Geräuschvolle Stille

Das Kollektiv Frei_Raum beleuchtet in seiner Trilogie «Stille» dieselbige aus verschiedenen Perspektiven, vergisst dabei aber die Ruhe und das Innehalten.

Die Theatergruppe des Kollektivs Frei_Raum widmet sich dem Sichtbarmachen der Stille.

Die Theatergruppe des Kollektivs Frei_Raum widmet sich dem Sichtbarmachen der Stille. Bild: Ruben Wyttenbach

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Bertolt Brecht hätte seine wahre Freude an «Stille. Eine Trilogie», dem Projekt, welches zurzeit vom integrativen Kollektiv Frei_Raum in der Heiteren Fahne gezeigt wird. Schon fast lehrbuchhaft wird hier nämlich verfremdet, also Alltägliches aus seinem Kontext gelöst und dadurch neu erfahrbar gemacht. Nichts Geringeres als die Stille als solche soll in der Trilogie mithilfe unterschiedlicher Auseinandersetzungen beleuchtet werden, wobei Tanz, Theater und Musik als Herangehensweisen gewählt wurden. In dieser Dreiteilung liegt denn auch eine Krux des Stückes. Die einzelnen Elemente mögen in sich stimmig sein, wollen aber als Ganzes dramaturgisch nicht so recht zusammenpassen.

Alltagsgeräusche und Stimmen aus dem Kulturbetrieb Heitere Fahne bilden das Kernelement der ersten Teil der Trilogie. Spannend ist hier, wie die Geräusche ab Band mit den Saal-Geräuschen verschmelzen. Einige Theatergäste nesteln an ihren Jacken herum und tuscheln – offensichtlich fällt es schwer, einfach nur zuzuhören und sich der Klanglandschaft hinzugeben. Tut man es trotzdem, dann entsteht aus den Überblendungen von Geräuschen, Klängen und Geschichten fürwahr eine spannende Schnittstelle zwischen Realität und Fiktion.

Stillsitzen als Unmöglichkeit

Als Grundlage für den zweiten Teil des Stückes dienten Interviews mit Menschen, in deren Leben die Stille eine besondere Rolle spielt. Dabei kommen unter anderem eine hörbehinderte Frau, eine Krankenschwester im Bereich der Palliativpflege, eine Opern-Sängerin und ein Pfarrer zu Wort, welche aus ihren Berufs- oder Alltagserfahrungen berichten. Die Texte werden von den Schauspielern und Schauspielerinnen in dokumentarischem Stil vorgetragen, was einerseits wieder einen schönen Verfremdungseffekt mit sich bringt, etwa wenn ein junger Mann (Jonas Gygax) einen pensionierten, Parkinson-geplagten Pfarrer gibt. Inhaltlich allerdings werden zu viele Gemeinplätze bedient, als dass die Berichte berühren oder packen würden.

Stille kann auch einen Moment des körperlichen Innehaltens bedeuten. Doch hier macht uns unsere sterbliche Hülle oftmals einen Strich durch die Rechnung, wie Irene Andreetto und Vittorio Bertolli mit ihrem vergnüglichen und ausdrucksstarken Tanz im dritten Teil verdeutlichen. In Erwartung eines ersehnten Telefonanrufes scheinen wir nicht mehr Herr unserer selbst zu sein, Stillsitzen wird zum Ding der Unmöglichkeit.

Das Kollektiv Frei_Raum hat eine Vielzahl an spannenden Ideen und Ansätzen in ein ästhetisch vielschichtiges Stück verpackt. Vielleicht zu viele. Die Stille als solche, der ja das Stück gewidmet sein soll, findet kaum statt. Momente des Innehaltens, der Ruhe und der Kontemplation gibt es wenige, und auch eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit der Abgründigkeit von (fehlender) Stille will sich nicht einstellen.

Weitere Vorstellungen: Di, 19., und Do, 21. August, jeweils um 20.15 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 18.08.2014, 11:32 Uhr

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