«Ich will nicht Liz Taylor sein»

Becketts Wahnsinn in Manns Sanatorium: Anne Leppers «Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier» 
am Berner Stadttheater ist eine beklemmende Parabel auf die Leistungsgesellschaft.

        Die dringliche Frage ?des Stücks ist nicht, ?wie man schlank wird. Sondern wie man den Tag übersteht, ohne sich umzubringen.

Die dringliche Frage ?des Stücks ist nicht, ?wie man schlank wird. Sondern wie man den Tag übersteht, ohne sich umzubringen. Bild: Annette Boutellier

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«Nein, meine Erbsen ess ich nicht», ruft Leo (Benedikt Greiner). Er ist der Neuankömmling im Kurhaus über der Baumgrenze, wohin Eltern ihre übergewichtigen Kinder für viel Geld in die Obhut des ominösen Doktor Bärfuss schicken. Mittels Liege- und Sonnenkur sollen sie hier abnehmen, das heisst, wieder «richtig» gemacht werden, denn «wer falsch aussieht oder tot ist, den sieht man nicht». Nachts gibt es von oben verordnete ­Kuchenexzesse – dünner wird hier niemand. Doch man hat sich an die Regeln zu halten, so lange, bis der Doktor zur Generalinspektion und anschliessenden Entlassung erscheinen wird. Nur, wann das sein wird, weiss niemand.

Ausser den Kindern gibt es nur den dünnen Morphinisten Sebastian (Andri Schenardi), der nur hier ist, weil ihm die Lebensform der Krankheit zusagt und der stumm und apathisch, vielleicht auch tot, auf dem Gemeinschaftsdiwan liegt. Für die Gesellschaft der Kur­willigen ist er anbetungswürdiges Schönheitsideal und Goldenes Kalb zugleich.

Existenzialistischer Kern

Das Leitmotiv der Fettleibigkeit als ­Ausgrenzungsgrund wirkt auf den ersten Blick etwas platt. Doch der brilliante Text von Anne Lepper und die Inszenierung von Dominic Friedel geben dem Stück in den Vidmarhallen eine Fülle, die derjenigen der Fat-Suit tragenden Schauspieler in nichts nachsteht. Die dringliche Frage des Stückes ist nicht, wie man schlank wird, sondern – im Sinne des Existenzialismus – wie man den Tag übersteht, ohne sich umzubringen.

Anne Lepper hat Philosophie, Geschichte und Literatur studiert. In Bern absolvierte sie den Studiengang für literarisches Schreiben an der Hochschule der Künste. Die 36-jährige Autorin wird vor allem für ihre knappen und ­intensiven bis skurrilen Dialoge geschätzt; die Kritikerjury des Fachblattes «Theater heute» wählte sie 2012 zur Nachwuchsdramatikerin des Jahres. Auch ihr aktuelles Stück «Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier» lebt von bis aufs Innerste verdichteten Gesprächen und ist nun erstmals auch in der Schweiz zu sehen.

Struwwelpeter und Žižek

Die deutsche Schriftstellerin hatte 2011 mit ihrem Stück «Hund wohin gehen wir» einen Werkauftrag am Stückemarkt des Berliner Theatertreffens gewonnen und sich mit «Seymour» für das Schauspielhaus Hannover eine finster-groteske Geschichte und eine Parabel auf den Optimierungswahn ausgedacht. Dabei versetzt sie das Sanatorium aus Thomas Manns «Der Zauberberg» in die Gegenwart und füllt es mit Figuren à la «Warten auf Godot» von Samuel Beckett. Dabei werfen die Kinder mit Zitaten um sich, wobei sich Lepper bei Struwwel­peter ebenso bedient wie beim Philosophen Slavoj Žižek oder dem Psycho­analytiker Jacques Lacan.

Der übermässige Einsatz von Verweisen birgt die Gefahr, dass die Dialoge in Formelhaftigkeit erstarren. Bei «Seymour» ist das nicht der Fall, und wenn, dann ist es Absicht: Die alteingesessenen Kinder klären den Neuankömmling im Chor über die Regeln des Hauses auf, ­leiern herunter, was ihnen eingetrichtert worden ist, ohne es wirklich zu verstehen, und betonen die Worte herrlich schräg.

In diesem Mikrokosmos in den Bergen stehen die Randständigen aus dem Tal plötzlich in der Mitte, illustriert durch die trichterförmige Bühne (Olga Ventosa Quintana). Immer steiler werdende Wände umgeben die Protagonisten, die Versuche, über den Mauerrand zu gelangen, scheitern allesamt und befördern die Kugelkinder immer wieder ins Zentrum des alles schluckenden, alles vereinnahmenden Trichters zurück, der zugleich die Masslosigkeit symbolisiert, weswegen die Kinder ja überhaupt erst ins Kurhaus geschickt worden sind. Der Unterschied ist nur, dass hier oben auch der Exzess mit zum Programm gehört, und spätestens da spielt es dann auch keine Rolle mehr, ob von überrissenen Schönheitsidealen, Übergewicht und Fressattacken die Rede ist oder von der kapitalistischen Gesellschaft, die am Freitag gleichzeitig die Bürotür zu- und die Flasche aufmacht. Der Trichter wird zur Norm ausserhalb der Norm.

Doch das fragile Gleichgewicht dieser scheinbaren Konsensgesellschaft wird durch die Ankunft Leos gestört. Der Neue hinterfragt die Regeln des Doktor Bärfuss, die Robert (Milva Stark) – auch er Patient – als selbst ernanntes Sprachrohr des Kurleiters von sich zu geben pflegt. «Man muss nämlich unter allen Umständen richtig aussehen und nicht falsch», zitiert Robert den Doktor, «und darum hat man auch Liz Taylor zuletzt nicht mehr so oft gesehen.»

Zweifel schleichen sich ein

Es findet ein weiterer Ausgrenzungs­prozess statt. Leo, der zunächst noch glaubt, er sei nur aus Versehen hier und werde bald wieder abgeholt, verliert nach und nach die Hoffnung. Vielleicht ist der ominöse Seymour, der schlanke englische Cousin, doch nicht nur vorübergehend in Leos Zimmer im Elternhaus gezogen. Da beginnen auch die anderen Kinder zu zweifeln. Doch nur mit dem starren Regelwerk der Kur und ohne wirkliche Hilfe von aussen verheddern sich die Kinder in ihren Ängsten und Wünschen, versuchen herzzerreissend traurig mit aufkommenden Gefühlen fertig zu werden. Liebesgeständnisse und Hassbekundungen, Gewalt und Zweifel zerrütten die Gruppe und lassen sie im Trichter umherpurzeln.

Und wie Estragon warten sie auf ­ihren Godot Bärfuss. Der Heilsbringen­­de aber erscheint niemals zur General­inspektion. Die Erlösung bleibt aus, und im Angesicht der Sinnlosigkeit dieser Kur und der Scheinheiligkeit ­ihrer Werte und Regeln verzweifeln die Kinder zusehends. Ihre pummelig-­lustigen Gestalten, die zu Beginn des Stückes noch für einige Lacher gesorgt hatten, sind spätestens jetzt nur noch tragisch: «Ich will nicht Liz Taylor sein», ruft Mitpatient Max (Pascal Goffin), bevor er sich umbringt.

Weitere Aufführungen bis 12. Mai. (Der Bund)

Erstellt: 16.12.2014, 07:50 Uhr

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