Ein Monolog als 
Image-Kampagne


Rehabilitation oder 
Schuldbekenntnis? Konzert Theater Bern zeigt mit 
«Judas» das Plädoyer eines bereits Verurteilten.

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Ein Schrei hallt im Gewölbe wider. Er, der zuvor regungslos dalag, steht kerzengerade und schaut sich schwer atmend um. Sein blutbeflecktes Gewand hängt zerschlissen an ihm herunter. Um seinen Hals liegt immer noch eine Schlinge, Überbleibsel des Suizids, den er begangen hat, nachdem er Jesus durch den berühmt gewordenen Kuss an seine Feinde verraten hatte.

Er ist der Archetyp des Verräters, sein Name wurde zum Präfix und Synonym des Betrugs und ist in manchen Ländern sogar als Taufname verboten. Nun gibt die niederländische Autorin Lot Vekemans Judas Iskariot eine Stimme und lässt ihn aus der Hölle aufsteigen, um seine Version der Geschichte zu erzählen.

Es ist nicht das Ziel des Stücks, Judas zu rehabilitieren. Aber es geht um eine Vermenschlichung der gebrandmarkten Figur des Apostels. So ist der Monolog Augenzeugenbericht, Verteidigungsrede, Schuldbekenntnis und Image-Kampagne zugleich.

Anlässlich der Schweizer Erstaufführung des 2007 geschriebenen Stückes hat sich das Team um Regisseur Markus Kubesch für das Plädoyer des Verdammten einen Spielort ausgesucht, der gleichzeitig für seinen Lebensinhalt und für die Quelle seiner Verdammnis steht: Als Spielstätte dienen zwanzig Gotteshäuser in der Stadt und im Kanton Bern. An der Premiere in der Kirche St. Josef in Köniz sind die knarrenden Bänke gut gefüllt, die beiden grossen Weihnachtsbäume vergisst der Zuschauer bereits nach wenigen Zeilen des gut einstündigen Monologs, der von Jürg Wisbach eindrücklich präsentiert wird.

Er verleiht dem Text eine Ernsthaftigkeit, die ohne erhobenen Zeigefinger auskommt. Immer wieder spricht er das Publikum an, stellt Fragen, erklärt sich, schwankt zwischen Wut, Resignation und Rechtfertigungsversuch, während er in seiner kaputten Kutte unablässig umherläuft, mitunter den ganzen Saal als Bühne nutzend. Zerrissen wie sein Gewand ist auch Judas selbst, der, während er spricht, immer wieder in Versuchung gerät, sein eigenes Schicksal zu bejammern und zu verfluchen.

Gründe dazu sind vorhanden, denn in den frühesten christlichen Überlieferungen ist Jesus gar nicht verraten worden. Die Suche nach einem Schuldigen am Tod des Messias begann erst später – und wurde der Figur des Judas zum Verhängnis.

Der politische Judas

Die Frage nach den Motiven des Verrats wird je nach Evangelium unterschiedlich beantwortet. Lukas schreibt, Judas sei vom Teufel besessen gewesen, während bei Matthäus die Geldgier im Vordergrund steht – ein weiterer Topos des Vorurteils, der sich in Bezug auf das Judentum bis in die Gegenwart gehalten hat. Der Judas aus Vekemans’ Feder handelte jedoch aus politischen Motiven.

Er sah in Jesus nicht den heilsbringenden Messias, sondern den König der Juden, der sein Volk vor Vertreibung schützen und von Fremdherrschaft befreien sollte. Als ­Jesus jedoch seinen eigenen Tod als zwingend voraussah, begann der Apostel zu zweifeln. Und anders als der Glauben, zwingt der Zweifel zur Aktion: «Glauben will man behalten, Zweifel will man ­loswerden.»

Wegbereiter der Heilsgeschichte

So wie Judas an der Richtigkeit der Prophezeiungen seines Lehrmeisters zweifelt, so zweifelt er auch an der Rolle, die ihm die Überlieferung, Literatur, Kunst und Geschichtsschreibung zugedacht hat. «Wenn hier jemand für eure Sünden gestorben ist, dann bin ich das.» Erst der Verrat schuf die Voraussetzung für die Erlösertat Christi. Durch diese Rolle, die er mit seinem Suizid selbst beendete, lud er sich die Alleinschuld, die Schuld aller auf: die der Mörder ebenso, wie die der elf anderen Jünger und all derer, die nicht versucht haben, die Hinrichtung Jesu zu verhindern.

Es ist das Prinzip der Dualität, dass das eine nicht ohne das andere existieren kann – kein Jesus ohne Judas. Seine Tat wird so zum Teil des göttlichen Heilsplans, den Jesus selbst am letzten Abendmahl verkündet hat. Doch dieses Prinzip relativiert er gleich wieder selbst. «Was bringt mir das?» Es erlöst ihn nicht von seiner Schuld.

«Ich bin Judas», sagt er. Grüssend geht er durch die Reihen der Zuschauer und durch das Kirchenportal hinaus.

Weitere Vorstellungen bis 24. April in verschiedenen Kirchenräumen in der Stadt und im Kanton Bern. Demnächst: Matthäuskirche Bern (23. 1., 20 Uhr), Reformierte Kirche Burgdorf (18. 2., 19.30 Uhr), Reformierte Kirche Bümpliz (19. 2. 19.30 Uhr), Petruskirche Bern (22. 2., 11 Uhr). www.konzerttheaterbern.ch

Der Bund

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