo. Oder ins Museum. Aber man sollte dranbleiben: Denn gerade dadurch, dass Pucher seinen Sartre hübsch im Museum platziert, ermöglicht er ruhiges Nachdenken über Fragen, die – ohne verzweifelte Aktualisierung – auf einmal rasend aktuell erscheinen. Plötzlich erinnert man sich nicht nur an die alten Streitigkeiten zwischen grünen Realos und Fundis oder an den neuen radikalislamischen Irrsinn, sondern auch an Joachim Gaucks Rede von letztem Jahr über deutsche Soldaten in aller Welt: Wer handelt, macht sich schuldig; wer nicht handelt, auch. Ohrstöpsel rausnehmen!

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