Molotow und Bauscherock

Das Stück «Neuland» dreht sich um die Keime der Revolution, der persönlichen und der gesellschaftlichen. Praktisch: Die Bühne ist just jener Ort, von dem aus 1987 ein Beben durch Bern ging.

Das ginge nicht in einem Theatersaal: Feuerwehrschläuche werden zu Wasserwerfern auf dem Gaswerkareal.

Das ginge nicht in einem Theatersaal: Feuerwehrschläuche werden zu Wasserwerfern auf dem Gaswerkareal.

(Bild: Steve Walker/Arta Sahiti)

Hanna Jordi

Frage: Wie stellt man eine Menschenmasse dar, wenn das Ensemble nur aus acht Leuten besteht? Antwort: Man lässt ein zigköpfiges Publikum auf eine protestierende Gruppe treffen, und schon hat man eine veritable Demogesellschaft beisammen. Probleme, sich mit den Botschaften der Protestierenden zu identifizieren, dürften die Besucher des Freilichttheaters «Neuland» nicht haben: Die Tafeln, die das Demovolk in die Höhe hält, sind blank, frei für die Projektionen der Neuankömmlinge.

Das Demo-Intermezzo ist nur eine Station in der rund zweistündigen Inszenierung, die am Montag Premiere feiert. Weitere folgen wortwörtlich auf dem Fuss. Die «Neuland»-Protagonisten wechseln sich darin ab, die Zuschauer durch das Gaswerkareal zu führen, bis ein beachtlicher Rundgang beschritten ist: Nach dem Einstand im Gaskessel folgt der Schlenker durch die Wald- und Wiesenlandschaft an der Aare, bis das Publikum schliesslich in der Industriezone unter der Monbijoubrücke landet.

Auf den Spuren der Revolution

«Wir fragen uns, wo der Ursprung der Revolution liegt – was es braucht, damit die Menschen aufstehen», sagt Mathis Künzler von der Berner Theatergruppe Vor Ort. «Das Gaswerkareal ist ein idealer Ort, um dieser Frage nachzugehen.» Schliesslich war hier nicht immer eine spärlich genutzte Naherholungszone: Ab 1985 lag auf der Wiese zwischen den Bäumen auf dem Gaswerkareal der Lagerplatz der Zaffarayaner, bis die Siedlung im Herbst 1987 geräumt wurde.

Dieser Ort, eine der symbolträchtigsten Stätten des bewegten Berns der 80er-Jahre, wird nun also zur Kulisse für ein bewegtes Theater und sein mobiles Publikum. Vor Ort hat Erfahrung damit, eine Geschichte auf eine Spielstätte masszuschneidern: 2009 spielte die vierköpfige Profitruppe das Stück «Die Sage vom Schlachthausstier», in dem sie die Erzählungen von Wiedergängern in der Altstadt bündelte und in den mittelalterlichen Gassen inszenierte.

Regenschirme unerwünscht

Vor-Ort-Mitbegründer Dominique Jann gerät ins Schwärmen, wenn er vom Gaswerkareal als Kulisse spricht. Für den Schauspieler ist das Gelände eine Rundum-Bühne voller Möglichkeiten: Die Monbijoubrücke wird zur Kanzel für ein letztes Manifest und zur Bühne für ein Rollschuhballett. Das Wäldchen an der Aare arriviert zur Plattform für die selbstvergessene Tanzeinlage des zeitgenössischen Jugendlichen, der Brückenbogen zum Resonanzraum für eine Brandrede.

Die Fläche zwischen den Brückenpfeilern hat einen weiteren Vorteil: Wenn es regnet, sind die Zuschauer geschützt. Regenschirme dürfen nämlich keine aufgespannt werden im Stationentheater. «Wir sprechen ohne Mikrofone – aufgespannte Regenschirme wirken leider wie Schalldämpfer», erklärt Jann.«Neuland» will dem subversiven Potenzial im Menschen nachspüren und kommt zum Schluss: Es schlummert in jedem.

