Die Erforschung des Heimwehs

Das Schaubüro hat ein experimentelles Stück zum Thema «Heimweh» kreiert. Das Ergebnis: Episodenhafte Bilder rund um Söldner, Walfische und Astronauten.

Die Theatermacher und ihr Publikum: Wer hat hier Heimweh?

Die Theatermacher und ihr Publikum: Wer hat hier Heimweh? Bild: Rob Lewis/zvg

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«Schweizer Krankheit» wird sie auch genannt, die Sehnsucht nach der Heimat, die im äussersten Fall zu Entkräftung, Fieber und gar zum Tod führen kann. Und genau dieses Heimwehs hat sich das Büro für Theaterkonzeption und -produktion, kurz: das Schaubüro, in seinem neuen Stück «Whatever comes #2: Heimweh!» angenommen. Das Thema war nicht selber gewählt, sondern Ende Oktober vom Publikum ausgelost worden.

Heimaterde im Koffer

Natürlich darf in einem Stück, welches sich mit der Sehnsucht nach Heimat beschäftigt, die Kuhreihe «Lioba, lio-o-ba . . .» nicht fehlen. Seit dem 16. Jahrhundert ist dieser Lobgesang der Hirten dokumentiert, sein melancholischer und pathetischer Grundton soll einst Schweizer Söldner zur Fahnenflucht getrieben haben – und entsprechend war es in Frankreich bis Mitte des 18. Jahrhunderts bei Todesstrafe verboten, dieses Lied zu intonieren. Der Lioba-Ruf zieht sich denn auch wie ein Leitmotiv durch das ganze Schauspiel des Schaubüros.

Heimweh wird ja eigentlich nur dann empfunden, wenn man sich in einer Umgebung nicht wohl fühlt oder gewaltsam aus Vertrautem herausgerissen wird. So zeigt das Ensemble (künstlerische Leitung: Julia Haenni und Micha Küchler) zum Einstieg Kriegsflüchtlinge, die in ihren Koffern nichts anderes mit sich tragen als Heimaterde, die in der Folge mit fieberhaftem Eifer neu verteilt wird. Eine stimmige und visuell ästhetische Metapher.

Im Anschluss treten verschiedene Figuren auf, um ihren ganz persönlichen Umgang mit Heimweh zu demonstrieren. Der Schweizer Söldner (Julia Haenni) will seine Tränen nicht zeigen, sondern verweist vehement auf sein Augenleiden; der «alleinigste Mensch» auf der Welt, die Apollo-Astronautin (Dorothea Mildenberger), betont den Vorteil der absoluten Ruhe im weiten All.

Die zweidimensionale Gemälde-Figur (Michael Glatthard), die aussieht, als wäre sie einem Rembrandt-Bild entstiegen, parliert derweil über das Leiden und Sterben von Walfischen, wenn diese fern heimischer Gewässer weilen müssen, während ein ebensolcher Walfisch (Micha Küchler) seine stillen Runden durch das Setting zieht.

Fragmentarisches Konstrukt

«Whatever comes #2: Heimweh!» lotet nicht nur auf spielerische Art und Weise unterschiedliche Heimwehvarianten aus, sondern entlarvt dabei auch die Sehnsucht nach Vertrautem als Sehnsucht nach einem Zustand, der so in der Realität wohl nie existiert hat, sondern nur in der eigenen nostalgischen Erinnerung überhöht und verklärt wird.

Das ist manchmal lustig und absurd und manchmal poetisch und berührend. Schade nur, dass die einzelnen Episoden dramaturgisch so unverknüpft bleiben, was das Stück als kaleidoskopartiges und fragmentarisches Konstrukt erscheinen lässt und nicht als stimmiges Ganzes. Auf der anderen Seite ist Heimweh ja aber auch ein einsames Gefühl, das jeder mit sich selber ausfechten muss. Deshalb scheint die Anordnung dann wieder zu passen.

«Whatever comes #2: Heimweh!» wird noch heute Samstag, 20.30Uhr und morgen Sonntag, 16Uhr im Schlachthaustheater gezeigt. (Der Bund)

Erstellt: 28.02.2015, 10:58 Uhr

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