Ein Haus ohne Herr

In «The Navidson Records» zeichnen Tassilo Tesche und Till Wyler von Ballmoos einen Grundriss der Unsicherheit. Eine Ortsbegehung.

«Ein zeitweiliger Verlust der Orientierung wird in Kauf genommen»: Die Uraufführung von «The Navidson Records» in München 2016.

«Ein zeitweiliger Verlust der Orientierung wird in Kauf genommen»: Die Uraufführung von «The Navidson Records» in München 2016. Bild: Franz Kimmel

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«Jetzt müssen Sie die Türe eintreten.» Doch da ist keine Türe. Nichts, nur der schwarze Boden und der Blick in die Grosse Halle der Reitschule. «The Navidson Records» ist noch im Aufbau. Bald wird hier ein begehbares Klang-Labyrinth aus Pappwänden und Plastikfolie stehen, mit einer unendlichen Wendeltreppe, unfertigen Gemälden und Türen, die ins Nirgendwo führen – denn «das Nichts kann eine neue Aufmerksamkeit schaffen», sagt der Münchner Szenograf Tassilo Tesche. Zusammen mit dem in Bern geborenen Theaterregisseur Till Wyler von Ballmoos ist er künstlerischer Leiter dieses installativen Musiktheaters.

«Ein zeitweiliger Verlust der Orientierung wird in Kauf genommen», schreiben die beiden wachen Geister in der Ankündigung ihres «offenen Kunstwerks», das ohne Texte und Partituren auskommt – und das jeder Besucher anders erlebt. Wo das konventionelle Musiktheater die Uhr mitlaufen lässt, halten Tesche und Wyler von Ballmoos sie an. Und wo die Installation Zeitlosigkeit suggeriert, starten sie den Countdown.

Literarischer Irrgarten

«Wir suchen nach dem Moment, wo etwas kippt, wo das vertraute Gefühl, zu Hause zu sein, zusammenbricht», sagt Wyler von Ballmoos, während er über die Plastikfolie am Boden geht, auf der der Grundriss eines Hauses skizziert ist. Es hat kleine und grosse Zimmer, Türen ohne Klinken, Treppen, die ins Dunkel führen, und irgendwo schwebt eine Holzhütte ohne Fenster. Es ist der Grundriss der Unsicherheit.

Klingt ein bisschen gruselig? Kein Wunder: Am Anfang des Projekts stand die Beschäftigung mit dem Roman «The House of Leaves» des Amerikaners Marc Z. Danielewski aus dem Jahr 2000. Darin bezieht ein Fotoreporter namens Will Navidson mit seiner Frau und zwei Kindern ein Haus in Virginia. Doch eines Tages stellen sie fest, dass es von innen grösser ist als von aussen. Wo einmal Wände waren, öffnen sich plötzlich Korridore und Kammern. Und wer sie betritt, verliert sich.

«The Navidson Records» ist jedoch keine Kopie dieses literarischen Irrgartens, in dem sich sogar die Wörter vom Layout lösen. Es ist ein Echo. Konkret heisst das: Wyler von Ballmoos und Tesche haben vieles so gemacht, wie man es im Theater eben gerade nicht tut: Die Absprachen zwischen den 18 Performern, das Stimmen der Instrumente, das Einrichten von Licht, Ton und Video wird zum Teil der Aufführung. Wer ist Publikum und wer Performer? Was ist Probe und was Inszenierung? Was Realität, was Illusion? «Im Theater begreift der Zuschauer die Situation schnell. Wir wollen diesen Moment so lange wie möglich hinauszögern», sagt Tesche.

«Wir suchen nach den Brüchen»

Zusammen mit Komponisten wie Rosalba Quindici, HKB-Studierenden, Sounddesignern und Technikern heben Wyler von Ballmoos und Tesche den Unterschied zwischen Bühne und Zuschauerraum auf. Sie blicken hinter Vorhänge, schaffen Momente, in denen sich Video, Klang und Bewegung auf wundersame Weise verbinden, für einen Moment, so kurz wie ein Flügelschlag.

Und auch die Musik nimmt Umwege. Beispielsweise die Komposition von Ole Hübner. Sie ist voller Fragmente, Loops, Flüsterworte und Töne, die den Kopf hängen lassen. Während ein Teil des Ensembles im Vorfeld in der Felsenau probt, fragt man sich: Wer hat hier eigentlich den Lead? «Niemand und alle», sagt Wyler von Ballmoos. «Die Dramaturgie soll wie ein Organismus funktionieren.» Aber warum muss man für ein Stück, das den Probeprozess zur Aufführung bringt, überhaupt proben? «Reibung herzustellen, die wirkt, ist sehr schwierig. Es ist ein Unterschied, ob man gar nicht probt oder mit einem anderen Fokus probt. Und unser Fokus war: nach den Brüchen zu suchen», sagt Tesche. Theater meets Performancekunst: So geht das.

Wer in «The Navidson Records» die Räume durchquert, wandert auch durch soziale Gefüge. Begleitet von der Erkenntnis: Man ist nicht Herr im eigenen Haus.

Grosse Halle Reitschule Do, 8., Sa, 10., und So, 11. September, jeweils ab 18 Uhr. Der Einlass erfolgt gruppenweise im Halbstunden-Rhythmus. (Der Bund)

Erstellt: 08.09.2016, 07:18 Uhr

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