«Herr Fueter, Sie sind ein guter Schauspieler, aber zu reich»

Er drehte mit Terence Young und führte in Bern ein Herrenkonfektionsgeschäft: Willy Fueter (1909–1962) machten jene Rollen am meisten Spass, die am wenigsten mit seinem Alltag als bürgerlicher Geschäftsmann zu tun hatten.

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Seine Schussligkeit und seine Vergesslichkeit waren so legendär, dass sie sogar dem «Figaro» eine Meldung wert waren. Der Berner Filmschauspieler Willy Fueter (1909-1962) sei einer der zerstreutesten Männer der Welt, schrieb die Zeitung 1947. Habe er doch seit seiner Geburt Sachen im Wert von gegen einer Million Francs verloren. Die französische Presse interessierte sich für Fueter, weil er in «One Night with You» mit der entzückenden Patricia Roc vor der Kamera stand. Auch der britischen «Picture Post» war dieser «Willy out of luck» nicht entgangen. Sie schilderte eine Woche aus dem Leben des Pechvogels folgendermassen: «Am Montag wurde ihm der Mantel gestohlen, am Dienstag fing sein Auto Feuer, am Mittwoch gab ihm im Zug eine Frau ihr Baby in Obhut und blieb über eine Stunde weg, am Donnerstag roch der Frühstücksfisch seltsam, und als er ihn probierte, traten Ammoniakdämpfe aus, und am Freitag, als er auf dem Filmset die Schauspielerin Irene Worth umarmen sollte, stolperte er und fiel der Länge nach vor der ganzen Filmcrew hin.»

Fueter spielte in der musikalischen Verwechslungskomödie den hemdsärmeligen Regisseur Pirelli, Stanley Holloway brillierte als Tramp, Regie führte kein Geringerer als der junge Terence Young, der Bond-Film-Regisseur, und sie alle standen am Anfang ihrer Karriere.

Die britische Produktion von 1948 war bereits der dritte englischsprachige Film, in dem Willy Fueter mit von der Partie war. Zuvor war er in «White Craddle Inn» von Harold French aufgetreten sowie im Thriller «Snowbound», wo er als bärbeissiger Hüttenwart Aldo glänzte. In allen drei Filmen überzeugt Willy Fueter mit viel komödiantischem Talent, präzisem Spiel und grossem Gespür für kleine Gesten. Dies mag wohl auch der Grund gewesen sein, dass er engagiert wurde, obwohl sein englischer Akzent nicht perfekt war und man aus ihm in zwei der drei Filme einen Italiener mit deftigem Akzent machte.

Zuschneiderlehre in London

«Wir haben nie herausgefunden, wie er es in die britische Filmszene schaffte», sagt Urs Fueter, der einzige Sohn von Willy Fueter. «Vielleicht hatte er noch Kontakte von früher, als er sich in den Zwanzigerjahren in London zum Zuschneider ausbilden liess und in die britische Theaterszene eintauchte.» Urs Fueter war zwei Jahre alt, als sein Vater am 26. Oktober 1962 starb, und hat alles gesammelt, was er über ihn ausfindig machen konnte.

So bekannt der Name Fueter in Bern noch ist, so vergessen ist heute der Schauspieler und Geschäftsmann Willy Fueter, der in 13 Filmen vor der Kamera und in Deutschland, England und der Schweiz auf der Bühne stand. Das Herrenkonfektionsgeschäft an der Marktgasse 38, das sein Vater Gustav in dritter Generation führte, gehörte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den führenden Bekleidungsunternehmen der Schweiz und war berühmt für seine edlen Stoffe aus England. Nach der Rückkehr in die Schweiz studierte Willy Fueter an der Universität Bern Nationalökonomie und schloss mit dem Doktortitel ab.

«Für ihn war es trotz seiner grossen Leidenschaft fürs Theater keine Frage, dass er einmal das Geschäft übernehmen würde», sagt Urs Fueter. Noch wurde der promovierte Betriebswirt aber im Unternehmen nicht gebraucht. So verliess er die Schweiz ein weiteres Mal, um sich in Berlin und Salzburg zum Schauspieler ausbilden zu lassen. Was sein Vater in den wilden Dreissigerjahren in Berlin alles erlebte, das hätte der Sohn gerne in Erfahrung gebracht. Doch gefunden hat er nur wenig. Eines der Dokumente aus jener Zeit ist ein imposantes Foto, das den jungen Willy Fueter mit schwarz umrandeten Augen und noch vollem Haar zeigt, als er 1939 in Hermann Bahrs «Der Meister» am Theater Bremen debütierte. Die Rolle des jugendlichen Liebhabers konnte er allerdings nicht lange spielen, weil er früh kahl wurde, was ihn ziemlich geschmerzt haben muss. Nach Ausbruch des Kriegs trat Fueter für kurze Zeit noch in Deutschland auf, dann kehrte er in die Schweiz zurück, wo er seine Fühler wieder nach England ausstreckte.

