«Darüber reden wir später»

Er ist der Kopf der neuen Ära, deren Programm gestern vorgestellt wurde. Aber Versprechen macht er nur auf besondere Nachfrage: Stephan Märki, Direktor von Konzert Theater Bern.

ein Spielplan, der dieser Stadt eine «neue Sicht» auf sich selbst verschafft – das ist zumindest der Anspruch. (Illustration aus dem Programmheft)

ein Spielplan, der dieser Stadt eine «neue Sicht» auf sich selbst verschafft – das ist zumindest der Anspruch. (Illustration aus dem Programmheft)

(Bild: zvg, Fotomontage: Formdusche, Berlin)

Daniel Di Falco

Sie haben an der Medienkonferenz gesagt, Sie seien in einem Jahr zehn Jahre älter geworden. Wie das?
Wir haben mit der Zusammenführung von vier Sparten in wenigen Monaten eine Arbeit gemacht, die anderswo Jahre dauert. Und das teils mit Personal, das noch gar nicht angestellt war. Das war ziemlich aufreibend.

Am Anfang des neuen Vierspartenhauses stand das Problem mit dem Symphonieorchester, das sich einer engeren Zusammenarbeit mit dem Opernbetrieb verweigert hatte. Nun gibt es in allen bisherigen Stadttheatersparten neue Leiter – der Chefdirigent des Orchesters dagegen bleibt. Wie kam es denn dazu?
Es ging nicht um den Einbau des Orchesters ins neue Haus: Die vier Sparten sollten unter einem neuen Dach zusammenkommen. Und Chefdirigent Mario Venzago ist ein Glücksfall. Ich bin froh, dass ein so versierter Konzert- wie Opernfachmann jetzt auch Opern dirigiert.

Und wozu haben Sie dann die anderen drei Kaderleute ersetzt?
Wenn etwas Neues entstehen soll, braucht es Leute mit gleicher Wellenlänge und ähnlichen künstlerischen Zielvorstellungen. Mit den bisherigen Spartenleitern wäre das schwer zu erreichen gewesen.

Der Orchesterchef gehört nicht zur Geschäftsleitung. Warum?
Venzago hat auf seinen Wunsch eine Sonderrolle bekommen; er ist nicht in die Alltagsstrukturen eingebunden und kann sich aufs Künstlerische konzentrieren.

Das BSO hat weiter seine Privilegien?
Für das Orchester war die neue Institution eine sehr emotionale Sache. Da gab es Probleme, die nicht allein sachlich zu lösen waren, sondern nur mit viel Geduld und Gespür.

Die Musiker haben die besseren Lohn- und Arbeitsbedingungen.
Richtig. Und wir müssen nach wie vor jeden Einsatz eines Musikers im Ballett oder im Schauspiel extra bezahlen. So steht es in den Verträgen. Da kann einem schon mal die Frage kommen, ob man nicht für ein einzelnes Projekt einen Musiker aus der freien Szene bekommt, der flexibler und vielleicht motivierter ist.

Sind diese Verträge eine Baustelle? Oder eine Rahmenbedingung, die nun nicht mehr zu ändern ist?
Im Moment sind sie eine Rahmenbedingung. Aber auch ein Punkt, an dem das Zusammenwachsen noch nicht abgeschlossen ist. Man muss auch sehen, dass das BSO aus hundert Personen besteht und schon darum weniger flexibel sein kann. Man kann einen Schauspieler also schlecht mit einem Orchestermusiker vergleichen.

Sie haben heute die kommende Spielzeit präsentiert. Sie soll, schreiben Sie im Programmheft, dem Zuschauer «ungewohnte Sichtweisen» ermöglichen: Bern soll Bern von einer neuen Seite kennen lernen. Was heisst das?
Dass wir hoffentlich stets überraschend bleiben. Den Bestätigungszuschauer hat man, aber um den Erkundigungszuschauer muss man kämpfen. Darum verstehe ich unser Subventionsgeld als Risikoförderung.

Und was sind die neuen Sichtweisen, die Sie möglich machen wollen?
Ich will keine Antworten geben, sondern Fragen stellen. Und damit kommt das Publikum vielleicht zu neuen Sichtweisen.

Konkreter ist das jetzt nicht. Vor einem Jahr haben Sie gesagt, das Stadttheater müsse mehr zu tun haben mit dieser Stadt, aber Sie müssten sich erst noch Ihr Bild machen, was Bern genau ist und welches Theater es braucht. Was haben Sie herausgefunden?

Das wird ja aus unseren Spielplänen ersichtlich. Wir sind gespannt, wie die Zuschauer darauf reagieren.

Bestenfalls?
Darüber reden wir später, anhand der Produktionen. