Der Stress der Generation Beissschiene

«X-Freunde» – Felicia Zellers preisgekröntes Sprachkonzert zum Thema Arbeitssucht – feierte in den Vidmarhallen erfolgreich Schweizer Erstaufführung.

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Mit dem Neustart soll alles besser werden. Anne Holz (Milva Stark) hat sich als Werbetexterin endlich selbstständig gemacht. Ihren Traum verwirklicht. Ist einfach in die Planierraupe eingestiegen und hat alles plattgemacht, wie ihr langjähriger Freund, Bildhauer Peter Pilz (Jürg Wisbach), bewundernd in die Runde wirft. Endlich ist es vorbei mit der «Komm-doch-mal-auf-einen-Espresso-vorbei-Ich-bin-schon-da-Agentur», für die sie sich jahrelang den Arsch aufgerissen hat.

Private Aid heisst ihre neue Firma, die ganz ihren eigenen Vorstellungen und Massstäben entspricht und gleich noch die Welt verbessern soll. Mit völlig neuer Arbeitsstruktur und Arbeitskultur – «Anti-Gleichgültigkeits-Konzept» inklusive. Auch Ehemann Holger (Stefano Wenk) freut sich. Endlich mit Anne «auch mal wieder was anderes . . .» – und macht dazu eindeutig zweideutige Handbewegungen.

Der glänzende Vorhang fällt

Doch so locker und entspannt, wie es uns die Regie (Franziska Marie Gramss und Jan Stephan Schmieding – Letzterer hat aufgrund einer Erkrankung der Regisseurin die Inszenierung übernommen) gleich zu Beginn vorgaukeln will, ist das neue Leben dann anscheinend doch nicht. Und glamourös schon gar nicht.

Zwar nippen die drei kreativen Mittdreissiger und Endvierziger immer wieder gut gelaunt an ihren imaginären Champagnergläsern und steigen dazu in ihren eleganten Tuxedos eine in rosa Zuckerwattelicht getauchte Bühnen-Podesterie rauf und runter. Doch der golden glänzende Bühnenvorhang fällt bald. Für Müssiggang bleibt keine Zeit.Felicia Zellers Stücke werden im deutschsprachigen Raum rauf- und runtergespielt und wurden bereits mehrfach ausgezeichnet. So auch «X-Freunde», eine böse Satire auf die vernetzte Arbeitswelt und die rastlose Selbstausbeutung ihrer Protagonisten. Der Text wurde von einer Kritikerjury zum «Stück des Jahres 2013» gewählt. Im Gegensatz zu ihrem früheren Erfolgsstück «Kaspar, Häuser, Meer», welches die Überarbeitung von drei Sozialarbeiterinnen thematisiert, kämpfen in «X-Freunde» drei Freunde der Generation Beissschiene, wie sie die Autorin sarkastisch nennt und damit Bezug auf das stressbedingte Zähneknirschen nimmt, um ihre Lebensentwürfe.

Die Leere im Alltag

Doch zurück zum Plot: Hineingeboren in eine Gesellschaft, in welcher man sich ausschliesslich über den Beruf definiert und nur die Leistung zählt, ist der Druck, unentwegt etwas tun zu müssen, gross. So gross, dass sogar der ohne Verschulden arbeitslos gewordene Holger, einst erfolgreicher Spitzenkoch und Leiter eines Cateringunternehmens, sich genötigt fühlt, die Fahrt zum Baumarkt für den Kauf einer Gartenhacke sorgfältig in den Terminplaner einzutragen. Das füllt die Leere im Alltag, verleiht dem Leben Sinn.

Aber auch das gerne romantisierte Künstlerdasein birgt seine Nöte, wenn man sich selbst und seine Tage ausschliesslich nach der Menge der geleisteten, mehr noch der nicht geleisteten Arbeit beurteilt. Peter ist so einer, der es zwar geschafft hat, «so irgendwie» bekannt zu sein, doch nun um eine neue zündende Idee ringt. Die Gedanken kreisen unermüdlich, Entspannung ist unmöglich, der Rücken schmerzt. «Mit Freunden mal ein Bier trinken, das muss doch drin sein», twittert Peter Pilz verzweifelt seinen Followers.

Worthülse auf Worthülse

Gross scheint der Drang der Freunde, sich mitzuteilen, selbst mit Nichtigkeiten. Getrieben und atemlos sprudeln die unvollständigen Sätze nur so aus den drei Vielbeschäftigten heraus. Meist fehlt das Verb – als hinke die Zunge den Gedanken einen Takt hinterher.

Zellers Sprachkonzert ist witzig und beklemmend zugleich, erhält durch das präzise und reduzierte Spiel der drei ausgezeichneten Darsteller in der Schweizer Erstaufführung viel Raum, um seine Wortgewalt und seinen Sog zu entfalten.

Worthülse folgt auf Worthülse. Man spricht viel von Nachhaltigkeit, meint selbstverständlich die Projekte und klammert das eigene Leben aus. Work-Life-Balance ist ein Fremdwort und der ursprünglich angestrebte Zustand, in welchem Arbeits- und Privatleben miteinander in Einklang stehen, in unerreichbarer Ferne. Überarbeitet, erschöpft und verunsichert sind selbst die Ferien eine Qual. Das schlechte Gewissen drängt sich permanent in den Vordergrund. «Eigentlich sollte ich, eigentlich müsste ich», jammert Anne. Die körperliche Trennung von Laptop und Handy entpuppt sich als unmöglich. Die Arbeitslosigkeit des Partners wird zur Last.

Holger setzt seinem Leben ein Ende. Neustart.

Weitere Vorstellungen bis 4. März 2014, Konzert Theater Bern, Vidmar 2, Liebefeld.

Zähneknirschend: Stark/Wisbach/Wenk. Foto: Annette Boutellier

Der Bund

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