Ein Schweizer namens Schweizer

In der Ruhmeshalle der gagaistischen Weltliteratur hat er sich mit genialen Nonsensbriefen einen Ehrenplatz gesichert. Vom Basler Schriftsteller René Schweizer ist jetzt in Bern der Monolog «Die Säuferin» zu sehen.

René Schweizer in seiner Basler Stammbeiz: «Es ist unvorstellbar, dass ich mich am Humor übersaufen werde.» (Guido Studer)

René Schweizer in seiner Basler Stammbeiz: «Es ist unvorstellbar, dass ich mich am Humor übersaufen werde.» (Guido Studer)

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Am 10. Februar 1977 gelangt der 34-jährige, wegen Bankbetrugs vorbestrafte René Schweizer – seines Zeichens Gründer der ASS, der Organisation zur Verblüffung des Erdballs – mit einem in dieser Form wohl einzigartigen Anliegen an die Direktion der Basler Kindergärten: «Ich bin jetzt 33 Jahre alt und möchte ein neues Leben beginnen. Wäre es möglich, dass ich einen Ihrer Kindergärten besuchen könnte?»

Die zuständige Sachbearbeiterin, wohl zwischen Mitleid und Misstrauen schwankend, ersucht den Antragsteller in ihrem Antwortschreiben vom 11. Februar, «mir Ihre Gründe für den von Ihnen gewünschten Kindergarten-Besuch etwas näher zu beschreiben». Herr Schweizer kommt diesem Wunsch in seinem Brief vom 15. Februar umgehend nach: «Ich habe, seit ich lebe, alles falsch gemacht. Ich war im Gefängnis, habe meine Schulzeit nicht optimal genutzt, den Einstieg in die Gesellschaft verpasst und bin nun ein Aussenseiter ohne Hoffnung auf Eingliederung in die Gemeinschaft.» Kleiner biografischer Einschub: Dabei fing alles ganz normal an, nach der Handelsmatura arbeitete René Schweizer zunächst in der Wertschriftenabteilung von American Express, der nächste Arbeitgeber entliess den Lebemann, der die Nacht gerne zum Tag machte, indes wegen einer «Pultschublade voll mit leeren Whiskyflaschen».

Zurück zu der Kindergarten-Bewerbung: Am 21. März 1977 wird René Schweizer «nach sorgfältiger Prüfung Ihres Anliegens» geraten, er solle sich doch bei der «Offenen Tür» melden, einem christlichen Verein für Bewährungshilfe. Nachdem Schweizer 1972 in Cadaqués an der Costa Brava mit einer Postkarte Salvador Dalís Neugier geweckt hatte («Mon cher Dalí, j’ai l’honneur de vous informer de mon arrivée. René Schweizer») und so zu einer Audienz beim Meister gekommen war, lancierte er seine Nonsense-Briefe an Behörden, Institutionen und Privatpersonen. Seine 1977 erstmals als «Schweizerbuch» erschienenen Eulenspiegeleien – eine Auswahl aus «30 Jahren taktischem Wahnsinn» wurde 2004 im Verlag der gesunde Menschenversand veröffentlicht – beziehen ihren Reiz aus dem Zusammenprall von oft absurden, im durchschnittlichen helvetischen Höflichkeitsverständnis unverschämten Anfragen und den bürokratisch korrekten Repliken.

Sein Verstand heisst «Erwin»

Einige der Adressaten scheinen Schweizers Briefe jedoch auch als willkommene Ablenkung vom monotonen Arbeitsalltag begrüsst zu haben und reagieren durchaus mit Witz und Charme auf die «Zumutungen.»Weil eine Frau seinen «Zivilstand» bedrohe, ersucht Schweizer bei der zuständigen Stelle um «Zivilschutz». Dem Fundbüro teilt er mit, dass er «am letzten Freitag auf dem Barfüsserplatz meinen Verstand» verloren habe. «Er ist rot mit gelben Tupfen und hört auf den Namen Erwin.» Eine veritable Lawine von Abklärungen und Offerten löst er aus, als er seinen «Wagenheber» versichern lassen will; die Friedhofsverwaltung verwickelt er in einen längeren, zunehmend gehässigen Schriftverkehr, weil ihm sein Grossvater im Traum erschienen sei und den Einbau einer Heizung im Sarg angemahnt habe. Seine Humorattacken platziert Schweizer mitunter auch unter der sogenannten Gürtellinie. Als er sich beim Amt für Ausbildungsanträge um ein Stipendium bewirbt, damit er «in einem Puff in Deutschland Bumsen lernen» könne, wird ihm mit professioneller Nüchternheit beschieden: «Die von Ihnen gewünschte Tätigkeit ist nicht eine Vollzeit-Beschäftigung und muss deshalb als berufsbegleitend bezeichnet werden. Sie ist aus diesem Grunde nicht stipendienberechtigt.»

Ein 68er ganz eigener Prägung

Seit dem 27. Juli 2008 ist dieser kindlich verspielt wirkende René Schweizer immerhin AHV-berechtigt. Mit der Rente und den Ergänzungsleistungen komme er gut über die Runden, sagt Schweizer im «Schmalen Wurf», einer seiner Lieblingsbeizen in Kleinbasel. Direkt neben dem «Schmalen Wurf» liegt das Hotel Krafft, wo einst Hermann Hesse grosse Teile des «Steppenwolfs» niederschrieb – ein Buch, das Schweizer 1967 bei der Lektüre wie eine Offenbarung erlebte.

