Der Aufbruch kam aus den Kellern, liess sich dort aber nicht halten

Bereits in den Sechzigerjahren waren die Berner Kellertheater in einer Krise. Eine historische Spurensuche.

Das Berner Puppentheater ist nicht das erste mal in der Krise.

Das Berner Puppentheater ist nicht das erste mal in der Krise. Bild: zvg

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Man muss sich eine Zeit vorstellen, in der die Klassiker noch Avantgarde waren. Und darum Anlass für Aufruhr, bisweilen. Es war 1956 – und das Stück ein «sehr pikant und äusserst geschickt arrangierter Unsinn». Es gleiche Bildern, «denen es gleichgültig ist, wenn man sie verkehrt aufhängt».

Fanden «Bund» bzw. «Neue Berner Zeitung». Die Kritiker waren am 1. Dezember in einen Altstadtkeller gestiegen, ins Kleintheater Kramgasse 6, um dort ein Kapitel der Neu­erfin­dung des Theaters zu sehen. In dem Fall: die deutschsprachige Premiere des Stücks «Wie man Wünsche am Schwanz packt». Geschrieben hatte es Pablo Picasso, auf die Bühne brachte es Isaac Tarot, aber das war das Pseudonym von Daniel Spoerri, der als Tänzer aus ­Paris gekommen war und sich nun auf der Bühne versuchte, bevor er sich einen Namen in der Kunstwelt machte.

Ein Kabarettist namens Szeemann

Die weiteren Beteiligten des Picasso-Projekts zeigen, dass der grosse kulturelle Aufbruch der Nachkriegsära auch das Theater elektrisierte: Von Meret Oppenheim stammten Übersetzung und Kostüme, auf der Bühne stand neben ­Spoer­ri und Oppenheim auch Lilly Keller, das Bühnenbild hatte Otto Tschumi gefertigt. Im gleichen Keller hatte zudem schon ein Kunststudent namens Szeemann sein Einmannkabarett gezeigt.

Die Sache mit Picasso hatte zwar auch eine politische Note. Für weite Kreise war es ein Skandal, mit diesem Stück den 75. Geburtstag eines als Kommunistenfreund gehandelten Künstlers zu feiern. Symptomatisch ist der Abend gleichwohl: Die Keller der Altstadt waren die Laboratorien eines jungen Theaters, einer Alternative zum Stadttheater, die es damals nicht gab – während sie heute längst ein etablierter Sektor des Kulturlebens ist.

Es ging um neue Stoffe und Stücke. Aber auch um neue Arbeitsformen, ums Team als «Einheit von Führung und Ensemble», wie es Dürrenmatt formulierte, der damals ebenfalls über die Erneuerung des Theaters nachdachte. Deren erste Adres­sen in Bern waren das Theater der untern Stadt (eröffnet 1949), das genannte Kleintheater Kramgasse 6 (1953), das Galerietheater Die Rampe (1961) und das Zähringer-Refugium (1970). Ihre Blüte hatten die Kellertheater in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Und wenn heute von ihnen die Rede ist, von Berns «Keller­kultur», dann hört man das Echo einer grossen Geschichte.

Lichterlöschen im Untergrund

Die Realität war freilich ambivalenter. Selbst im Untergrund waren die Publikumsrenner nicht unbedingt die gewagtesten Stücke – mindestens so sehr waren es traditionelle Boulevardnummern. Mitunter beklagten sich die Betreiber der Keller selber über die Risikoscheu des Publikums, und sie merkten auch, dass selbst der allergrösste Idealismus zum Leben nicht reicht. Schon ab Ende der Sechziger war die «Krise der Kleintheater» immer wieder ein Thema.

Ab 1973 gab es die ersten Fördergelder der Stadt, zugleich aber verlagerte sich die Energie des Aufbruchs: in jene freie Szene, die in den Kellern erfunden worden war, aber bald ausflog, um abermals neue öffentliche Räume zu erobern. ­Damit verlagerte auch die Kulturpolitik ihren Schwerpunkt: von der Förderung von Lokalitäten zu jener von Gruppen (und schliesslich von Produktionen). Es gab eine zweite Generation von Keller­theater­machern, sie praktizierten ein kriti­sches Volks- und Mundartheater. Aber auch das hielt das Lichterlöschen im Untergrund nicht auf: Ab 1980 ging ein Lokal ums andere zu.

Quelle: Thomas Feitknechts Aufsatz im Sammelband «Stadtnarren, Festspiele, Keller­bühnen», hrsg. von Heidy Greco-Kaufmann (Chronos-Verlag, 2017). (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.12.2018, 07:44 Uhr

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