Das Trump-Lager macht Jagd auf «Julius Caesar»

Wie weit darf Kunst gehen? Diese Frage stellt Donald Trump Jr. aufgrund einer Shakespeare-Inszenierung am New Yorker Public Theater.

Julius Caesar gleicht dem US-Präsidenten auf's Haar: Donald Trump Jr. enerviert sich auf Twitter über die Inszenierung.

Julius Caesar gleicht dem US-Präsidenten auf's Haar: Donald Trump Jr. enerviert sich auf Twitter über die Inszenierung. Bild: Joan Marcus/Keystone

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William Shakespeares «Julius Caesar» ist in den USA das Stück der Stunde: Das Drama rund um die Ermordung des siegreich heimgekehrten Feldherrn mit den diktatorischen Zügen trifft in Zeiten verunsicherter Demokratien einen Nerv. Auch das für seine riskanten Produktionen bekannte New Yorker Public Theater (Uraufführungen etwa von «Hair» und «Hamilton»), dessen Aussenstation im Central Park das Publikum seit langem mit der Gratisschiene «Shakespeare in the Park» erfreut, hat dort nun einen «Julius Caesar» präsentiert. Dieser Caesar trägt, genau, oft eine rote Krawatte, auf dem Kopf den bekannten rotblonden Haarwusch, und sein Text ist stellenweise mit berüchtigten Trump-Zitaten durchsetzt. So weit, so eindeutig.

Video: Der Mord auf der Bühne Hat die Regie die «Linie der Standards des guten Geschmacks» überschritten?

Die Botschaft der Inszenierung ist aber offenbar weniger klar: Das Trump-Lager läuft Sturm wegen des vermeintlichen Aufrufs zu Gewalt. Barbarische Attacken gegen den Präsidenten seien «liberaler» courant normal: «Fox News» und «Breitbart» fahren Breitseiten gegen die angeblich verlogene brutale Linke. Da nützts wenig, dass Theaterexperten eine völlig gegenläufige Deutung von «Julius Caesar» – und der inkriminierten Inszenierung – vorlegen.

Laut Shakespeare-Koryphäe Stephen Greenblatt erzählt das Stück aus dem Jahr 1599 gerade davon, wie gefährlich es sein kann, wenn man bekommt, worum man erbittert kämpft; und dass die Ermordung eines verhassten Führers die Republik zerstören kann, die man eigentlich hatte retten wollen. Auch der künstlerische Direktor des Public Theater, Oskar Eustis, erklärt, dass die Produktion in keiner Weise Gewaltakte befürworte. Sondern im Gegenteil, man zeige die Fragilität der Demokratie – und dass jene, die versuchten, die Demokratie mit undemokratischen Mitteln zu verteidigen, einen schrecklichen Preis dafür zahlten.

Das Theater muss blechen

Jetzt zahlt erst mal das Theater: Wichtige Sponsoren wie Delta Air Lines und die Bank of America zogen ihre Unterstützung zur Gänze (Delta) oder teilweise (Bank) zurück. Schliesslich hat Präsidentensohn Donald Trump Jr. getwittert: «Ich frage mich, wieviel dieser ‹Kunst› vom Steuerzahler finanziert ist? Ernsthafte Frage, wann wird ‹Kunst› politische Rede & ändert das die Sachlage?» Mit anderen Worten: Er droht Kunst mit politischem Charakter ganz generell mit monetären Sanktionen. Und ruckzuck distanzierte sich das National Endowment for the Arts – dem die Trump-Regierung ohnehin den Geldhahn abdrehen will – von der Inszenierung: Die Produktion habe, im Fall, kein Endowment-Geld erhalten.

Delta Air Lines dagegen gibt den unpolitischen Geschmacksrichter: Die «drastische Darstellung» widerspiegle nicht die Delta-«Werte»; die Regie habe die «Linie der Standards des guten Geschmacks» überschritten. Immerhin: Comedian Kathy Griffin musste ja jüngst wegen einer blutigen, satirischen Trump-Fotomontage auf Entschuldigungstour gehen, und ihre Karriere ist stillgelegt. Doch das Public Theater spielt weiter, und die Stadt New York hält am Support fest. Wegen einer künstlerischen Entscheidung eine Subvention in Frage zu stellen, grenze an Zensur, sagte der Kulturchef. In der Tat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2017, 16:06 Uhr

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