Der Schönwetter-Engländer

Ein Berner Student aus East Sussex wagt sich als Regisseur und Bühnenautor in die lokale Theaterszene. Der 25-jährige Brite Jack Williams mischt seine Vorliebe für Absurdes mit trockenem Humor und autobiografischer Note.

Holt sich bei seinen Stücken Inspiratinen von Orwell bis Woody Allen: Regisseur, Bühnenautor und Philosoph Jack Williams.

Holt sich bei seinen Stücken Inspiratinen von Orwell bis Woody Allen: Regisseur, Bühnenautor und Philosoph Jack Williams. Bild: agr

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Jack Richard Williams verkörpert «Britishness» vom Scheitel bis zur Sohle. Schwarzteetrinkend, im Manchester-Veston grüsst Williams mit einem manierlichen «Hello». Vor vier Jahren kam der junge Engländer für den Master in Politischer Philosophie nach Bern. Heute geniesst Williams allerdings als Bühnenautor und Regisseur lokale Bekanntheit.

2011 zog es den damals 21-Jährigen aus der englischen Küstenstadt Eastbourne in die Schweiz. Ursprünglich lautete seine Wunschdestination London, dennoch führte ihn sein Werdegang ins beschauliche Bern. Und das sei gut so, «ich bin sehr zufrieden mit meiner Wahl und schätze es, hier zu leben».

Abgesehen von Familie und Freunden, scheint er die Heimat nur selten zu missen. Nichtsdestotrotz, ein echter «Cider» - das britischen Pendant zum sauren Most – sei auf Berner Getränkekarten rar gesät.

Vom tanzenden Baum zum Regisseur

Die Welt der darbietenden Künste habe auf ihn schon als Teenager einen besonderen Reiz ausgeübt. Allerdings sei der Weg dorthin ein steiniger gewesen. «Die erste Theatererfahrung sammelte ich im Alter von acht Jahren – als tanzender Baum in einem Pantomimetheater».

Einige Jahre später, als frischgebackener Student im britischen York, versuchte er sich als Musiker einer Bluesband. Ernüchtert von «seltsamen Bühnenerfahrungen und ausbleibendem Publikumserfolg» habe er indes entschieden, der Welt der Scheinwerfer den Rücken zu kehren, und sich wieder ausschliesslich auf sein Studium konzentriert.

Die Bühne liess ihn trotzdem nicht los – gerade weil er sich für das Studentenleben entschied. So habe er in den ersten Monaten in Bern – teilweise ungewollt – «viel Zeit für sich» gehabt und sein Hobby, das Schreiben von Theaterstücken, intensiviert. «Lesen ist meine Sucht und Schreiben meine Leidenschaft.» Inspiration habe er in den Werken George Orwells, Oscar Wildes sowie in der «Absurdität» zeitgenössischer Drehbücher – wie jenen von Woody Allen und Wes Anderson – gefunden. «Ich pflege eine Hassliebe für das Gefühl des Fehl-am-Platz-Seins» – diese solle auch im Gebaren seiner Protagonisten zum Ausdruck kommen.

«Teilweise unangebracht, kaltschnäuzig und nicht einmal sehr lustig»

Die Bekanntschaft mit der englischsprachigen Berner Theatergruppe The Caretakers führte schliesslich zur Realisierung seines ersten Stücks mit dem Titel «Life for Life». Die Geschichte eines Alkoholikers auf der Suche nach einer neuen Leber wurde im November 2012 im Theater Remise uraufgeführt. Beim Stück handle es sich um eine typische «Dark Comedy», gespickt mit «unterschwelligem britischem Humor» und einer «Prise Unverfrorenheit». Überspitzt könne man die Darbietung gar als «teilweise unangebracht, kaltschnäuzig und nicht einmal sehr lustig» bezeichnen. Dies kam bei den Bernern offenbar an: Jede der Vorstellungen sei restlos ausverkauft gewesen.

In Kürze versucht sich Williams mit «The Shrink’s Cabinet» erneut als Theaterregisseur. Das Manuskript verfasste er in Co-Autorschaft mit seinem ehemaligen Kommilitonen Marco Battaglia.

Vom 21. bis 25. April wird das autobiografisch gefärbte Bühnenstück im Tojo-Theater zu sehen sein. Der Plot handelt von einem jungen Engländer, der aus der Ferne zum Weihnachtsfest im Kreise der Familie heimkehrt und dabei ungewollt den Sinn seines Daseins hinterfragen muss. Es sei «eine Geschichte über Selbstzweifel, Orientierungslosigkeit und Fantasien» – der Plot sei «Resultat einer postweihnächtlichen Schnapsidee» der beiden Autoren, muss Williams schmunzelnd hinzufügen.

Streben nach der Sonnenseite

Auf die Frage, ob Bern nur eine Station auf seinem Lebensweg sei oder das Potenzial zur mittelfristigen Bleibe habe, hat Williams noch keine Antwort. In erster Linie werde er sich ab kommendem Herbst seiner Dissertation in Zürich widmen – hierfür werde er auch für ein Auslandsemester an der Princeton University in New Jersey studieren. Die Tätigkeit als Regisseur und Autor sei für ihn nach wie vor eine Nebenbeschäftigung.

Wie sein Werdegang auch verlaufen wird: Bern, das er liebevoll-ironisch als «typische Middle-Sized Town» bezeichnet, habe er schon heute in sein Herz geschlossen. Vor allem die Quartieridylle in der Lorraine und im Breitenrain hätten es ihm angetan. Auch wenn er das Meeresrauschen vom Ärmelkanal manchmal vermisse, habe Bern für sein britisches Wesen einen entscheidenden Vorteil: «Das schöne Wetter». (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.04.2015, 13:18 Uhr

The Shrink's Cabinet

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