Theater

Ein Meteor knallt ins Matratzenlager

Was bleibt, wenn die Welt in ihrer Dekadenz nicht auszuhalten ist? Die Flucht in den Wahnsinn. Oder aber ins Theater. Im «Hamlet» am Berner Stadttheater gibt es beides.

Aber gleich legt er los: Andri Schenardi ist Hamlet und hört sich Hamlet an.

Aber gleich legt er los: Andri Schenardi ist Hamlet und hört sich Hamlet an. Bild: Annette Boutellier/zvg

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Der Prinz hat studiert, jetzt kommt er als gemachter junger Mann nach Hause. Aber so hat er sich die Heimkehr kaum vorgestellt: der Vater tot und kaum begraben, die Mutter schon verheiratet mit dem Onkel. Der sitzt jetzt auf dem Königsthron, aber am ganzen Hof keine Spur von Trauer, sondern lauter gute Laune. Gut so für die Staatsräson, und sterben müsse jeder, erklärt man dem empörten Prinzen. Der heisst Hamlet und pocht auf Wahrhaftigkeit, auf die Echtheit der Gefühle und den Ernst des Herzens.

Leute wie ihn nennt man heute «Wutbürger». Das beantwortet eigentlich schon die Frage, welche Zeitgenossenschaft dieser universell verwendbare Bühnenbestseller derzeit gerade bieten könnte. (Der Rest ist Shakespeare: eine gute Geschichte, und bei Shakespeare ist das tatsächlich genug.) Entscheidender ist sowieso: Hamlet ist jung, und während sich die Erwachsenen in diesen Tagen die entsprechende Regung in einem politischen Büchlein anlesen, das «Empört euch!» heisst, gehört die Empörung zur Grundausstattung des Erwachsenwerdens. Was aber, ausser Empörung, bleibt der Jugend im Moment, da sie eine Welt betritt, die sich als vollkommen verkommen erweist – als Riesensauerei?

Noch ein Geist

Shakespeare hat seinem Hamlet deshalb einen Geist geschickt: den toten Vater, und der verrät ihm nicht bloss, dass ihn sein Bruder umbrachte; er gibt ihm auch den Auftrag, ihn zu rächen. Also einem Geist glauben und den Onkel töten? Oder vernünftig bleiben und auf Gewissheit warten? Das ist die Hamlet-Lage, und abertausendfach hat sich der Prinz auf den Bühnen dieser Welt für nichts entschieden. Hamlet, das ist meist der Mensch, der zögert und zaudert.

Damit hat Erich Sidler, Schauspielchef und Regisseur des Abends, der die neue Spielzeit eröffnet, aber nichts im Sinn. Er gibt Hamlet noch einen zweiten Geist, und der leitet ihn: ein Tonbandgerät mit der Stimme Richard Burtons, der 1964 am Broadway den Hamlet spielte. Und damit fängt hier alles an: Hamlet, der sich Hamlet anhört. Play – aus der Vergangenheit des Stücks schnarrt gespenstisch «to be or not to be». Und Replay. Hamlet kennt das Stück, er spricht nach, dann spricht er vor und probiert formelhafte Theaterposen an; auch die kennt er. Hamlet also in der Hamlet-Lage – und er entscheidet sich, Hamlet zu spielen.

Also Theater im Theater, und zwar nicht nur in jener Szene, in der der Prinz das Gewissen des Onkelkönigs prüft, indem er ihm ein Stück über einen Königsmord vorsetzt (der Onkel wird sich verraten). Das Theater bringt die Wahrheit ans Licht, und so findet auch diese Inszenierung überhaupt ihre Wahrheit im Theater: Hamlet ist Hamlet, wenn er spielt. Und nur wenn er spielt, kommt der ganze Hamlet ans Licht, diese Bühnenweltgestalt in ihrer Widersprüchlichkeit und Undurchsichtigkeit.

