Heul doch!

So erpicht, in den Kopf eines Bühnenkünstlers zu steigen, war man schon lange nicht mehr. Iggy Malmborg macht dem menschlichen Narzissmus den Prozess.

«I’m a wireless loudspeaker»: Iggy Malmborg in boner.

«I’m a wireless loudspeaker»: Iggy Malmborg in boner.

(Bild: zvg/auawirleben.ch)

Daniel Di Falco

Steht er also da, der junge Kerl, mit heruntergelassener Hose, Hände hinter dem Rücken, Augen ge­schlos­­sen, und bemüht sich, auf Kommando und mit der blossen Kraft seiner Gedanken, um eine, also: Erektion.

Telepathie! Telepathie in eigener ­Sache, sozusagen. Aber das ist nicht einmal die Pointe. Erstaunlich ist vielmehr, dass der Vorgang an Explizitheit nicht 
zu übertreffen ist – und doch etwas ande­res zu be­deu­ten hat. Das achtzigminütige Solo heisst zwar «Boner» (selber nachschlagen, bitte).

Aber tatsächlich geht es Iggy Malmborg, dem schwedischen Per­former mit Jahrgang 1987, um Dinge wie die Autonomie des Subjekts. Um die übersehene Macht, die so profane Dinge wie ein Tisch oder ein Lautsprecher über unser Dasein haben. Und um die Frage, was menschliches Handeln und Wollen da noch sind. Zumal künstlerisches Wollen und Handeln in ­einer Performance wie dieser.

Immerhin ist die Erektion nicht das einzige Amt, das Malmborg aufgetragen wird. Er weint auf Befehl, dann hat er binnen drei Minuten zu erröten, und stets folgt er dabei der Stimme aus einem zylinderförmigen Drahtloslautsprecher. «I’m a wireless loudspeaker», sagt das Ding sehr überzeugend (wenn auch mit einem verdächtigen schwedischen Akzent), und es will noch weiteren Gegenständen auf der sonst leeren Schlachthaus-Bühne seine Stimme leihen.

So erklären Tisch und Boden, Scheinwerfer und Feuermelder, wer sie sind und was sie können – während der Zweibeiner nur ihr Auslaufbursche ist, vom Lautsprecher zu ihnen dirigiert. Eine Art Automatentheater, in dem sich schon bald die bedenkenswerte Frage stellt, wer normalerweise wen bedient: der Mensch das Ding? Oder das Ding den Menschen?

Vom Philosophen Georg Simmel gibt es eine hübsche Beobachtung über den Henkel an der Kanne: «Mit ihm reicht die Welt an das Gefäss heran.» Und genau diese «Vermittlung zur Welt» leisten unsere Gebrauchsgegenstände überhaupt.

Ohne die Objekte wären die Subjekte nichts, und daraus hat der Soziologe Bruno Latour eine ganze Theorie ent­wickelt – über menschliche und nichtmenschliche «Akteure», über die «Netzwerke», die sie gemeinsam bilden, und über ein «Parlament der Dinge», das Letzteren zu ihrem Recht verhelfen sollte.

Genau das tut Malmborg hier. So charmant, so gut gelaunt und zugleich so schlagend hat noch kaum je einer dem menschlichen Narzissmus den Prozess gemacht. Am Ende diskutieren zwei weitere Lautsprecher untereinander über ihr politisches Bewusstsein.

Und, von wegen Kunst: Könnte schon stimmen, dass kein Königsdrama allein den Schauspielern zu verdanken ist. Sondern ebenso der Krone und ihrer Fähigkeit, getragen zu werden.

Bei Auawirleben ist Malmborg noch in «Queer Sells» zu sehen, mit Johannes Schmit (Dienstag und Mittwoch).

Der Bund

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