Ein Lehrstück in Sachen Demokratie

Für das Theater Biel Solothurn hat die Regisseurin Katharina Rupp Henrik Ibsens Parabel «Ein Volksfeind» auf brisante Weise aktualisiert.

Unter Druck: Günter Baumann und Katja Tippelt als Ehepaar Stockmann. (E. Rieben/zvg)

Unter Druck: Günter Baumann und Katja Tippelt als Ehepaar Stockmann. (E. Rieben/zvg)

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Kaum je ist nach einer Solothurner Premiere ein solcher Begeisterungssturm losgebrochen wie am 14. Januar, als nach zweieinhalb Stunden die Aufführung von Ibsens «Ein Volksfeind» in der Neufassung von Katharina Rupp zu Ende ging.

Ist das Drama des Arztes, der in einem Thermalbad giftige Substanzen nachweist, aber von den Profiteuren des Etablissements zum Volksfeind gestempelt wird, bis anhin als Parabel in Sachen Gewässerverschmutzung gehandelt worden, so setzt Katharina Rupp dezidiert auf die politische Dimension des Stücks und deckt verblüffend aktuelle Parallelen zur gegenwärtigen Situation in der Schweiz auf.

Wie in der TV-Arena

Der vierte Akt des Stücks, Ibsens Volksversammlung, mutiert in der Aufführung zu einer TV-Diskussionssendung à la «Arena», in der der Bäderarzt mit seinen brisanten Enthüllungen nicht nur einer Reihe von Behörden- und Pressevertretern gegenübersteht, die seine Thesen aus höchst durchsichtigen Gründen in Bausch und Bogen verdammen, sondern in der auch Votanten aus dem Publikum, live zugeschaltete Zuschauer, und ein Publikumsvoting erkennen lassen, wie sehr er mit seinen alarmierenden Befunden ins Abseits gedrängt wird.

Dabei sind an Ibsens Text nur wenige Striche und Ergänzungen nötig, um Sätze wie «Die gefährlichsten Feinde der Wahrheit und der Freiheit – das ist die kompakte Majorität» oder «Das Recht befindet sich niemals aufseiten der Mehrheit» im Zusammenhang mit den jüngsten Volksabstimmungen und der dadurch ausgelösten Diskussion zu höchst aktuellen Aussagen zu machen.

Elementares Theaterspiel

Die Inszenierung einseitig auf die Politik festzulegen, griffe allerdings zu kurz. Auch das Politische vermag nur zu überzeugen, weil es Teil eines Ganzen ist, das den elementaren Gesetzen eines vitalen Theaters gehorcht und ein Stück von 1883 so in die Gegenwart transferiert, dass sich alles wie von heute ausnimmt und der in der Vorlage angelegte Konflikt dennoch mit ibsenscher Wucht mit herüberkommt.

Stupend modern wirkt das Bühnenbild von Cornelia Brunn, das aus einer Reihe von hohen metallenen Wänden besteht, die immer wieder neue, mit ein paar wenigen futuristischen Möbeln ausgestattete Raumanordnungen zulassen und dem Geschehen im schnellen Wechsel optisch jene Dynamik vermitteln, die auch den Dialogen innewohnt. Ganz heutig ist auch die Umsetzung der Szenen, die aus biederen Haushaltszenen Befragungen im TV-Studio macht und einen grossen Teil der Gespräche per Handy stattfinden lässt.

Das wäre allerdings blosser moderner Schnickschnack, wenn sich die Inszenierung nicht auf ein Ensemble verlassen könnte, das den Figuren auf imponierende Weise Kontur verleiht und auf den dramatischen Höhepunkten immer wieder spontanen Szenenapplaus erntet.

Imponierendes Ensemble

Ganz im Mittelpunkt steht dabei die Konfrontation von Thomas und Peter Stockmann, die einen Bruderzwist von archaischer Wucht auf die Bühne stellen. Gerhard Palder verkörpert auf wundervoll altväterisch und bigotte Weise Peter, den korrupten Stadtpräsidenten, Günter Baumann ist auf eine ebenso leidenschaftliche wie fanatische, aber zutiefst menschliche Weise Thomas, der Bäderarzt.

Dem Letzteren beigesellt sind Katja Tippelt als liebevoll-entsagungsbereite Gattin und Raoul Serda als spitzbübisch intriganter Schwiegervater.

Für eine Presse, deren Wahrheitsliebe massgeblich durch die finanziellen Hintergründe bestimmt wird, stehen Matthias Schock als wankelmütiger Tagblatt-Redaktor, René-Philippe Meyer als zynisch-opportunistischer Verleger und last, but not least Barbara Grimm als eine Fernsehmoderatorin, die das Solothurner Theater im Nu in eine tumultuöse Polit-Arena zu verwandeln versteht, in der man für Momente nicht mehr klar erkennen kann, was inszeniertes Spiel ist und wo das Publikum sich selbstvergessen in die hitzige Auseinandersetzung um die wahre Form von Demokratie hat hineinziehen lassen. (Der Bund)

Erstellt: 17.01.2011, 08:32 Uhr

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