Theater

Ene mene muh, die Kuh bist du

Jawohl, genau so muss man das machen: Am Berner Stadttheater wirft Regisseur Jan Stephan Schmieding 
die Gesellschaftskritik von Juli Zeh und Charlotte Roos als Spassbombe unter die Leute.

Alle ziemlich durchgeknallt hier: Simon Käser und Nico Link bei der Auktion der Aktionskunst zugunsten des Arabischen Frühlings.

Alle ziemlich durchgeknallt hier: Simon Käser und Nico Link bei der Auktion der Aktionskunst zugunsten des Arabischen Frühlings. Bild: Annette Boutellier

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«Immerhin fällt im Stück eine Kuh vom Himmel.» So kann man es sagen, wenn die Uraufführung derart umfassend scheitert, wie es laut dem Rezensionsportal Nachtkritik.de vor zwei Jahren der Fall war; damals fanden das Staatstheater Braunschweig und das ZKM in Zagreb in ihrer Koproduktion «überhaupt keinen Zugang» zu diesem Text. Hier jetzt aber: lauter Zugang! Und die Kuh, die fällt zwar vom Himmel, aber das ist weiss Gott nicht die einzige Sensation an diesem Abend.

«Yellow Line» also, ein Versuch der beiden Autorinnen Juli Zeh und Charlotte Roos, einige gewichtige Probleme der Gegenwart ins Thea­ter zu hieven. Wobei man hier vor ­allem Zeh an ihrem «Lieblingsthema» («Die Welt») erkennt: der Frage, wie frei wir noch sind, genauer: wie viel Freiheit wir noch wollen können in einer Kontrollgesellschaft, die sich als Wellnessveranstaltung tarnt und ihren Mitgliedern umfassenden Komfort serviert.

Die Antwort? Kennen die Kühe. Jedenfalls die, die in den Genuss jenes ausgefeilten «Herdenmanagements» kommen, das die herkömmliche Stallhaltung ab­gelöst hat. Die Tiere bewegen sich 
in ­einem automatisierten System von Gängen, Zonen und Stationen: Es gibt Zugänge und Zugangssperren, Daten­erhebungen und Futterausgaben, Melk­roboter und Liegeplätze, und wer jetzt nicht gleich auch an Ferienanlagen denkt, Flug­häfen, Einkaufs- oder Flüchtlingszentren, dem helfen Zeh und Roos auf die Sprünge: In ihrer Szenenfolge schliessen sie den Reklameauftritt eines Herden­managers mit ihren Befunden über die heutige Gesellschaft kurz.

Herde hier, Herde da, und der Clou für das menschliche wie das tierische Vieh: Das Ganze funktioniert ohne Kette und Strick, ohne sichtbaren Zwang. Das System nimmt die Bedürfnisse der Ausgebeuteten vorweg, und die dienen dem System, indem sie sich selber bedienen. So raffiniert und reibungslos funk­tio­niert Macht mittlerweile, und das haben Zeh und Roos wohl bei Bernhard Kathan gelernt, einem Kulturforscher, der die Viehhaltung als Modell der Gesellschaft verstanden hat (und zwar in seinem Buch «Schöne neue Kuhstallwelt» von 2009).

Fadenscheinig vertheatert

So raffiniert und reibungslos wie das Herdenmanagement funktioniert das Themenmanagement in «Yellow Line» allerdings nicht. Ein Beamter, der einen aufgefischten Flüchtling verhört, ein Künstler, der sich selber als menschliche Plastik zugunsten des Arabischen Frühlings versteigern lässt, eine Webdesignerin, die wegen einer gelben Linie am Flughafen ausflippt und zur Tierbefreiungsaktivistin wird, ein Viehhaltungstechnologe und ein Grenzzaunbauer, die für ihr Business Reklame machen – die Figuren dieser Groteske sind mitunter keine, sondern nur Hohlformen für thesenartige Texte, die eher fadenscheinig vertheatert wurden. Es gibt hier auch keinen ordentlichen Plot, der die Szenen verklammern könnte, sondern nur eine leitmotivische Botschaft, die das Stück am Auseinander­fallen hindert: Die Kuh bist du.

Zum Glück hat Jan Stephan Schmieding seinen Goethe gelernt: «So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt.» Der nicht ganz vierzigjährige Regisseur aus Deutschland, der in Bern zuletzt ebenfalls ein Stück Gegenwartsdramatik gezeigt hat, nämlich «X-Freunde» von Felicia ­Zeller, und das mit erheblichem Erfolg – Schmieding also zeigt hier die Schweizer Premiere von «Yellow Line», und er legt mit einer Couragiertheit Hand an, die man in diesem Haus bisweilen vermisst.

Wo sich Zeh und Roos in Überdeutlichkeiten üben, vertraut er auf die Andeutung. Wo sie ins Referieren kommen, wechselt er in den Schnellvorlauf. Und wo die Figuren zu wenig hergeben, erfindet er neue: Hier sind es die Kühe selber, die von der Effizienz und der Unsichtbarkeit der modernen Herrschaftsmethoden schwärmen. Und der Indus­trielle, der ein tolles Vermögen macht, indem er Europa mit Stacheldraht und Wärmebildkameras vor den Flüchtlingen schützt, ist: Afrikaner.

Achtzig Minuten dort oben

Für solche Überrumpelungsmanöver hat Schmieding eine ebenso kompakte wie schlagkräftige Truppe zur Hand: Vera Bommer, Milva Stark, Simon Käser und Nico Link, die sich in einer achtzigminütigen Tour de Force in ihre rasant wechselnden Rollen werfen, samt Gummiperücken und seltsamen Akzenten. Vor und auf der mehrstöckigen schwarzen Bühnenwand mit allerhand Luken, Treppen und Böden (Anne-Sophie Raemy) katapultieren sie das Stück dorthin, wo es hingehört: in jene höhere Umlaufbahn, wo sich komödiantischer Spass und politischer Ernst bestens vertragen. Zudem tragen hier oben die Leute ja wirklich dieselben Identifizierungsmarken wie die Kühe, und dass ein Rindvieh vom Himmel fällt und das Boot eines libyschen Fischers vor Lampedusa trifft, der seine Geschichte dann einem europäischen Grenzbeamten erklären soll – sogar das wird plausibel.

Bleibt nur noch eine Frage offen: warum man an diesem Theater die überraschendsten Abende mit Vorliebe auf der kleinsten aller Bühnen programmiert.

Weitere Vorstellungen bis 3. März 2015, Vidmar 2. www.konzerttheaterbern.ch (Der Bund)

Erstellt: 11.09.2014, 10:56 Uhr

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