Schweizer ist eine auch körperlich imposante Erscheinung mit ansteckendem Lachen. Bescheiden lebe er heute und gebe nicht mehr viel Geld für Alkohol aus. «Ich habe spät gemerkt, dass ich ein Mensch bin, der einfach gerne trinkt, aber es muss nicht unbedingt Alkohol sein.» Essen tue er meistens zu Hause in seiner kleinen Zweizimmerwohnung, er habe weder Auto noch Haustier, und die Reiserei in ferne Gegenden sei ihm verleidet, kurzum: «Ich bin bereit für die ewigen Jagdgründe.» Die Zeit bis zur «Gruft» gedenkt er zu nutzen mit «innerer Vorbereitung auf die Welt danach» und «verblüffter Beobachtung der Welt vorher».

René Schweizer hat viel erlebt, manche schiefe und kurvenreiche Bahn ausprobiert. Er ist ein 68er eigener Prägung, der den Aufbruchsgeist auf seine Weise interpretierte. Im Jahr der Studentenrevolte hatte er ein Schauspielstudium sowie ein Sprach- und Geschichtsstudium bereits abgebrochen und flüchtete nach einem Bankbetrug ins Ausland. Am 5. Juli 1968 wurde er in Mailand verhaftet, «ausgerechnet an der Via Santo Spirito», sagt Schweizer und grinst. Nach seiner 14-monatigen Haftzeit betätigte er sich, zeitweise in Spanien lebend, unter anderem als Haschischkurier, Zügelmann und Schauspieler. Sein erstes «Schweizerbuch» beschert ihm Einladungen in deutsche und österreichische Talkshows, unter anderem bei Guido Baumann. Er wird für kurze Zeit in die Sphäre der Prominenz katapultiert, veranstaltet mit Fussballer Paul Breitner und Bergsteiger Reinhold Messner eine «Kunst-Kissenschlacht». «Mit einem professionellen Management», ist Schweizer überzeugt, «hätte ich damals absahnen können.»

«Kleingeister!»

Einige Tage vor seinem 40. Geburtstag bricht der passionierte Wanderer zu einer 60-tägigen «Rosskur» mit langen Märschen im Bündnerland auf. Das Motto habe gelautet: «Saufen, was das Zeug hält; dann Powerwandern, um das Gift wieder loszuwerden.» Schweizer geht in sich und fragt sich eines Abends in einer Hütte auf der Alp Guv im Safiental: «Was soll ich mit dem Rest meines Lebens machen?» Wie ein Blitz trifft ihn die Erkenntnis, dass hier auf Erden «alles ein Spiel und die Schweiz kein Ort für mich und meine Ideen ist».

René Schweizer geht in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, lebt bei Freunden an der Westküste, bereist das Land, er plant eine Akademie der Hofnarren und schreibt das Theaterstück «Die Umgekehrte Null», für das er jeden Satz aus Dürrenmatts Stück «Die Physiker» durch einen eigenen ersetzt. Der Inspektor wird darin zum Indianerhäuptling, die verrückte Anstaltsdirektorin zur Madame Pompadour. Das Werk harrt über 20 Jahre nach seiner Niederschrift immer noch einer Uraufführung. Schweizers lapidarer Kommentar: «Kleingeister!» Nach seiner Rückkehr initiierte er «Humorkongresse», trat als Schauspieler in Inszenierungen von Stefan Pucher am Basler Stadttheater auf und spielte bei Christoph Marthaler in Shakespeares «Sommernachtstraum» die «sehr frei angelegte Rolle» als «Zettel».

Während einer von diversen Aufenthalten in Alkoholentwöhnungskliniken liess er sich von der Lebensgeschichte einer Mitpatientin zum Alkoholikermonolog «Die Säuferin» inspirieren. «Auch wenn eigene Erfahrungen in den Text eingeflossen sind, hätte ich den Monolog ohne die Begegnung mit dieser Frau nie geschrieben», sagt Schweizer. Die Uraufführung im Theater Dornach 2006 erhielt ansprechende Kritiken. Jetzt hat die Schauspielerin Miriam Fiordeponti den Monolog einer Alkoholikerin einstudiert, die schonungslos ehrlich und unprätentiös Rechenschaft ablegt über ihr Trinken, über euphorische Glücksgefühle und darauf folgende Depressionen. René Schweizer ist gespannt auf die Umsetzung: «Vielleicht sind diesmal ein paar echte Fachleute unter den Zuschauern, die zu erkennen vermögen, worum es beim einzig ernsten Werk meines Schaffens geht.» Er nimmt einen Schluck Bier und prostet uns zu. Und was ist mit den Briefen, Herr Schweizer, gibt es da noch Unveröffentlichtes? «Ich habe noch einige, ja», brummt er, «vielleicht gibt es nochmals ein Buch, wir werden sehen.» (Der Bund)

Erstellt: 26.02.2011, 12:45 Uhr

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