Gestörte Totenruhe der Fernsehsüchtigen

Immer kälter: Das Weltalm Theater bringt die Schweizer Erstaufführung von Daniel Mezgers «Findlinge» ins Tojo.

Im Tojo-Theater geht die Schweizer Uraufführung von Daniel Mezgers «Findlinge» über die Bühne.

Im Tojo-Theater geht die Schweizer Uraufführung von Daniel Mezgers «Findlinge» über die Bühne. Bild: zvg

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Jedes Mal, wenn die grosse Gefriertruhe auf der Tojo-Bühne aufgeht, wird es im Zuschauerraum etwas kühler. Was die vier Figuren darin sehen und weshalb genau die junge Joana (Dorothée Müggler) in diesen Tankstellenshop in der nordischen Einöde landete, bleibt offen. Fest steht aber in der Schweizer Erstaufführung von Daniel Mezgers Stück «Findlinge», dass der letzte Bus gerade abgefahren ist. Der dünne Draht zur Zivilisation bleibt gekappt, bis es wieder hell wird. Also bis zum nächsten Frühling.

Ein Forscher (Lukas Kubik) taucht aus dem Nichts auf, wird seinerseits zum Überwintern in der Tankstelle verdammt, bleibt aber stumm und daher verdächtig.

«Wir brauchen keine weiteren Attentäter», warnt der Horrorfilmspezialist Lukas aus dem nahen Dorf vor dem Fremdling, verrät aber die Vorgeschichte nicht. Vom eigenen Sohn sagt er nur: «Hätte er sich nicht erhängt, hätte er ein paar von uns umgebracht.» Jaap Achterberg verleiht dem alten Mann durch sein ruhiges und urwüchsiges Spiel eine grossväterliche Behaglichkeit, die solche Aussagen besonders unter die Haut fahren lässt.

Die Verzweiflung der überalterten Gemeinschaft, die auf einem begehrten Ölfeld sitzt, wird angedeutet und in Nebensätzen versteckt. Begeisterung blüht in den Bewohnern nur noch auf, wenn sie über die Telenovelas sprechen. Wunderbar schrullig und doch glaubwürdig gibt Ruth Oswald die hippieske Schnapsdrossel Josephine. Sie ist für freie Liebe, Drogen, Tierfilme und Autonomie gegenüber den Ölkonzernen. Denn wenn sich die Grundstückbesitzer ihnen widersetzen, dann «kommen wir im Fernsehen».

Alter, Sehnsucht, Einsamkeit

Im Innenraum der Tankstelle lässt Regisseurin Lena Lessing die Tragikomik regieren. In ihrer zurückhaltenden Inszenierung bleibt die Handschrift des Autors Mezger klar erkenntlich – insbesondere in den Monologen über das Alter, die Sehnsucht und die Einsamkeit.

Die Bernerin Müggler, welche die Gruppe Weltalm mitbegründet hat, verpasst der Hauptfigur Joana einen eigenwilligen Charakter, schaut unbefangen und wunderlich, aber nicht naiv in die Welt und erzählt, wie es eigentlich sein sollte: das schöne Leben. Sie wirft sich dem Fremden derart energisch an den Hals, dass man nicht weiss, ob die beiden miteinander schlafen oder ringen. Ein weiterer Alter, Markus, wird vom Schweizer Dokumentarfilmer Paul Rinikier gespielt, dessen mangelnde Bühnenerfahrung der Figur gar nicht schlecht bekommt.

Die Gegend ist bedroht vom Klimawandel und der Forscher scheint im Eis ein Geheimnis gefunden zu haben. Wirklich schlimm aber ist für die Alten nur der plötzliche Stromausfall, denn er bedeutet kein Fernsehen bis zum Frühling. Leider wird die stille Polarnacht von einem Reitschul-Problem gestört, das auch ohne Strom auftritt: eine batteriebetriebene Schlager-Disco im Innenhof. Man möchte den Verantwortlichen mit den Worten des Stückes antworten: «Die Totenruhe stört man nicht, auch nicht von denen, die noch am Leben sind.» Und das sind am Ende von «Findlinge» immerhin mehr als die Hälfte.

Aufführungen bis 13. Dezember. (Der Bund)

Erstellt: 11.12.2015, 08:04 Uhr

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