«Ich bin gerne der Hofnarr»

Als Leiterin der Y-Lehre am Institut für Transdisziplinarität an der HKB geht Leonie Stein in Pension. Was bleibt? Die 65-Jährige überlegt nicht lange: Das Gefühl, frei zu sein, sagt sie. «Frei für neue Herausforderungen.»

Sie sagt stets, was sie denkt, und ist bereit, die Konsequenzen zu tragen: die Berner Theaterfrau Leonie Stein.

Sie sagt stets, was sie denkt, und ist bereit, die Konsequenzen zu tragen: die Berner Theaterfrau Leonie Stein. Bild: Adrian Moser

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Sie wird gleich verreisen, der Koffer ist gepackt. Nun habe sie endlich Zeit, die Netzwerke, die sie während ihrer Berufszeit über ganz Europa gespannt habe, zu pflegen, sagt Leonie Stein und zündet eine Zigarette an. Dabei, sagt sie, sei sie auch sehr gerne zu Hause.

Mitten in der Stadt Bern hat sie sich ein Refugium eingerichtet. Es ist ein Lebensmittelpunkt, an dem sie immer wieder gerne ankommt und aufbricht. Auf der Terrasse wächst ein mannshoher Olivenbaum. Es duftet nach Basilikum und marokkanischer Minze. Hell, weit und klar ist auch alles im Wohnbereich. Die erlesene Kunst an den Wänden und die sparsame Möblierung gehören zum Konzept. Wer hier als Gast eintritt, der hat einen Auftritt.

Und was hat es mit der archaischen Skulptur auf sich, die im Entrée in die Höhe ragt? «Oh», lacht Leonie Stein. «Das ist keine Kunst, sondern ein verwaister Katzenbaum.»

Der Humor ist ihr nicht abhandengekommen in den Jahren, in denen sie sich an der Hochschule der Künste als Dozentin für die Interessen der Studierenden starkgemacht hat. Als Regisseurin, Mentorin, Fachbereichsleiterin und Dozentin kam in Bern niemand an ihr vorbei. Stein wurde respektiert und vielleicht manchmal auch gefürchtet. Sie ahnt, weshalb: «Ich habe stets gewagt zu sagen, was ich denke, und war immer bereit, die Konsequenzen zu tragen», sagt sie.

Zwischen den Disziplinen

Sie ist die Frau mit dem «Ypsilon» in der Vita. Auch deswegen dürfte sie als Pionierin in Berns Theatergeschichte eingehen: Leonie Stein hat in den letzten sechs Jahren an der Hochschule der Künste Bern (HKB) den Studienbereich mit den transdisziplinären Lehrangeboten weiterentwickelt und ausgebaut. «Ich verstehe Ausbildung als Wegstrecke über eine Brücke», sagt sie. «Sie ist ein Übergang aus der Adoleszenz ins Berufsleben. Ich sah es als meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie tragfähig ist.»

Die Verbindung zwischen den Künsten habe sie immer interessiert. Konkret: Leonie Stein hat untersucht, wie sie die Talente der Studierenden individuell stärken kann, auch jener, die über ihre Fachdisziplinen hinaus spezielle Begabungen und Interessen haben und ihre künstlerischen Fähigkeiten erweitern möchten. Beispielsweise Musikerinnen und Musiker, die auch darstellerische Begabungen haben. Oder Schriftstellerinnen und Autoren, die auch bildlich arbeiten möchten. Für Mehrfachbegabungen fehlte bislang ein Ausbildungskonzept, das die einzelnen Disziplinen erweiterte.

Die Ypsilon-Idee habe anfänglich auch kritische Reaktionen provoziert, sagt Leonie Stein. «Es gab Leute, die befürchteten, dass damit der Dilettantismus gefördert würde.» Sie habe sich stets als «Brückenschlagende» zwischen den Disziplinen verstanden. «Es war zuweilen ein Seiltanz, der viel diplomatisches Geschick erforderte.»

Tugenden fürs Leben

Auch sie selbst ist zwischen den Künsten aufgewachsen. Ihr Vater Hermann Gattiker war Musik-, Theater- und Filmkritiker beim «Berner Tagblatt» und veranstaltete zwischen 1940 und 1959 Hauskonzerte, die nach seinem Tod von seiner Frau bis 1967 weitergeführt wurden. Die «Gattiker-Hausabende für zeitgenössische Musik» waren legendär: Die Crème de la Crème der zeitgenössischen internationalen und Schweizer Komponistengilde ging in ihrem Elternhaus ein und aus. Dass sie mit ihren Geschwistern in einem künstlerisch anregenden Umfeld aufgewachsen ist, in dem «alle Künste gleichberechtigt waren», das habe sie geprägt.

Intellektueller Hunger

Leonie Stein, die damals noch Gattiker hiess, spielte Geige und begann bei der Berner Tänzerin Beatrice Tschumi zu tanzen. Mit 16 wechselte sie an die Royal Ballet School in London, wo sie 1967 die Tanzausbildung abschloss. Es folgten Engagements als Tänzerin in Italien und Deutschland. In jenen Jahren erlebte sie an den Theatern den grossen Wandel: Es kamen die ersten spartenübergreifenden Produktionen auf. Pina Bausch lancierte ihr Tanztheater, auf den Schauspielbühnen wurden Produktionen mit Tänzern entwickelt. Das weckte ihre Neugier, ihren intellektuellen Hunger. «Ich wollte mich weiterentwickeln und suchte in der Kunst die politische Auseinandersetzung mit Gesellschaftsfragen.»