Mit Bertolt Brecht bekannt

Das meiste über die Schauspielkarriere seines Vaters weiss Urs Fueter von seiner Tante Hanni, Willys älterer Schwester und grosser Vertrauter. Sie sammelte alles über ihren Bruder und vermachte den Koffer mit den Souvenirs aus diesem ungewöhnlichen Künstlerleben ihrem Neffen. Sie erinnerte sich auch, dass Willy Fueter mit Bertolt Brecht bekannt gewesen war. «Herr Fueter, Sie sind ein guter Schauspieler, aber Sie sind zu reich», soll ihm der Dramatiker beschieden haben.

Eine Einschätzung, die Urs Fueter dezidiert relativiert. «Für Brecht war einer schon reich, wenn er einen Flanellmantel trug.» Die Familie Fueter habe zwar als wohlhabend gegolten, das meiste Geld sei aber immer ins Geschäft und in den Unterhalt des Patrizierhauses aus dem 17. Jahrhundert investiert worden. «Nicht selten hat es geheissen: ‹Jetzt brauchen wir noch einen umsatzkräftigen Samstag, damit wir die Löhne bezahlen können.›» Ein Traditionsgeschäft alter Schule war die Fueter AG. Der Direktor kannte die meisten Kunden noch persönlich, die Verkäufer wussten über deren Masse und Garderobe genau Bescheid, und ein Grossteil der Kundschaft kleidete sich ihr Leben lang bei Fueter ein.Akribisch suchte Urs Fueter nach Spuren seines Vaters, kontaktierte auch Zeitzeugen, die mit ihm vor der Kamera standen - Begegnungen, die nicht immer einfach waren. «Als ich Liselotte Pulver auf meinen Vater angesprochen habe, kicherte sie und wollte nichts verraten. Unsere Wohnung im Fueter-Haus, war ihr aber vertraut.» Die erste Begegnung mit Linda Geiser wiederum, die als junge Schauspielerin mit Willy Fueter in Franz Schnyders «Anne Bäbi Jowäger» spielte, verlief eher holprig.

Nach Ladenschluss auf die Bühne

Während die künstlerische Karriere dieses Bohemiens aus gutem Hause Lücken aufweist, so ist die fast 500-jährige Geschichte des Berner Patriziergeschlechts Fueter restlos dokumentiert. Aus Zug stammte ursprünglich die Familie Fueter. Der Pfarrer Johannes Futter war nach der Reformation aus Zug ausgewandert. 1658 erfolgte der Eintritt der Fueters in die Zunft zu Pfistern, und 1749 waren nicht weniger als sieben Fueters an der Henzi-Verschwörung, dem Komplott gegen die Berner Regierung, beteiligt, einer von ihnen wurde enthauptet. Weit herum bekannt war im 19. Jahrhundert Eduard Fueter, Professor für Medizin und eng mit Gotthelf befreundet. Der Briefwechsel der beiden ist heute in der Burgerbibliothek zugänglich.

Willy Fueters vielversprechende Karriere beim Film in der Nachkriegszeit wurde abrupt gestoppt, als 1948 sein Vater starb und er die Nachfolge antrat. Von seiner grossen Leidenschaft, dem Theater, trennte er sich allerdings nicht. Dem Herrn Direktor machte es Spass, nach Ladenschluss noch auf der Bühne zu stehen. Und das nicht nur in Bern - dort legte er sich allerdings ein Pseudonym zu. So trat er 1952 als Franz Wassmer in Gogols «Heiratskomödie» im Atelier-Theater auf. Der «Bund» schrieb damals: «Franz Wassmer spielte den schüchternen-bequemen Hofrat und Heiratskandidaten mit der Zurückhaltung, die zu dieser Rolle gehört, aber zugleich ungemein plastisch in den Nuancen der Mimik und den Modulationen der Stimme.» Für Extralacher sorgte der Umstand, dass der 43-jährige Fueter selber immer noch Junggeselle war.

