«Ohne Flop entsteht nichts Neues»

Permanent am Auswerten und Kalkulieren: Stadttheater-Intendant Stephan Märki zieht eine Bilanz seiner ersten Saison.

Stephan Märki ist seit Juli 2011 Direktor von Konzert Theater Bern (KTB).

Stephan Märki ist seit Juli 2011 Direktor von Konzert Theater Bern (KTB).

(Bild: Manu Friederich)

Herr Märki, bald ist Ihre erste Saison zu Ende, was hat Sie in Bern am meisten überrascht?
Auf der einen Seite habe ich gestaunt, wie leidenschaftlich und qualifiziert auch in den kleinsten der 80 Regionsgemeinden über den eigenen Kulturbegriff und eine gerechte Verteilung der Mittel diskutiert wird. Überrascht hat mich aber auch, wie mit der gleichen vehementen Leidenschaft die vertrauten künstlerischen Werte verteidigt und eingefordert werden. Die eigene Sichtweise wird gern als die einzig richtige reklamiert.

Setzen Sie denn das viele Geld richtig ein?
Das fragen wir uns fast jeden Tag. Das Theater ist extrem durchstrukturiert, das geht so weit, dass wir nicht nur einen Plan B, sondern auch noch einen Plan C haben. Das gibt uns zwar Sicherheit, aber es behindert oft auch die Spielfreude und hemmt die Risikobereitschaft. Für die Risikobereitschaft bekommen wir Subventionen, aber wir müssen beim Publikum sehr um ein neues Grundverständnis unserer Arbeit kämpfen, damit es auch akzeptiert, wenn wir mal was anderes, Ungewohntes probieren. Da ist die Vermittlungsarbeit sehr wichtig. Bei den Einführungsveranstaltungen ist die Neugierde sehr gross. Das bedeutet immerhin, dass ein Teil des Publikums für neue Erfahrungen und Wahrnehmungen bezüglich Goethe oder Mozart bereit ist.

Sitzt Ihnen da die Angst vor dem Flop permanent im Nacken, wenn zum Beispiel eine Inszenierung wie «Frank V.» von der Kritik in der Luft zerrissen wird?
Ohne Flop entsteht nichts Neues. Und was «Frank V.» betrifft, so sind die Vorstellungen immerhin sehr gefragt.

Inwiefern haben sich die Erfahrungen der ersten Spielzeit auf die Planung der zweiten ausgewirkt?
Wir sind bei der Programmierung vorsichtiger geworden. Wir haben nun auch ein Musical und eine Operette im Programm. Der finanzielle Spielraum ist enorm eng, wir sind permanent am Kalkulieren und Auswerten. Letztlich fehlt uns einfach eine Million jährlich.

Dann liegen also keine grossen Würfe drin, sondern nur Feinjustierungen?
Ja, wir verfügen zwar über einen beträchtlichen finanziellen Etat, das Problem ist aber, dass wir künstlerisch mit den Theatern von Basel und Zürich verglichen werden, die über bedeutend mehr Mittel verfügen. Basel hat doppelt so viel, Zürich das Zigfache. Aus dieser Sackgasse kommen wir einfach nicht heraus.

Das Sorgenkind Oper, früher die Milchkuh des Theaters, hat in der aktuellen Saison mit ausverkauften Vorstellungen tüchtig aufgeholt. Bekommt sie jetzt mehr Mittel?
Wir verstehen uns als Gesamtbetrieb, und da ist es uns wichtig, dass wir genug Spielraum schaffen, um anderen Sparten, die es schwieriger haben, helfen zu können. Wenn eine Sparte deutlich mehr Gewinn macht als budgetiert, fliesst ein Teil davon zurück.

Das Schauspiel hat mehr Mühe?
Nur im grossen Haus, dort tut sich das Schauspiel schwer. Da ist in den letzten Jahren ein Publikumssegment weggebrochen, als fast alle Inszenierungen in den Vidmarhallen gezeigt wurden. Es ist schwieriger, als wir gedacht haben, wieder Publikum fürs Schauspiel im grossen Haus zu generieren. Damit das Stadttheater aber präsenter und lebendiger wird, muss dort mehr gespielt werden, und das kann die Oper allein nicht leisten.

Um die Fusion von Berner Symphonieorchester und Musiktheater, die lange Zeit Schlagzeilen machte, ist es nach dem Vollzug erstaunlich ruhig geworden. Hat sich alles zum Besten eingerenkt?
Das Resultat ist sehr gut, Mario Venzagos Integrationswillen spielt da eine wichtige Rolle. Aber ganz ohne Konflikte geht es nicht.

Und welche Baustelle macht Ihnen heute am meisten zu schaffen?
Für einmal gibt es mit der Renovation des Theaters eine echte Baustelle. Sie stellt die Spartenleiter vor grosse Herausforderungen. Noch ist ja der Kredit nicht unter Dach. Die letzte Abstimmung ist Ende November, zu diesem Zeitpunkt steht aber der Spielplan 2014/15 praktisch schon, ein Spielplan notabene, der berücksichtigt, dass das Haus sechs Monate geschlossen sein wird. Wenn der Kredit beim Stimmvolk durchfällt, haben wir ein grosses Problem. Kommt er durch, haben wir immer noch eines, allerdings ein kleineres. Wir werden zwar neue Orte bespielen, aber ausserhalb des Hauses zu produzieren, ist teurer, und wir werden bedeutend weniger Einnahmen haben.

Dann rechnet sich also auch ein Projekt wie «Neither» in der Reitschule nicht?
Vom Finanziellen her nie, obwohl alle Vorstellungen ausverkauft sind. Wir sehen uns da als Brückenbauer sowohl künstlerisch als auch sozial und politisch. Ich habe zwar viele böse Blicke an der Premiere geerntet, aber die meisten Abonnenten waren da. In der nächsten Saison werden wir dort mit «Peter Grimes» eine richtige Oper produzieren.

Haben die Subventionsbehörden für die renovationsbedingten Einbussen kein offenes Ohr?
Wir verhandeln mit der Stadt wegen einer Mietzinsreduktion für die Zeit des Umbaus. Das ist unsere einzige Chance, etwas herauszuholen.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt