Ein Loch, in dem man sich beide Beine brechen kann

Ausgesprochen tragisch. Und ausgesprochen komisch. Das Stadttheater Bern zeigt Michèle Rotens erstes Bühnenstück.

Ein böses Vergnügen der Marke Roten: «Wir sind selig» in der Heiteren Fahne, für einmal Exklave des Stadttheaters.

Ein böses Vergnügen der Marke Roten: «Wir sind selig» in der Heiteren Fahne, für einmal Exklave des Stadttheaters. Bild: zvg

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Ein Glück, hat sich die Bühnenbildnerin nicht an den Text gehalten. Sonst stünde hier ein «Statement-Sofa», und zwar eins von Minotti, B & B Italia, Flexform oder Knoll. An Einzelsitzgelegenheiten gäbe es «ein paar Freischwinger, ein paar Eames, der Rest Horgen Glarus». Und das übrige Wohnzimmer wäre eine «Mischung aus dänischem Design (viel Hay, Ferm Living) und Trouvaillen aus dem Brockenhaus». Plus ein Stück von Ikea, nämlich «im Sinne einer ironischen Referenz».

Eine Autorin aus der Einrichtungsberatungsbranche? Michèle Roten hat einen Secondhandkleiderladen, hauptsächlich aber schreibt sie – wobei sie in ihren Kolumnen und Büchern so viel Zeitgeist diagnostiziert wie produziert. Was sie in ihrem ersten Bühnenstück nun etwas zu eng aufgleist, mit dieser auf die Klasse der urbanen Kreativlinge zugeschnittenen Möblierungsinstruktion – das ist der Befund einer ganzen Gegenwart, und in der steckt tatsächlich mehr als das Problem eines einzelnen Milieus oder einer bestimmten Generation. Es geht um eine Frage der Moderne: was die Teilhaber der Multioptionsgesellschaft mit jenen Wünschen tun, die sich nicht erfüllen lassen. Was da zusammenbrechen kann. Und wann.

Von wegen Generation Dingsbums

Roten, Zürcherin mit Jahrgang 1979, hat «Wir sind selig» als Hausautorin des Berner Stadttheaters geschrieben, und dort verkauft man es jetzt allen Ernstes als Stück über die, Obacht: «Generation Y». Bei der soll es sich um jene Mittdreissiger handeln, die schon mit einem Facebook-Konto, einem MacBook Air, einem unendlichen Vorrat an Narzissmus und einem dieser modischen Vollbärte zur Welt gekommen sind. Noch ein Glück, dass neben Renate Wünsch, der Bühnenbildnerin, auch Regisseurin Nina Gühlstorff diese Generationensymptomatik wegzeichnet: Ihre Inszenierung macht die Sache universeller, grösser und eben auch interessanter für Zeitgenossen, die kein MacBook und auch keinen Vollbart haben.

Im Saal der Heiteren Fahne also, wo das Stadttheater umbauhalber spielt, und zwar die letzte Produktion der abtretenden Schauspieldirektorin Iris Laufenberg: ein abstraktes Treibhaus, leer bis auf die stapelbaren Sitzpolsterblöcke (kein «Statement», ganz genau), und ringsum sind die Zuschauerränge postiert. Ganz ausgestellt damit die vier jungen Erwachsenen beim Versuch, mit dem Loch in ihrer Mitte fertig zu werden: Anna (Sophie Hottinger) hatte eine Fehlgeburt. Ihr Mann Eric (Stefano Wenk) übt sich lau in Anteilnahme, das befreundete Paar Sophie und David (Mona Kloos und Pascal Goffin) in improvisiertem Verständnis dafür, dass die Asche des Fötus jetzt den Gummibaum ihrer Freunde düngt, denn «wir wollten ihn immer bei uns haben».

Voilà: böses Vergnügen der Marke Roten. Viel Tiefgang haben ihre Figuren nicht. Dafür sitzen die Dialoge, mit denen sie dieses zunächst gepflegte Miteinander so kaltblütig eskalieren lässt, als wärs der «Gott des Gemetzels» von Yasmina Reza. Hottinger zeigt die blanken Nerven ihrer Anna sehr schön her – lägen sie allerdings nicht schon von Anfang an so blank, dann würde sich die Katastrophenspirale noch virtuoser drehen.

Umso entscheidender wird damit der Auftritt eines der beiden ansonsten unterbeschäftigten Männer: Goffins David lässt die Bombe platzen, dass das ungeborene Kind keins von Eric war; ein brillantes Showstück des Zynismus.

Ein Ungeheuer namens Schicksal

Annas Mutter (Heidi-Maria Glössner) mahnte noch zu «Demut». Zu spät, am Ende liegt die ganze Runde doch in Trümmern: alle Charaktermasken ab, zwei Beziehungen kaputt, vier Daseinsentwürfe ruiniert. Abgestürzt vor allem aber ist der Glaube, alles im Leben, Kinderhaben inklusive, sei eine Frage von Optionen wie iPhone oder Samsung, Pilates oder Yoga, Flexform oder Knoll. Das ist, bei aller Komik, das Bestürzende dieses Abends: Diese Routiniers der Selbstverwirklichung, diese bis dahin so virtuosen Entwerfer und Gestalter ihrer Existenz -- wie sie da jetzt mit gebrochenen Beinen hocken in dem Loch, das ihre Suche nach Trost nur weiter aufgerissen hat. Und in diesem Loch hockt auch dieses etwas altmodische Ungeheuer namens Schicksal.

Weitere Vorstellungen: 10./11./13./17./18./19./24./25./26. Juni, jeweils 20 Uhr, Heitere Fahne in Wabern.

Das Stück als Buch: Michèle Roten: Wir sind selig. Verlag Echtzeit, Basel 2015. 96 Seiten, etwa 19 Franken.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.06.2015, 15:21 Uhr

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