Männerpläne, Frauenträume

Bei der spartenübergreifenden Uraufführung «Die Formel» macht Konzert Theater Bern vieles richtig. Und doch gelingt der Abend nicht so ganz.

So könnte es 1905 gewesen sein: Lenin (David Berger), Klee (Luka Dimic), Einstein (Gabriel Schneider), Robert Walser (Todd Boyce) und Statisten.

So könnte es 1905 gewesen sein: Lenin (David Berger), Klee (Luka Dimic), Einstein (Gabriel Schneider), Robert Walser (Todd Boyce) und Statisten.

(Bild: Philipp Zinniker (Agentur))

Man nennt sie Weltformel oder «Theorie von allem», und sie soll – bislang war die Suche allerdings vergeblich – alle bekannten physikalischen Phänomene auf einmal beschreiben. Ähnliches versucht auf der Bühne das spartenübergreifende Werk «Die Formel», das am Freitagabend im Stadttheater uraufgeführt und dabei tüchtig gefeiert wurde. Es geht um Geschichte, Politik und Macht, Wissenschaft und Kunst – und um die Rolle der Frauen. Das ist viel auf einmal. Die Grundhandlung erzählt in acht Bildern vom fiktiven Zusammentreffen dreier wichtiger Paare in Bern, nämlich von Wladimir Iljitsch Lenin, Albert Einstein und Paul Klee mit Nadeshda Krupskaja, Milena Mari? und Lily Stump («Kleiner Bund» vom 1. März).

Verbrieft ist jedenfalls, dass der Revolutionär, der Wissenschaftler und der Künstler 1905 tatsächlich in Bern weilten. In der Schweiz lebte damals auch Robert Walser; hier ist er der Vierte im Bunde, der das Treiben der Grossen ironisch durchkreuzt und im Musikerquartett den Triangel schlägt. Das Konzept der Autorin Doris Reckewell ist mehrschichtig: Sie bricht ihre Geschichte mit den Visionen («Zeitfenstern») der Männer und den Träumen der Frauen.

Die Idee ist bestechend, ihre Umsetzung über weite Strecken gelungen. Einfache, prägnante Bilder auf der Drehbühne erlauben rasche Wechsel vom Bahnhof an die Uni, in Klees Soussol oder zu Einsteins an die Kramgasse. Auch wunderbar epochengerechte Kostüme hat Ausstatterin Lilot Hegi entworfen.

Alle opfern sich

Das Theater hat keinen Aufwand gescheut für diese Uraufführung: Im Graben sitzt die Camerata Bern, in für sie musikalisch ungewohnten Gefilden mustergültig geleitet von Jonathan Stockhammer. Torsten Raschs Partitur – eher Schauspielmusik denn Oper – begleitet die Verwandlungen und die Traumszenen atmosphärisch dicht und stilsicher. Wo der Bariton Todd Boyce alias Robert Walser singt, mischt sich Viviane Chassots Akkordeon markant ein, und dieser Hauch von Kirmes bekommt der clownesk-poetischen, dem Pierrot Lunaire ähnlichen Figur gut.

Treffsicher herausgearbeitet hat Regisseur Gerd Heinz die Hauptcharaktere. Hier David Berger als verbissen arbeitswütigen Lenin, Luka Dimic als milden Klee und Gabriel Schneider als überheblich selbstverliebten Einstein. Dort Milva Stark als matronenhaft besorgte Nadeshda, Mariananda Schempp als trotz Einsteins Gemeinheiten loyale Milena und Irina Wrona als resignierte, aber praktisch veranlagte Lily («Ich habe doch immer ein Bild dabei»). Alle drei Frauen haben ihre eigene Karriere jener des Mannes geopfert: Lenin und seinem Weg zur Revolution, Einstein und seiner Suche nach der Formel, Klee und seinem Ergründen der Kunst.

So flüchten sich die Frauen denn in ihre Träume, nun gedoubelt von Sängerinnen: Evgenia Grekova als eindringliche Nadeshda, Eleonora Vacchi als leuchtkräftige Lily und Marielle Murphy als expressive Milena. Die Traumszenen gehören zum Stärksten, was Bühne und Musik zu bieten haben. Als Chor und Bewegungschor agiert das von Patrick Secchiari einstudierte Vokalensemble Ardent; den Frauen erscheinen Strahlenopfer aus Hiroshima, junge Komsomolzen und hippe Galeriebesucher.

Allerdings unterbrechen diese Träume den Handlungsstrang teilweise zu lang. Gänzlich entbehrlich wären die Visionen der Männer. Das liegt nicht an Jürg Wisbach, Jonathan Loosli, Johanna Dähler und Lilian Naef, die sich die acht Erscheinungen von Savonarola über Gudrun Ensslin bis zu Margaret Thatcher teilen und durchaus gute Figur machen. Doch diese weitere Ebene überfrachtet das ohnehin komplexe Konzept endgültig und lenkt ohne schlüssige neue Erkenntnisse vom vorzüglichen Haupttext ab (der sogar für einige Lacher sorgt – «Der Zug hat doch sonst nie Verspätung»).

Zu viel aufs Mal

Gegensätze müsse man aushalten können, hat Regisseur Gerd Heinz dem «Kleinen Bund» zu Protokoll gegeben, und davon singt auch Robert Walser im zweiten Teil. Mag sein, hier aber sind es ihrer doch etwas viele. Deshalb geht es dieser «Formel» wie der Weltformel: Sie will alles aufs Mal – zulasten von Klarheit und Stringenz. Der Eindruck bleibt bei allen Vorzügen der Produktion diffus, weniger wäre mehr gewesen.

Weitere Aufführungen bis 14. April

Der Bund

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