Der Schmalspur-Faust

Ein nicht ganz uncharmanter bedröhnter Heinrich hampelt sich in Claudia Bauers «Faust»-Inszenierung am Berner Stadttheater durch seine Halluzinationen und bleibt im Mief der Achtzigerjahre stecken.

Mehr Taugenichts als Grübler: Christoph Kerepeski als 80s-Faust.

Mehr Taugenichts als Grübler: Christoph Kerepeski als 80s-Faust.

(Bild: Annette Boutellier)

Statt einer weissen Maus sieht er einen schwarzen Pudel. Was nicht weniger verstörend ist in jenem Zustand, in dem sich Faust befindet. Dass ihm das Getier später auf die Bude steigt, ist ihm allerdings ganz recht, rotiert er doch in seiner schmuddeligen Absteige zwischen Bett und Schreibmaschine wie ein Hamster in seinem Laufrad. Nur der Abstecher zur Weinflasche lässt den Rastlosen noch verschnaufen. Und man mag ihn sofort, diesen zerknitterten Faust (Christoph Kerepeski), der sich im Leiden an sich und der Welt offensichtlich arrangiert hat, wie das grossformatig projizierte Video vorführt. An eine Laterna magica erinnert das imposante drehbare Halbrund, das als Leinwand dient und die Bühne des Stadttheaters dominiert (Bühne Patricia Talacko).

Allzu streng ist Regisseurin Claudia Bauer nicht mit dem wohl berühmtesten Helden der deutschen Klassik, muss er doch nicht einmal seinen umfangreichen Text rezitieren, der Goethe ihm, seinem Alter Ego, zumutet. Das übernehmen ­andere für ihn, zu einem mehrstimmigen Soundtrack sind die Verse gesampelt, ein Chor aus zwei Schauspielerinnen (Hen­riette Blumenau, Sophie Hottinger) und zwei Schauspielern (Stefan Wenk, Benedikt Greiner) tritt immer wieder zum Dozie­ren an, wenn er nicht gerade mit den übrigen Rollen beschäftigt ist.

Faust mag also nicht mehr so recht, und wenig spektakulär sind Innenleben und Zerrissenheit, die hier vorgeführt werden – ein Umstand, der ihn anfangs allerdings noch sympathischer macht. Ist doch dieser Faust mehr Taugenichts als Grübler.

Lieber das Fleisch als die Seele

Denn Regisseurin Claudia Bauer hat den Anspruch – wie sie im Programmheft verrät –, in jedem Klassiker einen Aspekt freizulegen, der bis heute noch nicht ­beleuchtet wurde. Nun ist die «Faust»-Landschaft mittlerweile vom Schürfen ungefähr so zerlöchert wie jenes Gelände in Südfrankreich, auf dem der Heilige Gral vermutet wird. Bei ihren Grabungen ist die 48-jährige deutsche Regis­seurin, die am Stadttheater in der letzten Saison «Volpone» inszeniert hat, offen­bar weder auf Gold noch auf Seltene Erden gestossen. Zutage fördert sie vielmehr den miefigen Chic der Achtziger, der mit seiner nicht ganz unbedenklichen Ästhetik gleichzeitig an die Fünfziger erinnert.

Im Jahrzehnt des schlechten Geschmacks lässt die ziemlich nachsichtige Regisseurin also Goethes depressiven Wissenschaftler auf seiner Offenbarungs­suche landen. Ähnlich ehrgeizlos und ­lädiert ist nämlich auch sein Sparringpartner Mephistopheles, der weit mehr an Fausts Fleisch als an dessen Seele ­interessiert ist. Zwei Kumpel balgen sich da, schlagen sich auch mal blutig, und in diesen ziemlich selbstverliebten Männerhalluzinationen sind denn Gretchen und ihre Nachbarin Marthe fürs Erste nur fades Beigemüse.

Im Takt der Unverbindlichkeit

Da hängt man nun also zwei Stunden in Fausts Drogentrip der Achtziger herum, aber einfahren will er einem nicht. Zu schnell nützen sich die vielen Videoprojektionen ab, die mit ihrer Übergrösse gleichzeitig die Theaterszenen konkurrenzieren, wenn Faust Wohnung und Kopfgefängnis verlässt und draussen unter­wegs ist. Dort wird ihm immer ­wieder der Marsch geblasen von einem munteren Trüppchen albtraumkompatibler, aber gleichzeitig hübsch anzusehender Folklorefiguren.

Die Regional Brass Band Bern ist für diesen Part engagiert worden, den sie mit viel blechmusikalischer Gewissenhaftigkeit wahrnimmt. Und so hampelt Faust wenig abgrün­dig durch Innen- und Aussenwelten, und ein Metronom sorgt dafür, dass weder er noch seine Entourage aus dem Takt der Unverbindlichkeit geraten.

«Ich hätte Lust, nun abzufahren», sagt dieser Schmalspur-Faust zwar immer wieder. Doch daraus wird nichts. Bis zuletzt klebt er im Mief der Unentschlossenheit und Harmlosigkeit fest, wo ihm bis zum wenig bitteren Ende nur sein Charme abhanden­kommt. Wie eine Entschuldigung kommt da der Hit «Road to No­whe­re» der Talking Heads von 1985 daher, den Faust am Schluss singt und zu dem er vielversprechend ins Publikum grinst, als bräche er jetzt endlich dorthin auf, wohin man ihm zu gerne gefolgt wäre.

Nur eine nimmt diese Abzweigung ins Bodenlose, das Gretchen. Als rosiges Naivchen der riesigen Kulleraugen gibt Henriette Blumenau erst die Verführte, bevor sie mit einer monströsen Schwangerschaft aufdreht. Für ihren Wahnsinn braucht sie nichts einzuwerfen, ihr genügt die Droge der Erkenntnis, mit der sie sich noch einmal durch ihr allzu kurzes Leben halluziniert.

Aufführungen bis 15. Februar 2015.

Foto:

Der Bund

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