Aida – das Musical

Pharaonen-Pop von Elton John

Die Thunerseespiele setzen auf eine Liebesgeschichte aus dem alten Ägypten. «Aida – das Musical» gefällt szenisch, bietet aber erstaunlich wenige Ohrwürmer.

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«Aida» unter freiem Himmel? Wer da an heisse Nächte in Verona denkt, an Avenches oder den Pfäffikersee, wo es letztes Jahr eine Freiluft-«Aida» gab, der sollte unbedingt das Kleingedruckte lesen, bevor er ins Berner Oberland aufbricht. Hinter der «Aida» am Thunersee steht nämlich nicht Verdi, der Italiener. Sondern Elton John, die britische Pop-Diva. Gesungen wird deutsch, geredet auch – viel sogar und zuweilen ziemlich banal. Die Dialoge schaffen Raum zwischen den musikalischen Nummern – und reissen sie auseinander. In dieser engagierten farbenprächtigen Thuner «Aida» findet der Musicalfan (fast) alles, was er kennt und liebt, der Opernfan wenig – und das nicht deshalb, weil Aida zeitweise im Nieselregen singt.

Es kratzt, ohne weh zu tun

Immerhin, das Personal und die Geschichte des Musicals (Songtexter: Tim Rice) sind dieselben wie in der Oper. Das Stück in der Regie von Katja Wolff erzählt von der verbotenen Liebe zwischen dem ägyptischen Heerführer Radames (jugendlich: Jörn-Felix Alt) und der nubischen Prinzessin Aida (kraftvoll, überzeugend: Patri­cia Meeden). Beim Versuch der Ägypter, die Nachbarvölker zu erobern, gerät Aida in ihre Gefangenschaft. Radames verliebt sich in sie, ohne zu wissen, wer sie ist. Er rettet sie vor dem Tod, indem er sie seiner Verlobten schenkt, der Pharaonentochter Amneris (zickig, überdreht: Sophie Berner). Die zwei ungleichen Frauen werden Freundinnen, was die Situation nicht einfacher macht.

Und so kommt es, wie es in Dreiecksbeziehungen meistens kommt. In der Oper triumphiert die Liebe nach drei Stunden über den Tod. Im Musical bereits nach zwei; und ausserdem mündet hier das Sterben in ein angedeutetes Happy End. Überhaupt geht alles etwas schneller, glatter. Und die Musik kratzt, ohne weh zu tun. Dem in die Regenhäute des Hauptsponsors gewandeten Premierenpublikum kommt das aus meteorologischer Sicht nicht ungelegen. Doch das Tief Michaela verhält sich artig, wenigstens bis zum Schlussapplaus.

Das Ensemble der Thunerseespiele ist nicht zu beneiden. Rutschig ist der Untergrund, auf dem die Darsteller in ihren bunten Kostümen (Heike Seidler) über die weite Bühne singen und tanzen. Sie tun es ohne Zaudern. Neben Aida in der Hauptrolle sind die Chöre ein Highlight, Chorleiter Ben Vatter ist eben nicht nur als Mundart-Kolumnist im «Kleinen Bund» aktiv.

An diesem Abend liegt der Thunersee am Nil. Kurz ist der Egyptian Walk mit abgewinkelten Armen. Die effektvollen, aber wenigen Tanzszenen bringen Leben in die zu Beginn flaue Szenerie. Dramatisch wird es, wenn die Sklaven in Reihen über die Diagonale schreiten. Oder ein Lichtstrahl ihre Körper modelliert und ein paar Schatten fallen.

Launige Shopping-Queen

Aufwendig wechseln die Lichtgewitter über den bewegten Tableaus (Choreografie: Christopher Tölle). Die Dienerinnen präsentieren sich als glamouröse Girlies mit Glitzerfächer und Silberperücke – Musicalpersonal eben. Armin Kahl gibt den bösen Vater des Radames widerspenstig, Manuel Lopez den Diener als lustiger Buffo. Walter Reynolds (Aidas Vater) berührt durch sein dunkles Timbre. Als Pharaonentochter gibt Sophie Berner die launige Shopping-Queen; sie zickt herum als Karikatur ihrer selbst und kommt wie auf Knopfdruck zur Vernunft. Und wegen des Pharaos (Thomas Wissmann) müsste man eigentlich nochmals nach Thun kommen: In vier Vorstellungen wird er von Endo Anaconda gespielt werden.

Iwan Wassilewsky ist als Dirigent ein sicherer Wert der Thunerseespiele. Er grundiert das Tun aus dem Orchestergraben, treibt an, koloriert. Perfekt getimt sind auch die Pausen: In innigen Momenten setzt Elton John nämlich auf a cappella. Stimmungswechsel sind das A und O in diesem Pharaonen-Pop, der sich nach der Halbzeit merklich steigert; der Gang durch die Stilschubladen hat dem Briten, der sich derzeit auf Deutschlandtournee für den Auftritt beim Paléo-Festival in Nyon (24. Juli) warmsingt, übrigens einen Grammy eingebracht.

Ein stiller Gewinner

Opernverwöhnte Aida-Ohren empfinden den Soundtrack als uneinheitlich. Und Ohrwürmer gibt es weniger als erwartet. Oboe und Englischhorn untermalen die Ornamentalismen, Streicher und Elektroklavier bringen die mit Mikrofonen ver­kabelten Sänger in ihren Balladen zum Schmachten. Dazwischen tut die Elektrogitarre, was sie am besten kann: rockig quengeln und rhythmisch heulen.

Der stille Gewinner dieser 12. Produktion der Thunerseespiele ist – neben Aida – das Bühnenbild (Karel Spanhak). Einmalig die darin eingebaute Sicht auf die Naturkulisse, flankiert von brennenden Feuerschalen. Und mittendrin der neuneinhalb Meter hohe, begeh- und von innen beleuchtbare Pharaonenkopf (von Manfred Sijtsma). Stimmig auch die Pyramide, die während des Abends Stein für Stein in die Höhe wächst. Die Bühne bietet einen sicheren Rahmen für den Wellengang der Gefühle, den Serge Schmuki (Licht) mit Farben überhöht. Dem Publikum gefällts: pink, gold, lila, blau und kräftig türkisgrün, eine Sehnsuchtsfabrik aus Licht. Umso farbiger – und kitschiger – fällt die Palette aus, je finsterer die Nacht sich über die Seebühne legt.

(Der Bund)

Erstellt: 10.07.2014, 15:35 Uhr

Infos

Weitere Vorstellungen (Mi, Do, Fr und Sa) bis 28. August.
www.thunerseespiele.ch
Inhaber der Espace-Card profitieren von vergünstigten Tickets, www.espacecard.ch

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