Ein Filmfestival ohne Film

Mit sprechenden 
Kaffeetassen und 
splatternden Kettensägen begeht das Hörfestival 
Sonohr seine fünfte Ausgabe.

Kino oder Kopf? «Lost in Navigation» macht den Klang zum 3-D-Erlebnis.

Kino oder Kopf? «Lost in Navigation» macht den Klang zum 3-D-Erlebnis. Bild: zvg

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Als hätte sich ein expressionistischer Maler zu lange mit dem Pariser U-Bahn-Plan beschäftigt. So sieht die Skizze aus, die an der diesjährigen Ausgabe des Hörfestivals Sonohr als Klanginstallation zum Leben erwacht. Und obwohl «Soundstairs» am Schluss fast unsichtbar sein wird, nimmt das Material im Vorfeld ein ganzes Wohnzimmer ein: Schrumpfschläuche, Lupen, Computerchips, Audiokabel, Messgeräte und Lötkolben zeichnen auf dem Esstisch von Lucia Vasella und Torsten Lüdge ein modernes Stillleben.

Wie letztes Jahr wollen sie auch an der fünften Ausgabe von Sonohr die Treppe zum Kino im Kunstmuseum klingen lassen, dirigiert von den Schritten der Besucher. Ob die Geräusche einer Metallpuppe, eines Uhrwerks oder einer Wiese, «wir haben jetzt zusätzlich eine Art Zufallsgenerator eingebaut, damit auf jeder Stufe verschiedene Sounds erklingen können», sagt Vasella. «Die grösste Herausforderung bleibt aber die Feuchtigkeit», ergänzt Lüdge. Letztes Jahr spielte die ­Installation nach dem Gewitter zwar noch eine Stunde, Styroporplatten sollen nun aber die Lebensdauer der kleinen schwarzen Boxen mit den Bewegungsmeldern verlängern.

Rauf und runter

Stufen rauf, Stufen runter: Das war auch in den Anfängen des Hörspiels gang und gäbe, die Sprecher taten alles für eine möglichst realistische Geräuschkulisse; manche zogen sogar ­Kostüme an, obwohl sie sich im Radiostudio befanden. Und das konnte schon mal eine Massenpanik auslösen: «Materie mit enormer Geschwindigkeit in Richtung Erde geschleudert!», «Aliens im Central Park!» – 1938 war das Medium so neu, dass viele Amerikaner tentakelnde Wesen vor der eigenen Haustüre wähnten, als H. G. Wells’ «Krieg der Welten» im Radio lief.

Auch heute will die Fiktion so real wie möglich klingen, seit einigen Jahren kann das Hörspiel sogar 3-D: «Der ­Surroundklang ist für diese Form das ideale Hörerlebnis», so This Bay, einer der Mitorganisatoren des Festivals, welches auch in Zukunft vermehrt ­Plattform für solche Mehrkanal-Formate sein möchte. Ihre Produktion ist zwar nach wie vor aufwendig und fordert entsprechende Lautsprechersysteme, doch auch unter Kopfhörern kann der Raumklang mittlerweile simuliert werden. Mithilfe dieser Technik strahlte SRF «Lost in ­Navigation» aus, und auch am Sonohr kann man sich auf dem Rücksitz des ­Autos von Albert und Bixi niederlassen, in dem das Navi weder die richtige Abzweigung noch den Weg aus der Beziehungskrise kennt. Und dann teilt man seinen Sitz plötzlich auch noch mit ­einem weissen Kaninchen. Das Stück von Lisa-Marie Dickreiter und Andreas Götz ist ein clever inszeniertes Road­movie, in dem der Tiger nicht nur im Tank steckt (Kino Kunstmuseum, Fr, 18.30).

Doch es geht am Sonohr, wo das kollektive Lauschen von klassischen Hörspielen, Features und experimentellen Formaten ohne Kopfhörer zelebriert wird, auch mit einfacher Technik. So ist Lorenz Keller, der als Gaudenz Trüeb Hörspiele in Mundart veröffentlicht und für «WC-Drama» 2013 bereits einen ­Sonohr-Pokal bekam, mit einem Splatterstück vertreten – und das ist ungewöhnlich komplex. In «Das Kettensäge- und Bschüttlochmassaker» (Kino Kunst­museum, So, 17.00, Kulturpunkt Progr, Sa, 22.30) erklärt der Protagonist Emil Randenberger mit kehliger Stimme: «Es geht um einen Hörspielautoren. Dieser Hörspielautor schreibt grad an einem Stück über einen Hörspielautoren und dieser Hörspielautor ist seinerseits dran, ein Hörspiel über einen Hörspielautoren zu schreiben.

