Nur noch jenseits?

Scarlett Johansson spielt keinen Transmann, und in Bern gibts ein «Coco»-Musical. Das ist heikle Kunst.

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Coco war die berühmteste Schweizer Transfrau, mit «Coco» widmet ihr das Theater Bern ein «Transgender-Musical». Transmenschen stehen dabei allerdings nicht auf der Bühne.

Transgender-Vertreter sehen das ungern. Für Janna Kraus vom Transgender Network Switzerland sollen Transmenschen-Rollen von echten Transmenschen gespielt werden. Eine solche Besetzung sei dieser Tage «immer zu begrüssen und zu bevorzugen». In der Schweiz leben heute Schätzungen zufolge 40'000 Transmenschen – zum Vergleich: fast gleich viele Menschen sprechen hierzulande als Erstsprache Rätoromanisch.

Die Debatte um Trans-Rollen eskalierte diesen Sommer mit der Ankündigung, Scarlett Johansson spiele im Film «Rub & Tug» Dante Gill. Gill ist eine faszinierende Figur – ein Gangster, der nach der Geburt als Frau galt und später als Mann den Mob aufmischte. Transmenschen in Hollywood reagierten erbost, als sie von der Wahl erfuhren. Tweets, ein offener Brief, die Medien wurden aufmerksam, Shitstorm-Alarm. Johansson, die bestverdienende Schauspielerin der Welt, zog sich zurück. Sie verstehe, dass viele Gill von einem Transmenschen gespielt sehen möchten. Ihr Rückzug wurde von vielen als übertriebene politische Korrektheit gedeutet.

Transfrauen und -männer aus Hollywood debattieren.

Der Streit um Trans-Rollen ähnelt den Debatten um Verwaltungsrätinnen in Grosskonzernen. Oder der Diskussion um die angebrachte Vertretung afroamerikanischer Kunst in US-Museen. Es geht nicht um einen Umsturz der Verhältnisse, sondern um stärkere Teilhabe an etablierten Institutionen, um bessere Chancen im Verteilkampf. «Grundsätzlich ist es in Ordnung, wenn eine Rolle mit dem dafür am besten geeigneten Menschen besetzt wird», sagt Petra Weitzel von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität, und fügt an: «in einer idealen Welt.»

Weil es diese «ideale Welt» nicht gebe, setzt Weitzel auf «gute Antidiskriminierungspolitik». Kraus sieht das gleich. Transmenschen hätten kaum Chancen, eine Rolle zu bekommen, in der sie nicht einen Transmenschen spielten. Deshalb sollten sie wenigsten die raren Trans-Rollen bekommen. Kraus wirft der Filmindustrie «Pinkwashing» vor. Man versuche, von der LGTB-Community zu profitieren und zeige Transmenschen als schutzbedürftige Minderheit, ohne sie mit Rollen konkret zu unterstützen.

Ein Mann verkörpert das Hadern

Vivian (Name geändert), ein Schweizer Transmann, der in professionellen Theater-Inszenierungen mitspielt, sagt zum Fall Johansson: «Dass eine Cisfrau einen Transmann spielen sollte, war sehr irritierend.» Die Entscheidung für Johansson habe den Eindruck vermittelt, ein Transmann sei «eine Frau, die sich als Mann verkleidet». Als «cis» («diesseits») werden Menschen bezeichnet, deren Identität mit ihrem Geschlecht seit Geburt übereinstimmt.

Und «Coco»? Muss das Berner Theater nach der Johansson-Kontroverse den Shitstorm fürchten? Die Macher taten einen Kunstgriff und stellten der Darstellerin einen Mann zur Seite, was Cocos Hadern mit ihrem Körper verdeutlichen soll. Dramaturgin Fadrina Arpagaus verteidigt sich: Es gehe darum, «mit theatralen Mitteln einen gesellschaftspolitischen Diskurs» in Gang zu setzen. Dafür müsse die Realität nicht eins zu eins abgebildet werden. Mit der «Coco»-Inszenierung könne man eventuell mehr Erkenntnis und Einsicht erzeugen, als wenn ein Transmensch «ein Stück Realität auf der Bühne nachbildet». Und die «theatrale Setzung» des Stücks erfordere «eine weibliche Traumfigur» und «einen männlichen Körper».

«Künstlerisch interessante Lösung»

Janna Kraus sieht im Berner Fall «eine Problematik der Besetzung» – betont aber auch, die Berner Inszenierung sei an sich «gelungen und packend». Auch Transmann Vivian attestiert dem Theater eine «interessante künstlerische Lösung». Die Macher hätten eine Möglichkeit gefunden, das «Gefühl des Nichtübereinstimmens von Körper und Identität darzustellen, das viele Transmenschen empfinden».

Ansonsten wünscht sich Vivian, dass Rollen, bei denen es gar nicht um «trans» oder «cis» geht, endlich vermehrt auch mit Transmenschen besetzt werden. Und wenns tatsächlich ums Trans-Sein gehe – dann sei die Besetzung mit einem Transmenschen «sehr, sehr wünschenswert».

«Coco. Ein Transgender-Musical» wird diesen Winter im Theater Bern wieder aufgenommen


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2018, 10:08 Uhr

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