Ein Aargauer im bildleeren Argentinien

«Der Argentinier» vom Theater Marie wurde in der Heiteren Fahne in Wabern uraufgeführt.

Uraufführung des «Argentiniers» in der Heiteren Fahne.

Uraufführung des «Argentiniers» in der Heiteren Fahne. Bild: zvg

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Die Temperaturen waren durchaus ­argentinisch-pampaesque bei der ­Uraufführung von «Der Argentinier» in der Heiteren Fahne in Wabern. Das Theater Marie hat dieser Inszenierung die gleichnamige Novelle von Klaus Merz zugrunde gelegt, in welcher die Geschichte des Aargauer Auswanderers Johann Zeitner erzählt wird.

Besagter Johann Zeitner wollte in seiner Jugend die grosse weite Welt erkunden und machte sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg auf, in Argentinien sein Glück als Gaucho zu versuchen. Anstatt auf dem Rücken eines Pferdes landete Zeitner aber in Buenos Aires in den Armen der schönen Tangotänzerin Mercedes. Die feurige Liebschaft war nicht von langer Dauer, Zeitner kehrte in die helvetische Heimat zurück, wo er seine frühere Geliebte Amelie heiratete. Fortan betätigte er sich als Lehrer und wurde von der Dorfgemeinschaft halb spöttisch halb bewundernd «Der Argentinier» genannt.

Die Inszenierung des Theaters Marie (Regie Olivier Keller) hält sich in Bezug auf die Erzählstruktur eng an die literarische Vorlage und so wird dem Publikum Zeitners Geschichte aus zweiter Hand vermittelt. Die Rahmenhandlung bildet eine Klassenzusammenkunft, bei der eine Enkelin des Argentiniers (Newa Grawit) auf einen ehemaligen Schulkollegen (Diego Valsecchi) trifft und diesem den Lebensweg des Grossvaters schildert. Ihr Erzählen ist dabei nicht linear und chronologisch, sondern umständlich und von Unterbrüchen geprägt. Diese Sprunghaftigkeit und die Textlastigkeit erschweren einem den Einstieg ins Stück, zumal auch das Bühnenbild keine Orientierungshilfe bietet. Valsecchi und Grawit bewegen sich in einer Art über­dimensionierter Holzkiste, in deren Mitte eine Drehscheibe eingelassen ist, deren sporadische Benützung für Bewegung im sonst statischen Umfeld sorgt. Zudem filmen sich Valsecchi und Grawit gegenseitig, womit eine weitere Ebene aufgetan wird, die sich zunächst nicht einordnen lässt.

«Erzählen und erzählen lassen», so eine Aussage, welche in «Der Argentinier» mehrmals formuliert wird. Die Wiederholung impliziert: Dem Akt des Erzählens soll eine bestimmte Wichtigkeit beigemessen werden. Tatsächlich kann das Erzählen hier als eine Art ­Taktik gedeutet werden, mit welcher die eigentliche Kommunikation und zwischenmenschliche Annäherung der beiden Klassenkameraden herausgezögert wird. So liesse sich allenfalls auch das karge Bühnenbild einordnen: Durch das Erzählen wird immer bloss ein verbales, karges Abbild einer Realität geschaffen, die sich nur sinnlich fassen lässt, weswegen auch der Erzählraum blank bleibt. Die Holzwände könnten allerdings belebt werden, wenn durch das Erzählen die Fantasie angeregt würde und innere Bilder entstünden. Das passiert aber in der Inszenierung von «Der Argentinier» nicht. Da will kein Lasso-schwingender Gaucho vor dem innern Auge aufgaloppieren, kein stolzer Tangotänzer erscheinen, der die Dame seiner Wahl aufs Parkett führt, und kein Fernweh nach der weiten, argentinischen Pampa will sich einstellen. Dabei hätte das Wetter doch beste Schützenhilfe geleistet.

Weitere Vorstellungen: Heitere Fahne, Wabern, Samstag, 25., und Mittwoch, 29. Juni, 20 Uhr. (Der Bund)

Erstellt: 25.06.2016, 10:59 Uhr

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