Und dann kommen dann noch zwei weitere Ebenen dazu. Wie ein verknoteter Wollfaden. Das kann man fast nicht mehr entwirren.» Doch kein Radio will es senden, Randenberger muss sich beim RAV anmelden und dann ertrinkt auch noch seine Mutter in der Badewanne. Kein Wunder endet er am Schluss wegen des ganzen Wirrwarrs im Wahnsinn. Da hilft nur noch die Kettensäge. Mal süffig, mal heiser, mal spitz und spuckig hat Trüeb auch hier wieder die herrlich karikierten Rollen selber eingesprochen und zu Hause geschnitten.

Mehr und mehr

«Dank bedienerfreundlicher Software und erschwinglichen Aufnahmegeräten ist es heute viel einfacher, ein Hörstück zu produzieren», so Bay. Ist das vielleicht auch der Grund, warum das Segment des Hörspiels floriert, während der Buchmarkt kriselt? «Sicher auch, zudem bieten das mobile Internet, Smartphones und Tablets hervorragende Möglichkeiten, Hörspiele und Radiofeatures zeitunabhängig und unterwegs anzuhören. Vielleicht kommt das Publikum deswegen wieder auf den Geschmack.» Dafür sprechen auch die Besucherzahlen, die jedes Jahr weitersteigen.

Zum ersten Mal haben die Organisatoren bei den Eingaben für das Wettbewerbsprogramm (insgesamt werden vier Preise vergeben mit einer Gesamtpreis­summe von 6500 Fr.) auch einen thematischen Trend ausgemacht: «Viele Stücke beschäftigen sich mit den Herausforderungen des heutigen Lebens wie Stress und Überforderung in der Multioptionsgesellschaft», sagt Bay.

So zum Beispiel das Stück von Diana Rojas, die zum ersten Mal ein Werk bei Sonohr eingegeben hat: «+–0% – über den Versuch zu verstehen, wieso manche Menschen immer besser sein wollen als ihre Menschenkollegen» (Kino Kunstmuseum, Fr, 20.30, Kulturpunkt Progr, Sa, 16.30). Darin sagt ein 22-jähriger Bodybuilder: «Zufrieden bin ich mit meinem Rücken, noch nicht zufrieden bin ich mit meinen Waden. Da muss es noch ein bisschen mehr sein.» Ein bisschen mehr sein: Die Absolventin des Masterstudiengangs Performative Künste an der HKB ­unternimmt ein persönlich gefärbtes Gedankenabenteuer in die Ich-Sucht und hinterfragt das Streben nach Wachstum. «Dabei erschien mir das Hörspiel als ideales Medium, da es dabei auch darum geht, dass wir ­besser zuhören sollten», so Rojas.

Als «Filmfestival ohne Film», so beschreiben die Macher von Sonohr ihr Projekt gerne. Es ist das einzige seiner Art in der Schweiz, dennoch muss noch immer viel Erklärungsarbeit geleistet werden. Zum ersten Mal können auch französische und italienische Produktionen am Wettbewerb teilnehmen. Ob mit Tabu­brüchen, Stimmverdrehungen, sprechenden Kaffeetassen oder Splatter – das Sonohr trägt unermüdlich dazu bei, das Hören sichtbar zu machen. www.sonohr.ch (Der Bund)

Erstellt: 12.02.2015, 08:29 Uhr

Programm

Kino Kunstmuseum : «Lost in Navigation» (Fr, 18.30), «Helden bauen im Balkan» (Sa, 18.30), Livehörspiel «Hitchcock – der Mieter» (So, 18.30), Wettbewerbsstücke (Fr, ab 18.30; Sa, ab 14.00; So, ab 12.30). Nach den Wettbewerbsblöcken kurze Gespräche mit den Autoren. Preisverleihung: So, 18.00.
Kulturpunkt Progr: «Svizra Rumantscha» (Sa, 19.00), Wettbewerbsstücke.
Atelier Norbert Klassen im Progr und Eingang Kino Kunstmuseum: Klanginstallationen.

Agenda

Kino Kunstmuseum & Kulturpunkt Progr:
Freitag, 13., bis Sonntag, 15. Februar.

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