Bis der Kragen platzt

Damit die Protagonisten zu den verschiedensten Mitteln des Protests – im Stück ein Panoptikum aus Sprit, Verrat und Sprechchören – greifen, ist eine Rahmenerzählung vonnöten, die den Figuren gehörig den Kragen platzen lässt. Künzler, der bereits beim «Schlachthausstier» als Autor amtete, bricht die Thematik der Revolution auf eine verschlungene Familiengeschichte herunter. Sie handelt von drei Generationen, je beeinflusst von den Umtrieben ihrer Zeit.

Die Grossmutter wurde gross in den 60ern und hat sich partiell erfolgreich gegen das Spiessertum aufgelehnt. Ihre Zwillinge sind Kinder der 80er, mehr oder weniger motiviert, aus dem Staat Gurkensalat und aus einer Wiese ein Zeltlager zu machen. Sie wiederum werden zu den Eltern derjenigen, die für mehr Vielfalt in der Ausgehindustrie auf die Strasse gehen, während in den arabischen Ländern Grundrechte erkämpft werden.

Frau Law and Order im Catsuit

Mit ihrer Themenwahl bewies Vor Ort ein Gespür für bevorstehende Umwälzungen. Mitten im Arbeitsprozess zu «Neuland» begannen die Menschen in Tunesien, auf die Strasse zu gehen. Occupy Wallstreet, die Empörten und nicht zuletzt auch die Demo «Tanz dich frei» in Bern folgten. «Zufall», sagt Mathis, auf das Timing des Stücks angesprochen, «die Aktualität belieferte uns im Schaffensprozess aber laufend mit Ideen».

Es ist keine trauliche Familiensaga, die sich da Stück für Stück und aus wechselnden Perspektiven vor dem Zuschauer entfaltet: Da werden Kinder weggegeben, Pfauen geschlachtet, und Polizisten vergehen sich an Aktivistinnen. Ein allzu drastisches Aufrührstück sei es dennoch nicht, sagt Dominique Jann, «es gibt viele lustige und poetische Szenen». So werden die Zuschauer Zeugen eines Zwiegesprächs zwischen Vater und Sohn, in dem der Erziehungsberechtigte seinen latent verunsicherten, aber sehr wendigen Spross (Giulin Stäubli) auffordert, sich gefälligst eine Brechstange zu schnappen und Polizeikarren zu demolieren.

Frau Law and Order im Catsuit (Annalena Fröhlich) verrenkt sich auf der Ladefläche eines Lasters im Namen des Gesetzes. Die Hippietochter mit bauschigem Tüllrock (Sonja Riesen) und ihr Bruder (Dominique Jann) treffen für ein heimliches Tanzintermezzo aufeinander. Und die aufgeräumte Grossmutter schwelgt in Erinnerungen an freie Liebe, Wanderzirkusleben und Achselhaarwildwuchs.

Erinnerungen an Zaffaraya

Ursula Stäubli, die im Stück die Grossmutter gibt, ist mit Jahrgang 1952 die Älteste der Gruppe. Sie war oft zu Gast in der Zaffaraya-Siedlung. Ihre Schauspielerkollegen dagegen hatten teils noch nicht das Vorschulalter erreicht, als dem Lager ein Ende bereitet wurde. Wie lässt man nun eine Zeit aufleben, die man selbst nicht erlebt hat? «Wir haben nicht den Anspruch, eine Chronik der Ereignisse zu liefern», sagt Mathis, «wir liessen uns lediglich von den Begebenheiten inspirieren».

Ihre Recherche umfasste allerlei Schrift- und Tonwerk, aber auch Gespräche mit Zeitzeugen, darunter Filmemacher Andreas Berger, der die Jugendunruhen Berns auf Film gebannt hat. Und so taucht das «Freie Land» in «Neuland» immer wieder als lose Referenzgrösse auf. Der Hügelkamm, auf dem die Siedler und ihre Verbündeten 1987 der Polizei trotzten, wird erneut zum Schauplatz – bloss beziehen diesmal keine Aktivisten Stellung, sondern die Zuschauer.

Der Bund

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