Eine schrecklich nette Familie

Im Theaterspaziergang «Der Blutfürst oder Die Kunst des Sterbens» flanieren Vampire durch Lokal- und Weltgeschichte.

Lila Totengeister tummeln sich während dem Spaziergang auf dem Friedhof.

Lila Totengeister tummeln sich während dem Spaziergang auf dem Friedhof.

(Bild: zvg)

Ein Theater mit Vampiren auf einem Friedhof in der Dämmerung. Wenn das nicht gruselig wird. Tatsächlich breitet sich gleich zu Beginn eine leichte Unruhe im Publikum aus, als sich das Tor der Abdankungshalle am Haupteingang des Bremgartenfriedhofs öffnet und er hinaustritt: Alexander Wilhelm Fritz Nepomuk Fürst von Rosenstein, genannt der «Blutfürst» (Matthias Zurbrügg), gebissen von Graf Dracula höchstpersönlich. Sein Stil erinnert an Johnny Depp, irgendwo zwischen Bourgeoisie und Rock’n’Roll. Zu Anzug, Zylinder und Stock trägt der Vampir rote Lederschuhe und eine Sonnenbrille. Langsam umkreist er zusammen mit seinem Diener Friedrich (Michael Enzler) und dem ehemaligen Verdingbub Jakob (Jascha Schopfer) das Publikum.

Obwohl jemand zu den Untoten übertreten wird und der Blutfürst provokativ fragt: «Habt ihr Angst», und uns mit schallendem Gelächter auffordert, in die Nacht zu folgen – kalte Schauer verpasst an der Premiere von «Der Blutfürst oder Die Kunst des Sterbens» nur der Regen. Die Vampirfamilie, zu der auch Gattin Elisabeth (Trude Mé­szár), eine Patrizierin, gehört, ist eigentlich ganz friedlich. Sie schworen sich einst, nur noch Konservenblut zu trinken. Zur Feier eines neuen Cellos für Elisabeth schlürfen sie das Elixier aus Weingläsern. Sie spielt Tschaikowsky, die Klänge wecken Erinnerungen. Alexander traf sie 1849 auf einer Schifffahrt nach Amerika.

Während das Quartett mehr von sich preisgibt, richtet es sein Augenmerk immer wieder auf Grabsteine entlang des Weges. Dabei erfährt man etwa, was der russische Revolutionär Michail Alexandrowitsch Bakunin mit Vampiren gemeinsam hat. Der Friedhof wurde 1865 noch im Bau eröffnet, um die Platznot auf den Totenackern der Stadt zu lindern. Heute ruhen hier neben Friedensnobelpreisträgern wie Charles Albert Gobat auch Lokalmatadoren wie Mani Matter.

Etwas gar kühl und zahnlos

Der Autorin und Regisseurin Christine Ahlborn, die mit Zurbrügg die Gruppe mesarts leitet, gelingt im Theaterspaziergang die Balance zwischen Unterhaltung und Wissensvermittlung. Bis auf die Kos­tüme (Verena Leo) kommt die Inszenierung ohne viele Requisiten aus, sodass sich die Ästhetik des Friedhofs mit seinen Bänken, Statuen, Alleen und Hecken – zwischen denen lila Totengeister tanzen – auf ungewohnte Weise entfalten kann.

Nicht ausgeschöpft wird das schauspielerische Potenzial. Hier liegt es im Gegensatz zur Cellomusik nicht nur am Regen, dass das Drama, das sich bei den anfangs so selbstsicheren Unsterblichen anzubahnen beginnt, nur stellenweise berührt. Gerade Spannung versprechende Szenen wie die finale Entscheidung über Leben oder Tod wirken selbst für diese nette Familie etwas gar kühl und zahnlos.

Bis 25. 9., jeweils Donnerstag- und Freitagabend. www.mesarts.ch

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