«Ein netter Abend ist absolut legitim»

Darf man als Zuschauer übermüdet ins Theater oder sich Mitmach-Shows verweigern? Klar, sagt Doris Kolesch, Professorin für Theaterwissenschaft. Sie war in Bern bei Auawirleben zu Gast.

Hält es mit Brecht und sieht Theater auch als Boxkampf: Die deutsche Theaterwissenschaftlerin Doris Kolesch.

Hält es mit Brecht und sieht Theater auch als Boxkampf: Die deutsche Theaterwissenschaftlerin Doris Kolesch. Bild: Valérie Chételat

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Frau Kolesch, wenn ich ins Theater gehe und mit dem Dargebotenen nichts anfangen kann: Liegt das dann an mir?
Nicht in dem Sinne, dass Sie sich vielleicht zu wenig mit dem Stück beschäftigt haben. Zum einen machen viele Zuschauer diese Erfahrung, weil sie vom Deutschunterricht her die Vorstellung mitbringen, ein Stück habe eine Botschaft oder der Regisseur wolle eine solche vermitteln. Im Theater geht es aber vielmehr darum, Fragen zu stellen und komplexe Zusammenhänge aufzuzeigen. Insofern ist Theater eben gerade ein Angebot, sich mit dem Nicht-Verständlichen auseinanderzusetzen.

Und zum anderen?
Man darf dennoch nicht verschweigen: Die Gegenwartskunst ist voraussetzungsreich. Auch im Theater hilft es, sich mit Dramentexten, Regiestilen oder Aufführungstraditionen zu beschäftigen, um etwas zu verstehen. Jemand, der öfter ins Theater geht, wird deshalb einen anderen Zugang entwickeln, als jemand, der es nur selten tut. Das heisst aber nicht, dass er der bessere Zuschauer ist und die richtige Wahrnehmung hat.

Viele sind trotzdem verunsichert, wenn sie eine Theateraufführung nicht einordnen können und keine Meinung dazu haben.
Meinungen haben wir automatisch. Es ist zum Beispiel auch völlig okay, wenn jemand nur ins Theater geht, weil ihm die Stimme einer bestimmten Schauspielerin gefällt. Seien wir ehrlich: Niemand kann bei einer zweistündigen Aufführung von Anfang bis Ende aufmerksam sein. Aber interessante Erfahrungen entstehen auch, wenn man müde ins Theater geht.

Wie das?
Man kommt in einen anderen Wahrnehmungszustand. Plötzlich fasziniert mich vielleicht die Gestik eines Schauspielers, und ich denke darüber nach, inwiefern auch mein Körper ein Kommunikationsmittel ist. Theater ist der Prozess, in dem ich versuche, mir einen Reim auf das Gesehene zu machen, und immer wieder teste, ob ich richtig liege.

Dann gibt es also den guten Zuschauer?
Ein guter Zuschauer ist jemand, der oder die sich durch eine gewisse Offenheit auszeichnet und bereit ist, sich auf Unbekanntes einzulassen.

Theaterbesucher, die während der Vorstellung ihren Unmut bekunden und Türen schlagend den Saal verlassen, sind seltener geworden. Woran liegt das?
Dass solches Verhalten insgesamt abgeflaut ist, würde ich nicht sagen. Die wildeste Zeit im Theater war definitiv im 17. und 18. Jahrhundert: Da wurde gegessen und getrunken während der Vorstellung, und Prostituierte boten ihre Dienste an. Durch technische Möglichkeiten führte dann das bürgerliche Theater die Verdunkelung und feste Sitzreihen ein. Das Schweigen im Saal setzte sich im 19. Jahrhundert als Ausweis des ästhetischen Geschmacks durch.

Und seither ist es ruhig in den Reihen?
Verglichen mit den Theaterskandalen im 18. Jahrhundert geht es heute absolut bieder und langweilig zu. Provokationen gab und gibt es aber immer wieder. Das zeigt, wir stark Theater sozial codiert ist: Relativ strenge Codes regeln, wie wir uns im Saal zu verhalten haben.

Zum Beispiel?
Das Publikum wurde etwa dazu erzogen, erst am Schluss zu klatschen und nicht ständig zwischen den Szenen. Das Theater ist zudem ein öffentlicher Ort, das heisst, ich zeige mich dort und interagiere mit anderen. Und diese Interaktion ist hochgradig trainiert. Eine soziale Disziplinierung, die in Bezug auf den Bildungsstand ausgrenzend wirkte. Das hatte zur Folge, dass das Theater bis heute primär ein bildungsnahes und finanziell gut situiertes Publikum anzieht.

Theaterbesuche gleichen oft einem Kirchgang: Das Publikum putzt sich heraus, setzt eine ernste Miene auf und hofft auf eine Erkenntnis. Muss das so sein?
Überhaupt nicht. Schon im 20. Jahrhundert haben viele Künstler dagegen rebelliert, Kunst als eine Art Ersatzreligion aufzufassen. Heute gehen die Leute in Alltagskleidung ins Theater, das zunehmend an Orten mit niedriger sozialer Hemmschwelle stattfindet, in Hinterhöfen oder ehemaligen Industrieanlagen zum Beispiel. Es gibt also viele Versuche, den Theaterbesuch einem Publikum zugänglich zu machen, das eben nicht nur auf kontemplative Erbauung aus ist.

Dazu gehören sogenannte Mitmach-Shows, wie sie auch am Theaterfestival Auawirleben auf dem Programm standen. Verhindert man grosse Bühnenkunst, wenn man sich lieber nicht beteiligen möchte?
Das glaube ich nicht. Die Theatermacher haben schon lange gemerkt, dass es für die eigene Arbeit extrem kontraproduktiv ist, wenn sie das Publikum zwingen, mitzumachen. Meistens überlegen sie sich genau, wie sie die Zuschauer adressieren, ohne dass sich diese eingeengt fühlen.

Ist der Trend des Partizipativen ein Anzeichen dafür, dass sich das Theater zunehmend mit seinem Publikum befasst?
Ja. Zum einen geht es vielen Theaterleuten darum, nicht mehr einfach beklatscht zu werden, sondern in eine andere Form des Kontakts zum Publikum zu treten. Zum anderen leben wir in einer Gesellschaft, in der Interaktion durch die Neuen Medien selbstverständlich geworden ist. Zu neuen Formen der Partizipation kann das Theater entweder einen Kontrapunkt bilden, oder sich fragen, wie sich diese Interaktion mit theatralen Mitteln gestalten lässt.

Darf man eigentlich zur puren Unterhaltung ins Theater gehen?
Selbstverständlich. Selbst Bertolt Brecht, dem es darum ging, die gesellschaftliche Gemachtheit von Situationen zu erkennen, hat gesagt, man solle Theater geniessen wie einen Boxkampf. Einen netten Abend zu erleben, ist absolut legitim. (Der Bund)

Erstellt: 20.05.2017, 09:19 Uhr

Doris Kolesch

Theaterforscherin

Doris Kolesch ist Professorin für Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Derzeit forscht sie über immersives Theater, das heisst über Theaterformen, bei denen die Zuschauer nicht passiv im Saal sitzen, sondern selbst zu Akteuren werden. Im Rahmen eines Symposiums des Berner Instituts für Theaterwissenschaft über das Publikum im Gegenwartstheater– einer Kooperation des Instituts mit dem Berner Festival Auawirleben und der Schweizerischen Gesellschaft für Theaterkultur – hielt sie in Bern einen Vortrag zum Thema «Theaterpublikum – Das unbekannte Wesen». (lri)

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