Gehirnwäsche oder Überdruss?

Anne Haug befragt die privilegierte Extremistin Patty Hearst auf der Tojo-Bühne.

«Würdest du dich heute anders verhalten?» Anne Haug als Patty Hearst. Bild: zvg

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«Well, sixty days ago she was such a lovely child / Now here she is with a gun in her hand», singt Patti Smith in ihrem «Hey Joe»-Cover über Patty Hearst. Im Februar 1974 wurde die 19-Jährige Hearst an ihrem Campus im kalifornischen Berkeley von der amerikanischen linksradikalen Symbionese Liberation Army (SLA) entführt. Nach 57 Tagen in Geiselhaft trat sie der Gruppe bei.

Mit Hearst beschäftigt sich auch die Bühnengruppe les artistes dépressifs. Eine Frau und zwei Männer stehen über die Breite der Bühne verteilt. Strahlenförmig beleuchtete Trommeln haben sie vor sich stehen. Davor: Schauspielerin Anne Haug, mit der Perkussion im Nacken. Regie führt Zino Wey, der wie Haug in Basel geboren wurde und bereits in einigen deutschen Stadttheatern wirkte. Ob es sich bei der Milliardärsenkelin wirklich um eine Terroristin handelte? Oder ob sie «Princess & Terrorist» – so der Name des Stückes – in sich ­vereint?

«Wenn du heute wieder gekidnappt werden würdest, Patty: Würdest du dich anders verhalten?», fragt Haug unter den spannungserzeugenden Trommelhieben. Sie trägt Pelz und Megaphon – Symbole einer privilegierten Extremistin. Die kommunistische SLA, die sich selbst als Anführerin der schwarzen Revolution bezeichnete, nutzte die Geiselnahme, um eine Nahrungsabgabe an Bedürftige einzufordern. Eines ihrer ersten Mordopfer war ein Afroamerikaner, innerhalb der Gruppe gab es trotz feministischer Bekenntnisse sexuelle Übergriffe, und ein Ladendiebstahl hatte als Ziel die Erbeutung eines Paars Socken. Die SLA erweckte eher den Eindruck von zielloser Kriminalität als von ideologischer Bestimmtheit.

Ein entführter Autofahrer sah davon ab, Hearst anzuzeigen, derart freundlich sei sie gewesen. Nach der Festnahme sagte sie gegen ihre Ex-Komplizen aus, wurde 2001 freigesprochen und schrieb eine Autobiografie. Dieses Jahr hat sie mit ihrem chinesischen Zuchthund einen Wettbewerb gewonnen – in der Kategorie Spielzeug. Ging ihre Gewaltbereitschaft auf Überdruss zurück, oder auf Gehirnwäsche? Auf der Bühne wird perkussiv ermittelt, welche Pauken die terroristische Prinzessin anstachelten.

Tojo-Theater Donnerstag, 19. November, bis Samstag, 21. November, jeweils um 20.30 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 19.11.2015, 11:11 Uhr

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