Der frisierte Dällebach

Mehr Zuckerwatte, weniger Rasierschaum: Über 100 000 haben das Musical «Dällebach Kari» bereits gesehen. Jetzt zeigt der «Kari-isch-Kult»-Star noch in Bern, was er kann.

Nicht nur Annemarie (Carin Lavey) erhält eine neue Haarpracht, auch das Schicksal von Dällebach Kari (Hanspeter Müller-Drossaart) wurde für das Musical aufgemotzt.

Nicht nur Annemarie (Carin Lavey) erhält eine neue Haarpracht, auch das Schicksal von Dällebach Kari (Hanspeter Müller-Drossaart) wurde für das Musical aufgemotzt. Bild: zvg

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Jetzt ist er heimgekehrt, der Dällebach Kari, zwar nicht ins Herz seiner Heimatstadt, wo er einst an der Neuengasse seine Kunden rasierte und mit seinen Witzen unterhielt. Am Stadtrand, im Niemandsland auf dem Areal des alten Schlachthofs, wo sich die Abbruchberge türmen, darf er für drei Monate in die grosse rote «Ewigi-Liebi»-Halle einziehen.

Ihm, dem «Kari-isch-Kult»-Star, den mehr als 100 000 Zuschauer in den letzten zwei Jahren auf der Thuner Seebühne und im Zürcher Theater 11 gesehen haben, darf man durchaus zutrauen, dass er noch bis Ende Jahr die Halle mit den 900 Plätzen füllt, bevor diese abgebrochen wird.

Himmeltraurig

Dass sich dieser patente, sympathische Musical-Kari ein wenig von seiner Heimatstadt entfremdet hat, nimmt man ihm nicht übel. Schliesslich weiss man ja, dass Karis Schicksal fürs Musical ein wenig frisiert werden musste. Mehr Zuckerwatte und weniger Rasierschaum, das haben die Dällebach-Musical-Macher, ein Creative-Team aus Berlin, subito kapiert.

So himmeltraurig wie im wahren Leben darf der Hasenschartige nicht zugrunde gehen. Der soll vor Krebsdiagnose und Sprung von der Nydeggbrücke seine Annemarie noch richtig herzen dürfen. Dafür muss allerdings der Aeberli Fritz zuerst ins Gras beissen, der schicke Schnösel aus gutem Haus, Nationalrat und Bundesrats-Aspirant, der in der Schule einst Dällebachs einziger Freund gewesen ist und sich dann später die Annemarie schnappte.

Kari tanzt Tango

Auch die Annemarie, die vor den Altar geführt wird wie das Schlachtvieh zum Metzger, weil ihr Vater nicht gut geschäftet hat, wird von den Berlinern neu designt. Kaum ist das muntere Blondchen unter den Lauben in Kari hineingeputscht, gehts so schnell zur Sache wie in einem Hollywood-Film. Die Annemarie will den Kari – und wie. Dem Kari wirds darob so schwindlig, dass er plötzlich Tango tanzen kann. Und dann läuft die tragische Lovestory wie geschmiert. Missverständnisse, gestrenge Eltern, Eifersucht, Intrigen, kaputte Freundschaft, kaputte Leber, Tod. Und alles ist in üppig wogenden Klangwolken verpackt, die so vertraut sind, dass sie einen schon nach wenigen Takten wohlig einlullen.

Sogar ein bisschen «Cabaret» schwingt in diesem Musical-Bern mit, wo die Freudenmädchen der Kundschaft so selbstbewusst charmieren, als wären sie jedes Jahr nach Paris ins Moulin Rouge zur Weiterbildung gereist.

Besinnung im Bordell

Was aus diesen Figuren zu holen ist, die mit dem Leiden klassischer unglücklich Liebender so richtig vollgestopft wurden, führt das Darsteller-Team eindrücklich vor: Hanspeter Müller-Drossaart als knuddliger Kari bohrt sich so heftig ins Publikumsherz wie ein «Sprysse» unter den Fingernagel, und Carin Lavey als entzückende frische Annemarie zieht voll mit. Auch die übrigen Figuren, ausgeliehen aus dem Personalbaukasten der universellen Liebestragödien, drehen zünftig auf: der arrogante Aeberli Fritz (David Morell) genauso wie der gestrenge Vater (Daniel Ludwig), der stilvolle Monsieur Alkohol (Sergio-Maurice Vaglio) und die resolute Wirtin (Patricia Hodell).

Nur einen hübschen Moment lang gerät das flotte Dramenkarussell ins Stocken. Und das ausgerechnet dort, wo die Klischees am üppigsten wuchern, im Berner Bordell.

Der getunte Barbier von Bern

Kari bringt da die Puffmutter (Martina Lory) mit seinem Wunsch ganz schön durcheinander. Sie erfüllt ihn aber mit so viel verstörender Verlorenheit, dass man sich einen Moment vorstellt, was so in einem Kari-Musical abseits bekannter Muster auch noch möglich gewesen wäre. Wenn zum Beispiel statt der Kopie einer rassigen Filmhure in Strapsen ein rachitisches Verdingmädchen Karis Lieblingslied singen würde, das mit seinem Verdienst die Familie im Rüschegggraben durchbringen muss.

Aber «Kari isch Kult / klipp u klar / yes we can», das hat man nach zwei Stunden begriffen, und vielleicht avanciert der getunte Barbier von Bern noch zum Exportschlager. Eine hochdeutsche Fassung existiert bereits, geschrieben wurde sie ist noch vor der berndeutschen. (Der Bund)

Erstellt: 01.10.2012, 07:44 Uhr

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