Er brachte den Jazztanz in die Schweiz

Alain Bernard, einer der Pioniere des Tanzes in der Schweiz, ist tot. Der Tanzpädagoge und Choreograf verstarb nach längerer Krankheit am 18. April in Biel.

Alain Bernard: 1932-2012. (Archiv)

Alain Bernard: 1932-2012. (Archiv)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Sommer 2011 schrieb Alain Bernard eine Mail aus Polen, wo er seit 2002 lebte. Er entschuldigte sich, dass er nicht eher geschrieben habe. «E Bärner blybt eifach e Bärner», schrieb er. «U drum hets so lang duret. Es geit mr äbe nid gäng so uflig u de mues alls warte.» Wie oft schrieb er auf Berndeutsch.

Er hatte seine Schweizer Heimat, von der er sich mit 70 mit einem radikalen Schnitt verabschiedet hatte, doch nicht ganz vergessen. Und als er spürte, dass ihn die Kräfte von Tag zu Tag mehr verliessen, zog es ihn gar ganz zurück. Alain Bernard wollte in der Schweiz sterben. Nachdem seine langjährige Beziehung in Polen vor einem Jahr in die Brüche gegangen war, lebte er mit seinem Schweizer Hund Ginger zurückgezogen in einem Chalet in den Masuren. Er war krank. Am Ostersamstag wurde er mit der Rega in die Schweiz geflogen. Am frühen Mittwochmorgen verstarb er in einem Bieler Spital.

Geboren wurde Alain Bernard am 30. August 1932 in Basel. Da sein Vater als Professor an die Universität Bern berufen wurde, zog er als 7-Jähriger mit seiner Familie nach Bern. Wie er später erzählte, passierte die erste Zündung für seine spätere Tanzbegeisterung in dieser Zeit. Er durfte die Eltern ins Casino von Campione begleiten und erlebte da «staunend und mit offenem Mund» den Auftritt einer Varieté-Tänzerin. Die zweite «Elektrifikation», wie Bernard es nannte, erfolgte in der Primarschule, als er eine Vorstellung der Berner Tanzpädagogin Emmy Sauerbeck und ihrer Gruppe miterlebte. Von da an wusste er, dass er Tänzer werden wollte.

Zuerst «etwas Rechtes lernen»

Die Eltern bremsten ihn. Er solle zuerst «etwas Rechtes» lernen. So absolvierte er eine Töpferlehre. Da er unter Scheuermann, einer Wachstumsstörung der Wirbelsäule, litt, musste er in die «schwedische Gymnastik». Bernard nutzte diese Auszeiten, um heimlich Ballettunterricht zu nehmen. Eine Tänzerin des Stadttheaters stellte ihn der Tanzpädagogin Beatrice Tschumi vor. Sie nahm ihn als Schüler unter ihre Fittiche.

Als das Stadttheater Bern 1955 Gruppentänzer suchte, tanzte Bernard vor und erhielt einen Vertrag. Ein Gastspiel von Martha Graham in Bern wurde für den jungen Tänzer schicksalhaft. Er entschloss sich, Graham nach Amerika zu folgen. Als erster ausländischer Stipendienschüler besuchte er 1956 die Graham School in New York, nahm daneben Unterricht an der School of American Ballet von Balanchine und an der Metropolitan Opera School. Mit einer einzigen Tanzsparte, sagte er, sei man damals als Tänzer nicht durchgekommen. «Jazztanztechnik war ein Muss.» Während in New York verschiedene Tanzarten nebeneinander blühten, herrschte in Bern zwischen den Stilen noch strikte Trennung. Als Bernard 1959 – nach Zwischenhalten als Tänzer in Paris und Stockholm – wieder nach Bern zurückkehrte, eröffnete er hier die erste Jazztanzschule der Schweiz.In seinem eigenen «Tanz-Studio Alain Bernard», das er 1959 an der Brunngasshalde Bern eröffnete, richtete er ab 1970 eine Berufsschule für Musical und Jazz-Tanzpädagogik ein, das «Tanz- und Theaterstudio Alain Bernard». Es war die erste Musicalschule der Schweiz. In der engen Zusammenarbeit mit dem «Studio am Montag» konnten die Studenten die praktische Theaterarbeit aus verschiedenen Perspektiven kennen lernen. Ab 1971 war Alain Bernard während gut zehn Jahren als Lehrer an verschiedenen internationalen Sommerkursen tätig.

Der Jazztanz boomte, er entwickelte sich mit der Musik. Dass er dem natürlichen Körpergefühl entspricht und Laientänzer schneller zu einem Erfolgserlebnis kommen als bei jeder anderen Tanzart, begünstigte seinen Erfolg zusätzlich. Für Alain Bernard wurden reine Jazz-Abende jedoch zunehmend uninteressant. Und auch von dem, was der Moderne Tanz zu bieten hatte, zeigte er sich enttäuscht. «Es gibt so wenig Neues, das interessant ist. Vieles, was heute in den Vorstellungen gezeigt wird, haben wir bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren gemacht», konstatierte er in einem Gespräch 1989.

Neustart in Polen

Mit 70 packte er die Koffer und entschloss sich, in Polen nochmals neu anzufangen. Bernard löste seinen Haushalt in einem Berner Villenquartier auf, vermachte seine über 3400 Werke und rund 700 Zeitschriftenbände fassende Tanzbibliothek – weltweit eine der grössten und wichtigsten Sammlungen in Privatbesitz – dem Schweizer Tanzarchiv in Lausanne und kehrte Bern den Rücken. Nicht ganz ohne Ressentiments.

In persönlichen Gesprächen spürte man eine leise Enttäuschung: Berns Tanzszene entwickelte sich ohne ihn. Er bekam die Krux des Propheten im eigenen Land zu spüren. In Polen standen ihm alle Türen offen. Sein Schaffen wurde gewürdigt. Drei Bücher sind über Bernard erschienen – auf Polnisch –, und er bekam den kulturellen Verdienstorden. Dass er froh sei, mit der Tanzwelt nichts mehr zu tun zu haben, heisse aber nicht, dass er nicht immer noch viele Tanzzeitschriften abonniert habe und lese und sich fast täglich eine Tanz-DVD ansehe. Meistens klassisches Ballett. Er sei wohl schrecklich konservativ geworden, sagte der ehemalige Tanz-Pionier, dessen Choreografien auch in St. Petersburg, Litauen und in Minsk bejubelt wurden. Mit seiner legendären Sammlung aus tanzenden Porzellanfiguren realisierte er rund ein halbes Dutzend Ausstellungen.

Alain Bernards letzter Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Der vitale Enthusiast, dessen Tanz- und Lebensschule viele kennen lernen durften, ist «zu Hause» gestorben.

Alain Bernard: 1932–2012. Foto: Archiv (Der Bund)

Erstellt: 20.04.2012, 12:52 Uhr

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...