«Ich verlasse dich» – Send

Der junge russische Regiestar Timofej Kuljabin erzählt Henrik Ibsens «Nora oder Ein Puppenhaus» in der Schiffbau-Box als dreistündiges Whatsapp-Kreuzfeuer.

In Timofej Kuljabins «Nora» ist das Leben doppelt unter Glas. Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

In Timofej Kuljabins «Nora» ist das Leben doppelt unter Glas. Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

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Scharade spielen an einer schicken Party: Darauf hat Fritz Fennes Helmer keine Lust. Er sei schon immer ein schlechter Schauspieler gewesen, brummt er – ein sicherer Lacher beim Publikum in der Box. Hektisch hopst er dann auf dem Bodenherum, knabbert mit aufge­worfenen Lippen unsichtbare Nüsse; aber die Festgäste kapieren seine Pantomime einfach nicht. Dabei ist es doch klar, nölt Helmer: ein Eichhörnchen!

So ist das, wenn es knarzt in der Kommunikation. Und in Henrik Ibsens «Nora oder Ein Puppenhaus» von 1879 knarzt es bekanntlich gewaltig. Die zwei, die da seit neun Jahren quasi die glückliche Familie Eichhorn spielen, haben sich von Anfang an völlig missverstanden.

Heile Welten gibt es nicht

Das «Eichhörnchen» – so Helmers Kosename für Nora – funktioniert als putzige Deko, samt Nanny und Tanzeinlage:Lisa-Katrina Mayers Hausfrau hat ein Pfötchen für Accessoires; und Helmer sorgt fürs nötige Kleingeld. Gerade hat man ihn zum Bankdirektor erkoren, als eine alte Unterschriftenfälschung Noras, von der er nichts gewusst hatte, die heile Welt bedroht. Es zeigt sich: Er hat nicht das Zeug zum opferbereiten Ritter; seine Dame ist enttäuscht.

Das ewige Aneinandervorbeifantasieren im protofeministischen Hit des Norwegers schreie nach einem Handytheater oder Whatsapp-Kreuzfeuer, erklärt der 34-jährige Regisseur Timofej Kuljabin seine zweite Arbeit ausserhalb Russlands. In unserem Smartphone-Universum ist Babyfüttern eine lästige Pflicht zwischen zwei SMS-Nachrichten. Statt echtem Austausch gibts Selbstdarstellungskaskaden via Selfies, Emojis, Ausrufezeichen-Haufen. Und über alle Chats und Herzenszustände den Überblick zu behalten, geht nicht, wenn die Aufmerksamkeit umherhüpft wie ein hektisches Eichhörnchen.

Wenig Gesprochenes, wenig Requisiten

Genau dieses Gehüpfe macht auch der Zuschauer mit: Oben an der Wand sehen wir die Handydisplays der Protagonisten im Kinoformat. Die stark und geschmeidig gekürzten Dialoge tippen die Figuren vor unseren Augen als Whatsapp- und Facebook-Nachrichten ins Phone. Wirklich gesprochen wird wenig. Motiviert wird das stille Digitaltheater dadurch, dass Kuljabin das Stück aus Ibsens biedermeierlichem Salon hinauskickt. 

Unten also arrangiert Bühnenbildner Oleg Kolovko mit wenig Requisiten, schwer symbolträchtig hinter Glas, wechselnde TV-Serien-Sets: den Kita-Flur, wo der Bankdirektor noch rasch seine Nachrichten checkt; die triste Küche der arbeitslosen Christine – Isabelle Menke im Morgenmantel –, die mit Facebook-Nachrichten ihre frühere Freundin Nora für sich einspannen will; die ebenso triste Fast-Food-Ecke, in der der alleiner­ziehende Krogstad – Christian Baumbach als zerknautschter Loser – seine Kids abfüttert, derweil er Dating-Vorschläge herunterscrollt; das Bad, in dem sich Nora verbarrikadiert, als Helmer ihr die Liebe aufkündigt.

«Begreifst du überhaupt – Komma – dass du meine Karriere zerstörst – Fragezeichen», diktiert der leise ins Smartphone. Wieder vereint im Wohnzimmer, tippt das Paar dann über den Kopf des Buben hinweg das Ehefinale. «Ich verlasse dich», stellt Nora fest. «Ich habe Pflichten mir selbst gegenüber.» Und wir realisieren erstaunt, dass dieses auseinanderdriftend-statische Lesetheater uns knapp drei Stunden bei Laune gehalten hat.

Alle mittelnett, irgendwie

Doch, doch: Die Handy-«Nora» ist im Grunde ein schlichtes, munter dahinplätscherndes Erzähltheater. Die Story kennt man, den Smartphone-Sprech auch, und die Soap-Opera-Clips zielen auf die vielen bereits angemeldeten Schulklassen. Da knallt keine überwältigende Nora ihren Helmer ab wie 2003 in der legendären Thomas-Ostermeier-Inszenierung. Nein, die Heldin hat hier was sehr Kleinliches wie Helmer eben auch: kein Unmensch, sondern ein schrecklich schwacher Mensch, der seine Kinder liebt. Kuljabin treibt es mit dem Herunterdimmen intellektueller Ansprüche fast zu weit. 

Der Schneider ist schwul, die Nanny schwarz, und alle sind mittelnett, irgendwie. Dass Kuljabins gefeierter «Tannhäuser» den Opernchef in Nowosibirsk nach Protesten der Kirche den Posten kostete und dass seine «Drei Schwestern» in Gebärdensprache international Furore machten: Nach dieser hübsch-harmlosen «Nora» unter Glas glaubt mans kaum. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 18.11.2018, 18:00 Uhr

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