«Mariedl machts auch ohne»

Gar nicht mal so frei nach Werner Schwab: Die Berner Kompanie Pink Mama Theatre zielt mit ihrem ersten Sprechtheaterstück «Gottesmütter» ins Schwarze.

Ihr Humor ist rücksichtslos, ihr Akzent polnisch: Wieczorek, Oppermann und Krawiecki.

Ihr Humor ist rücksichtslos, ihr Akzent polnisch: Wieczorek, Oppermann und Krawiecki. Bild: Sebastian L. Graf

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Es liegt Kunstrasen auf dem Olymp. Darauf entspannen sich die «Gottesmütter» in ihrer Plastikgarnitur, grillieren ihr Schweinefleisch und greifen zu Gurkenglas und Fernbedienung. God TV überträgt den Papstbesuch in Augsburg, grell nachkoloriert, aber Grete gefallen diese «Farben, wie aus dem Leben so schön». Sie hat auch bereits ein paar Bierflaschen geleert und mokiert sich über die frömmelnde Sparfüchsin Erna, die das unter ihrer gefundenen Pelzhaube wenig amüsiert. Mariedl schliesslich kauert am Boden und träumt von Kot und Nächstenliebe.

Die Dachterrasse der Tanzlounge an der Neuengasse ist Schauplatz für das erste pure Theaterstück von Big Mama Theatre, der in Bern gegründeten Kompanie, die seit sechs Jahren Tanz und Schauspiel zusammenführt. In dieser elften Produktion «Gottesmütter» widmen sich die Gründer Slawek Bendrat und Dominik Krawiecki ganz dem Sprechtheater. Eine Auseinandersetzung mit Frauen im Alter ihrer Mütter liege dem Stück zugrunde, sagen sie. Und wenn sie in ihre fratzenhaften Rollen schlüpfen, bewahrt sie nur ihr rücksichtsloser Humor davor, misogyn zu wirken.

Das Publikum beäugt sie durch Glasscheiben. Es sitzt bei diesem hybriden Freilichttheater im Vorraum. Mit verklemmtem Ernst und polnischem Akzent schildert Dominik Krawiecki als Erna, wie sie ihren trunksüchtigen Sohn Hermann vor der Tür belauscht, ob dieser mit dem Toilettenpapier auch sparsam umgehe. Weniger heilig erscheint Marek Wieczorek, der sich gleich gemeinsam mit seiner Figur Grete betrinkt. Während sie sich von Textilien und Hemmungen freimacht, offenbart Grete biografische Einblicke in häusliche Gewalt. Beide Freundinnen fürchten sich davor, dass ihre Kinder sie durch, jawohl: Selbstkastration ums Enkelglück bringen.

Die göttliche Jauche

Geschichten werden erzählt und nicht angehört. Jede der drei Frauen malt sich ihr eigenes Glück zunehmend angestrengter aus, bis die drei Träume kollidieren. Dem Dreck, in dem sie alle landen, entspringt der schwärzeste Humor. Auf die Spitze treibt diesen Valentin Markus Oppermann als infantil erleuchtete Mariedl. Ihre Gottesgabe besteht darin, dass sie jeden noch so verstopften Abort – «Mariedl machts auch ohne» - mit blossen Händen wieder instand setzt. Ehrenhaft ist der «Griff in die Muschel», schliesslich habe Gott auch die menschliche Jauche erschaffen. Oppermann spricht verkniffen und entrückt, die Sätze gehen mit ihm durch und treffen doch ins Schwarze.

Knapp zwei Stunden überwiegen die Dialoge, manchmal fehlt das Tempo, doch die Sprache trägt darüber hinweg. Grete und Erna werden handgreiflich, versöhnen sich und singen Gassenhauer. Auch ein Psalm von Schubert erklingt gegen Schluss, dazu kommt Er, ein dauergrinsender Herr (Slawek Bendrat), ins Bild getaumelt, vielleicht die Erlösung, vielleicht nur leere Projektion der Damen.

Abgesehen von diesem Er und einigen gestrichenen Textstellen zeigt «Gottesmütter» aber eigentlich «Präsidentinnen» von Werner Schwab, und zwar sehr gelungen, wortgetreu und ganz im Sinne des verstorbenen österreichischen Dramatikers, der sich als Dreck der Erde, als «letztes Biest im Himmel» sah. Weniger in seinem Sinne dürfte sein, dass er zwar im Programmheft zitiert, aber nicht als Autor ausgewiesen wird. Das ist kein Plagiat, sondern ein eigener, starker Abend von Pink Mama Theatre, doch er baut elementar auf die Figuren, das Milieu und die Sprache dieses Erinnerungswürdigen.

Weitere Vorstellungen: 24. September und 1. Oktober (13 Uhr) sowie 30. September (17 Uhr) in der Tanzlounge. www.pinkmamatheatre.com (Der Bund)

Erstellt: 17.07.2017, 07:11 Uhr

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