Ihm ist alles zuzutrauen

So inszeniert sich Hamlet selber; als Rächer und Grübler, als Narr und Kumpel, als Melancholiker und Zyniker, als Verliebter und Vergewaltiger; er spielt einen Wahnsinnigen, und er spielt einen Vernünftigen, der einen Wahnsinnigen spielt. Das alles steckt in dieser Figur, und Andri Schenardi holt das alles grandios aus ihr heraus, wenn er sich beim Reden selber zuhört oder sich von Shakespeares Sätzen programmieren lässt. Damit hat sich auch die alte Frage erledigt, wie verrückt Hamlet wirklich ist und wann er, wie er behauptet, damit bloss die andern täuscht: Ihm ist alles zuzutrauen.

Derweil steht das ganze übrige Personal konsequenterweise am Rand herum, blass und platt wie aus Karton, und fragt sich bang und banger, was denn los sei mit diesem Hamlet; der fassadenbedachte Onkelkönig (Ernst C. Sigrist) genauso wie die hilflose Königinmutter (Marianne Hamre), der von sich selbst verblendete Polonius (Ingo Ospelt) oder die Kindsköpfe Rosenkranz und Güldenstern (Max Merker und Diego Valsecchi) – alles Leichtgewichte, simpel gestrickt und sofort durchschaubar.

Hamlet dagegen: keine Moral, keine Psychologie und keine Logik. Schon darum kann man nicht genug staunen über Andri Schenardi, den dreissigjährigen Schlaks, der den Abend praktisch im Alleingang meistert. Wie bloss kommt dieser drahtige, scheinbar scheue Mensch zu seiner Wucht? Woher nimmt er seinen Furor? Seine Gefährlichkeit, seine Quecksilbrigkeit, seine anhaltende Unberechenbarkeit, seine ziellose Getriebenheit? Und warum hat er sich noch keinen Knöchel gebrochen? Zweieinhalb Stunden lang schleudert er sich selber wie eine Flipperkastenkugel zwischen Gewalt und Trübsinn, Gemeinheit und Verletzlichkeit hin und her; er fegt wie ein Meteor über die Matratzen, aus denen der Königshof gebaut ist (Bühne: Gregor Müller). Dieser Schenardi ist zur einen Hälfte aus Starkstrom gemacht, zur andern aus Elastikband.

Das Rätsel bleibt

Das andere Ereignis: Sidlers Inszenierung und das Tempo und die Konsequenz, mit der er sie verfolgt. Das Spiel im Spiel ist zwar auch ein Witz auf vierhundert Jahre «Hamlet» – auf all die Versuche, diese monströse Figur zu verstehen, sie auszudeuten und zurechtzustutzen. Das aber nur am Rande. Viel mehr Eindruck macht die Inszenierung mit ihrer so überraschenden wie überzeugenden Antwort auf das ewige Rätsel Hamlet: Sie lässt das Rätsel stehen und in ganzer Grösse leuchten.

Tatsächlich ist Hamlet das schwarze Loch, um das der Abend kreist, und Sidler wie Schenardi meiden jede Versuchung, dieses Loch zu stopfen. Darum braucht es hier, anders als auf anderen Bühnen, auch keinen Nazivater als Geist und keinen Kapitalismus am Königshof, um diesen Klassiker zu vergegenwärtigen: Hier interessiert, was passiert, wenn einem Menschen der Boden unter den Füssen weggezogen wird. Und wie dann alle in jenem Abgrund landen, der sich damit auftut.

Das ist das bittere Ende, und dazu gibt es nochmals den Geist vom Tonband: Dirigiert durch Hamlet Burton, veranstaltet Hamlet Schenardi mit dem ganzen Personal eine gehetzte Schmierentragödie – die Fechtszene, in der sich der Mordplan des Königs erfüllt, wenn auch gegen ihn selbst. Vergifteter Degen vertauscht; vergifteter Kelch aus Versehen getrunken, nochmals der Degen und dann eine Pistole – eins, zwei, drei, vier, die Menschen fallen wie Kegel, wenn der Meteor in die Matratzen knallt. Und Hamlet selbstverständlich auch, denn beim Aufprall vergehen Meteore. (Der Bund)

Erstellt: 05.09.2011, 08:02 Uhr

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