Die überraschende Heirat

Über Fueters Privatleben vor seiner späten Heirat im Alter von fast 50 Jahren ist wenig bekannt. Er galt als gesellig und als grosser Charmeur, der gleichzeitig aber sehr diskret gewesen sein soll. «Es existieren auch keine Fotos von seinem Gesellschaftsleben», sagt Urs Fueter. Nur einmal habe er in einem Buch eine Fotografie gefunden, die den Vater in sehr netter Gesellschaft zeigt.

Mit der Heirat 1959 überraschte Willy Fueter Familie und Freunde. Filmreif ist die Lovestory zwischen dem distinguierten Lebemann, der so mühelos künstlerische und geschäftliche Ambitionen unter einen Hut brachte, und Sonja Krebs, die halb so alt war wie er. In Thun hatte die junge Bernerin ihn erstmals auf der Leinwand in «Uli, der Pächter» gesehen; als sie ihm dann später in Bern im Kornhauskeller begegnete, soll sie so hin und weg gewesen sein, dass sie ihrer Mutter sagte, das sei ihr künftiger Mann. «Ein veritabler Coup de Foudre, auch für meinen Vater», sagt Urs Fueter über die kurze, innige Liebesgeschichte seiner Eltern. «Mein Vater ist bis heute die einzige grosse Liebe meiner Mutter geblieben.»

Beim «Längsten Tag» dabei

Als Direktor des Familienunternehmens beschränkte Fueter die Schauspielerei aufs Theater. Erst 1955 machte er wieder in einem Film mit, in Franz Schnyders «Uli, der Pächter». Wie in den ausländischen Produktionen der Vierzigerjahre spielte Fueter auch in den Schweizer Filmen lauter Charakterfiguren: Mal war er ein hinterlistiger Käsefürst («Käserei in der Vehfreude»), mal ein windiger Advokat und Vetter («Anne Bäbi Jowäger»). Am meisten aber brillierte er in den Rollen, die mit seinem Leben als gutbürgerlicher Geschäftsmann nichts zu tun hatten und die ihm offensichtlich auch am meisten Spass machten. Zum Beispiel die des gescheiterten, kleinkriminellen Unternehmers in «Der Mann mit der schwarzen Melone» von Karl Suter. Da landet er im Gefängnis, wo zu seiner Überraschung auch sein Sohn, gespielt vom jungen Walter Roderer, zu ihm in die Zelle gesperrt wird.

Nach fünf Schweizer Produktionen fasste er Anfang der Sechzigerjahre auch wieder Fuss in der internationalen Filmszene. Bernhard Wicki holte ihn für «Das Wunder des Malachias». Fueter spielt den Verleger Franke, einen von Axel Springer inspirierten arroganten Medienmogul. Dass Wicki ihn trotz des hörbaren Schweizer Akzents für diese Rolle engagierte, belegt, wie überzeugt der Regisseur von Fueters Schauspielkunst war. Dank Wicki kam Fueter zudem 1962 zu einem Auftritt an der Seite von Curd Jürgens im Klassiker «Der längste Tag». Und der Schauspieler war so gefragt, dass er im Jahr vor seinem Tod in gleich zwei Produktionen von Kurt Früh vor der Kamera stand: Erst spielte er in «Ein Dach über dem Kopf» einen durchtriebenen Hausbesitzer, der von seinen Mietern übertölpelt wird, dann den jovialen Bürgermeister in «Der 42. Himmel». Die Premiere dieser Komödie voll absurder Komik über den Alltag eines Standesbeamten erlebte er allerdings nicht mehr. Ganz in der Nähe seines Geschäfts starb er auf der Strasse an einem Herzinfarkt. Sein plötzlicher Tod bedeutete auch das Ende des Familienunternehmens, das 1966 verkauft wurde.

50 Jahre nach dem Tod von Willy Fueter sucht sein Sohn Urs noch immer nach Erinnerungsstücken. Und der Koffer von seiner Tante Hanni birgt noch immer einen Schatz, den er nicht gehoben hat: Willy Fueter, der talentierte und witzige Geschäftsmann, spielte auch Klavier und komponierte. «Er hat ein Buch voller Noten hinterlassen», sagt sein Sohn. Wie sie tönen, die Melodien dieses schussligen Berners von Welt, weiss er nicht. Noch spart er sich dieses letzte Geschenk seines Vaters auf. Aber irgendwann wird er einen Pianisten engagieren und sich die Klavierstücke vorspielen lassen. (Der Bund)

Erstellt: 06.10.2012, 09:55 Uhr

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