«Lear? Das ist kein netter Kerl»

Er glänzte in seiner ersten Spielzeit am Stadttheater Bern bereits als Blaubart und Karl Marx. Nun spielt Stéphane Maeder zur Saisoneröffnung den König Lear.

«Das Drama» von König Lear greift einen an, wenn man selber Kinder hat», sagt Schauspieler Stéphane Maeder.

«Das Drama» von König Lear greift einen an, wenn man selber Kinder hat», sagt Schauspieler Stéphane Maeder. Bild: Adrian Moser

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König Lear strengt an: Nach der Probe sitzt Stéphane Maeder vor einer grossen Portion Tartar. Ein stattlicher Lear ist der imposante Schauspieler, der seit einem Jahr zum Ensemble des Berner Stadttheaters gehört. Für den Lear hat er sich den Bart wachsen lassen, doch für den 52-Jährigen ist klar: «Ich spiele keinen Achtzigjährigen, wie es Shakespeare vorgesehen hat. Unser Lear ist Unternehmer und ein vitaler Mittfünfziger.» Überaus komplex und schwierig ist die Rolle Lears, deren Problem der grosse Regisseur und Schauspieler Fritz Kortner einmal folgendermassen umschrieben hat: «Hat man die physische Kraft dazu, hat man die Reife nicht; hat man die Reife, hat man die Kraft nicht mehr.»

In Bern, wo mit «König Lear» die Schauspielsaison am Stadttheater eröffnet wird, ist er denn auch kein König mit Krone, Zepter und Hermelinmantel, auch wird keine Burg aufgebaut, vor deren geschlossenem Tor der König verzweifelt. «Wenn man den «Lear» historisch inszeniert, dann dringt man nicht zum Kern des Stücks vor», sagt Maeder, der während der Proben seinen aktuellen Berner Lear entdeckt hat – auf der riesigen Werbung, die am verhüllten Burgerspital hängt. Dort trinkt eine distinguierte ältere Dame ihren Tee aus edlem Porzellan und überlegt sich, wem sie dereinst ihr Vermögen vererben will. «Die Süffisanz, die diese Bankwerbung ausstrahlt, ist unglaublich», sagt Maeder. «Was dem König widerfährt, das passiert auch heute noch.»

Shakespeare lässt im Drama von 1606 seinen König alles verlieren, das Reich, die Macht, die Lieblingstochter, nachdem er mit seinen Töchtern einen Handel abschliessen und von ihnen wissen wollte, wie sehr sie ihn liebten. Ihren Beteuerungen gemäss hätte er dann gerne seine Schätze verteilt. «Ein Deal, der immer noch praktiziert wird», sagt Maeder. «Da baut einer ein Leben lang etwas auf, ein Land, eine Machtposition, eine Familie oder eine Firma. Dafür hat er viel geschuftet, nun will er sein Lebenswerk abgeben und das Leben noch ein wenig geniessen.» Aber eben, das Problem sei, dass es mit dem Abgeben meist nicht so recht klappen wolle.

Lear, der Verdränger

Es ist das erste Mal, dass Stéphane Maeder, der in seiner ersten Berner Saison als Karl Marx oder Blaubart beeindruckt hat, als Lear auf der Bühne steht. Zwar ist er während seiner langen Schauspielkarriere schon bei einigen «Lear»-Inszenierungen mit von der Partie gewesen. In Mannheim erst und dann in Schwerin, wo er die letzten 13 Jahre zum Schauspielensemble gehörte. Mit seiner Tochter ist Maeder letztes Jahr in die Schweiz gezogen, die er vor 27 Jahren verlassen hatte.

Geboren wurde er in Lausanne, in Zürich besuchte er die Schauspielakademie. Nach Bern geholt hat ihn Schauspielchefin Iris Laufenberg, Aufgefallen ist er der früheren Leiterin des Berliner Theatertreffens 2011, als die Schweriner Produktion von Gerhard Hauptmanns «Biberpelz» in der Inszenierung von Herbert Fritsch nach Berlin eingeladen wurde. Maeder musste nach Laufenbergs Anruf nicht lange überlegen, ein Wechsel war fällig. «Ich habe gestaunt, wie schnell ich mich hier wieder eingewöhnt habe», sagt Maeder. «Es ging so rund wie das Skifahren, wo ich mir die Bretter angeschnallt und das Gefühl gehabt habe, ich wäre nicht vor Jahrzehnten, sondern letzte Woche auf der Piste gewesen.»

Lear im Wohnzimmer

Hier in Bern hat sich seine Wahrnehmung der Figur des Lears während der Proben stark verändert. Früher, da habe er den Lear immer schräg von unten betrachtet, sagt Maeder. An der Schaubühne zum Beispiel, wo er als junger Schauspieler zum Ensemble gehörte und 1985 Klaus Michael Grübers legendäre Inszenierung mit Bernhard Minetti in der Titelrolle sah, da habe er den König als positive Figur wahrgenommen. «Aber heute? Lear? Das ist kein netter Kerl», sagt Maeder dezidiert. «Er ist ein Verdränger, einer, der bis zum Schluss nichts begriffen hat und den auch die Schmerzen nicht läutern.»

Nicht das Alter sei bei der Rolle entscheidend, hat Maeder realisiert, sondern ob man Erfahrungen als Vater habe. «Das Thema greift einen an, wenn man selber Kinder hat. Sie machen verletzlich und die Haare grau», sagt Maeder, der auch Vater eines erwachsenen Sohnes ist. «Denn eigentlich geht es ja um Liebe. Aber Lear will Liebe gegen Besitz. Jene Tochter soll den Löwenanteil erhalten, die ihn am meisten liebt. Und weil die drei jungen Frauen nicht so reagieren, wie er es sich vorgestellt hat, ist er völlig aufgeschmissen.» So werde Lears abstruse Idee, die Liebe der Kinder mit seinem Reichtum aufzuwiegen, für alle zur Überforderung. «Er bringt die ganze Familie in eine Zwangssituation, aus der sie nicht mehr herausfindet.»

Die Inszenierung von Lisa Nielebock, mit der Stéphane Maeder schon in «Torquato Tasso» zusammengearbeitet hat, konzentriert sich ganz auf diesen Konflikt. Um mehr als die Hälfte hat die junge deutsche Regisseurin Shakespeares Personal reduziert, alle Nebengeschichten sind gestrichen, die Handlung konzentriert sich ganz auf die Königszenen. Beibehalten wurde einzig das Drama von Graf Gloucester und seinen beiden Söhnen Edmund und Edgar, in deren Schicksal sich jenes von Lear spiegelt. «Lears Drama kann man auch in einem Wohnzimmer spielen», sagt Maeder.

Premiere Samstag, 12. Oktober, 19.30 Uhr, Stadttheater. Aufführungen bis 22. Februar 2014.

(Der Bund)

Erstellt: 09.10.2013, 12:03 Uhr

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