Deklarieren, bitte!

Die Tanzgruppe Shen Yun und ihre Schweizer Veranstalter sollten die Beziehungen zu Falun Gong offenlegen.

Linus Schöpfer@L_Schoepfer

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in eine Oper. Puccini, «La fanciulla del West». Als Sie sich setzen, bemerken Sie, dass Sie sich auf ein Zettelchen gesetzt haben. Darauf geschrieben sind die Zehn Gebote. Dann beginnen die Darsteller auf der Bühne, das Vaterunser zu rezitieren. Nun ärgern Sie sich. Dafür waren Sie nun wirklich nicht gekommen.

Eine ähnliche Mogelpackung offeriert Shen Yun, die Tanztruppe aus New York. Sie tingelt derzeit durch die Schweiz. Shen Yun ist ein globales Unternehmen, schickt mehrere Ensembles um die Welt, beschäftigt fast 500 Künstlerinnen und Künstler – und steht im Dienst von Falun Gong.

Doch erst, wenn die Aufführung läuft, merkt man die Absicht und ist verstimmt. Denn die grosse Marketingkampagne, die den Auftritten zuverlässig vorausgeht, verschweigt die politische Agitation. Das Theater Winterthur bietet der Truppe des­wegen dieses Jahr keine Bühne mehr.

Der hartnäckige Protest der chinesischen Diplomatie war die beste Werbung.

Der Theaterleiter René Munz und der Winterthurer Stadtpräsident Michael Künzle wurden dafür harsch kritisiert. «China schlecht, also Shen Yun gut» war die allzu simple Schlussfolgerung, die auch in hiesigen Zeitungen gezogen wurde – ohne dass dabei die Falun-Gong-Verstrickungen thema­tisiert worden wären. Der hartnäckige Protest der chinesischen Diplomatie war die beste Werbung, die sich die Tanztruppe wünschen konnte.

Aber ist Falun Gong denn nicht jene Meditationsbewegung, die in China gnadenlos verfolgt wird? Tatsächlich, das ist sie. Aber muss man der Bewegung, die von Sektenexperten durchaus kritisch gesehen wird, deshalb eine Mogelpackung wie Shen Yun durchgehen lassen? Nein.

Und nochmals Nein: Man muss Shen Yun nicht verbieten. Es bräuchte nur eine Verpflichtung zur Deklaration, zum erklärenden Untertitel. Etwa: «Shen Yun, die grosse bunte Falun-Gong-Show». Dann kann jeder Vermieter und jede Besucherin selber entscheiden, ob er oder sie sich darauf einlassen will.

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