Auf einmal genügte Leonie Stein das klassische Ballett nicht mehr. Sie entschied sich für eine Auszeit und fand zurück nach Bern, wo sie vom damaligen Leiter der Schauspielschule, Paul Roland, als Coach für Schauspielstudierende in einer Inszenierung von Regisseur Volker Hesse und als Dozentin engagiert wurde.

Und plötzlich ging alles ganz schnell. Ab 1989 arbeitete Leonie Stein als stellvertretende Leiterin und ab 1996 als Leiterin des Fachbereichs Theater an der Berner Schauspielschule. Als Verrat am Tanz verstand sie ihre berufliche Erweiterung zum Schauspiel nie. Im Gegenteil. Sie verdanke der professionellen Tanzausbildung viel, sagt Leonie Stein. «Selbstdisziplin, Selbstbewusstsein, Selbstverantwortung: Das sind Tugenden, die einem nicht nur im Ballettsaal, sondern ein Leben lang zugutekommen.» Als Dozentin, Regisseurin und Mentorin vertrat sie einen weiten Künstlerbegriff. Doch, sagt sie: «Für mich ist das keine Frage: Kunst kommt von Können, nicht von Wollen!» Ein Künstler müsse fähig sein, sein Werk inhaltlich und kritisch zu reflektieren. Das tut sie auch selbst.

Anklage wegen Gotteslästerung

Bereits im ersten Jahr als Leiterin der Berner Schauspielschule wurde Leonie Stein arg geprüft. Zusammen mit der Regisseurin Barbara Frey, der heutigen Direktorin des Zürcher Schauspielhauses, musste sie sich wegen Gotteslästerung vor Gericht verantworten. Sie waren angeklagt, mit der Aufführung des «Liebeskonzils» von Oskar Panizza (1853 bis 1921) den Artikel 261 des Strafgesetzbuches verletzt zu haben. Der Schauspielerin und der Regisseurin drohte eine Verurteilung. Doch sie wurden freigesprochen. Eine Erfahrung, die Stein nie mehr vergass und die sie zur Reflexion angeregt hat über Fragen, was die Aufgabe des Theaters ist.

Sie ist sich sicher: «Theater ist nicht dazu da, Erwartungshaltungen eines Publikums zu bedienen. Vielmehr sollte es Fragen stellen, andere Sichtweisen aufdecken und den Diskurs in einer Stadt anregen. Wir Künstler sind niemandem verpflichtet und sollten unsere Narrenfreiheit nutzen, gegen Vorurteile anzugehen. Ich bin gerne der Hofnarr!»

Diskurs anregen

Auch künftig möchte Leonie Stein den Diskurs über Kultur anregen in Bern. Eine Reihe schwebt ihr vor wie damals, als sie «Zugabe – Kultur nimmt Stellung» organisierte, eine Veranstaltungsreihe mit Klara Obermüller als Moderatorin und dem Schriftsteller Franz Hohler, dem Filmemacher Markus Imhoof und dem Künstler, Komponisten und Regisseur Fred van der Kooij. Zu anderen Veranstaltungen und Seminaren, die Stein organisierte, holte sie Grössen wie die Künstlerin Marina Abramovic, den Tänzer und Journalisten Raimund Hoghe oder die Philosophin und Kriegsreporterin Caroline Emcke nach Bern.

Leonie Stein hält inne, schreitet leichtfüssig über das glänzende Eichenparkett und legt Haydn in den CD-Player. Die 99. Symphonie von 1794, die erste der Londoner Sinfonien. Hier verwendet Haydn das erste Mal Klarinetten. Für Leonie Stein ist es einfach «die Sinfonie mit dem berührenden Es-Dur-Thema». «Diese Musik bewegt mich.» Sie plane dazu ein Bühnenstück. Sie habe ja jetzt Zeit, sagt die Regisseurin, die mit 65 geradezu unverschämt jung aussieht. Sie könnte auch sagen: Ich bin jetzt pensioniert. Doch das sagt sie nicht. «Ich hasse das Wort!» Und sie mag auch das Wort Work-Life-Balance nicht: «Diese Trennung ist doch bescheuert! Work and life is one life.» Gut, sagt sie, da sie nie Kinder gehabt habe – «ein bewusster Entscheid» –, sei ihr die Verbindung leicht gefallen.

Die Fragen nach dem Leben, der Gesellschaft, den Formen von Kunst und Kultur und dem Beitrag, den ein Künstler dazu leisten kann, werden sie auch künftig umtreiben. «Sollte man es nicht jedem freistellen, wann er aufhören will?», fragt die Frischpensionierte. «Ich hätte gerne noch ein paar Jahre weitergemacht.» Was bleibt? Die 65-Jährige überlegt nicht lange: Das Gefühl, frei zu sein, sagt sie. «Frei für neue Herausforderungen.» Langweilig wird es ihr nicht werden. Ihrer Nachfolge an der Hochschule der Künste Bern übrigens auch nicht: Was Leonie Stein aufgegleist hat, soll an der HKB künftig von zwei Männern weitergeführt werden. (Der Bund)

Erstellt: 13.10.2013, 09:35 Uhr

Als ihr Ballet noch genügte: Ballerina Leonie Stein, ca. 1969 in Palermo. (Bild: zvg)

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