«Diesmal gibt es kein Zurück»

Die Vorstellungen in Bern sind abgesagt. Wegen der Umwälzungen in der Heimat ist die Choreografin Karima Mansour kurzfristig nach Kairo zurückgekehrt. Ein Telefonat zwischen Chaos und Hoffnung.

Karima Mansour (rechts) und Daria Gusberti bei den Proben zur bernisch-ägyptischen Koproduktion. (zvg)

Karima Mansour (rechts) und Daria Gusberti bei den Proben zur bernisch-ägyptischen Koproduktion. (zvg)

Sie hat Kairo erreicht. Anfang Woche ist Karima Mansour – ungeplant und völlig überstürzt – von Bern in Ägyptens Hauptstadt zurückgekehrt. Ihre Arbeit mit Berner Tanzschaffenden hat sie unterbrochen. Die Premiere vom 24. Februar und alle weiteren Aufführungen von «While closely gazing at the soup, so you see what I see?» sind abgesagt. Karima Mansour spricht ins Handy. Irgendwo am Rande des Kairoer Tahrir-Platz. «Ich bin froh, hier zu sein. Hier werde ich gebraucht», sagt sie.

Den Platz der Befreiung in Kairos Innenstadt kennt seit Mitte Januar die halbe Welt. Hier wird derzeit Geschichte geschrieben. Karima Mansours Stimme klingt klar und erstaunlich gefasst. Hoffnungsvoll irgendwie. Derweil hinter ihrem Rücken das Chaos tobt.

«Die Situation ist extrem intensiv, explosiv, kompliziert und aufregend. Ich bin froh, hier zu sein», wiederholt sie sich. Nach ihrer Ankunft auf dem Kairoer Flughaben – «es dauerte eine Woche, bis ich ein Flugticket bekam» – habe sie zu Hause ihr Gepäck deponiert und sei unverzüglich auf den Tahrir-Platz geeilt. «Meine Mutter, meine Freunde und Bekannten – alle sind da.» Sie habe zusammen mit ihnen die Nacht auf dem Platz verbracht. Die Kairoer Künstlerszene, in der sie sich als Freischaffendebewegt, sei aktiv. Ein Netzwerk, das funktioniert. «Wir organisieren tägliche Sitzungen und Treffen. Wir haben uns in verschiedene Gruppen aufgeteilt.» Einige Leute seien daran, über das, was vor Ort passiere, zu schreiben. «Das Geschehen muss dokumentiert und archiviert werden. Die Informationen liefern wir an die ägyptischen Zeitungen, an die Radio- und Fernsehstationen, und wir verbreiten sie im Internet, auch auf Youtube. Es ist erschreckend, dass zum jetzigen Zeitpunkt insbesondere in der Provinz immer noch nicht alle wissen, was hier vorgeht.»

Energieschub nutzen

Eben habe sie geholfen, eine Liste mit «berühmten Gesichtern» zusammenzustellen, sagt Karima Mansour. «Wir sind daran, ein Video mit Filmclips zu drehen.» Eine Sammlung von Spots, in denen Prominente ihr persönliches Statement abgeben. «Ich bin XY. Und ich bin gegen dieses Regime.» So stellen es sich die Aktivisten vor. Diese Aussagen seien wichtig, damit sich die Leute von der Strasse mit jemandem, den sie kennen, identifizieren können. Eine weitere Arbeitsgruppe habe eine Aktion gegen den Ex-Minister für Kultur gestartet. «Wir sammeln Material. Während der letzten 26 Jahre hat dieser Mann dafür gesorgt, dass die unabhängige Szene gelitten hat. Wir sind auch daran, die Kinoverbände neu zu beleben. Wir nutzen den Energieschub, der überall zu spüren ist. Alles ist im Fluss, alles passiert derzeit lawinenartig und gleichzeitig.»

Hat sie Angst? «Nein», sagt Karima Mansour. «Angst haben wir nicht. Überhaupt nicht! Es gibt nichts, wovor wir Angst haben müssen. Es muss einen Wechsel geben. Diesmal gibt es kein Zurück. Auch wenn alles gestoppt würde. Es wird nie mehr so sein wie vorher. Wir müssen jetzt zusammenhalten und unsere Hausaufgaben machen.» Sie sei sich bewusst, dass sie getötet werden könnte. Ja, sagt sie, dieses Risiko könnte Angst machen. «Wir denken nicht daran. Es ist der Preis, den wir im schlimmsten Fall bezahlen.» Die Polizei habe begonnen, in die Häuser von Freunden einzudringen. «Wir treffen uns vorab auf dem Tahrir-Platz. Wir haben Zelte aufgestellt. Es ist ein einziger riesiger Arbeitsplatz. Kein Karneval, wie man von aussen den Eindruck erhalten könnte.»

Hungrig nach Neuem

Das Stück «While closely gazing at the soup . . .» hat sie mit der Berner Video-Künstlerin Maia Gusberti und deren Schwester, der Tänzerin Daria Gusberti, erarbeitet sowie der Dramaturgin Laila Soliman und dem Musiker Mahmoud Refat – beide kommen wie sie aus Kairo. Als Karima Mansour abreiste, war die Produktion fast fertig. «Wir werden die Arbeit zu einem späteren Zeitpunkt fortsetzen. Ein starkes Stück. Es soll in Bern und Kairo gezeigt werden. Ein Stück mit politischem Potenzial, auch wenn es nicht zu den aktuellen Ereignissen Stellung beziehe. Noch nicht. «Wenn wir die Produktion aufnehmen, wird es kleine Änderungen geben. Die Aktualität wird Spuren hinterlassen.»

Ein Tanzstück, entzündet am Zeitgeist. Es wird auch das ägyptische Publikum interessieren. Als Karima Mansour im Jahr 2000 in einem 600-plätzigen Kairoer Theater ihr Bühnendebüt gab, war das Haus an vier aufeinanderfolgenden Abenden ausverkauft. «Die Leute sind hungrig nach Neuem. Sie kommen ins Theater. Nicht nur einmal. Sie kommen wieder, wenn man sie lässt, und stellen Fragen, wenn sie nicht verstehen», sagt die Choreografin. Nicht das Publikum sei das Problem. Die Probleme im Kulturleben seien anderer Art. «Keine Unterstützung, keine Räume, wo wir proben können. Ein Kulturminister, der das unabhängige Kulturschaffen rigoros unterbindet. Das sind unsere Probleme. Jetzt muss sich etwas ändern.»

Der Bund

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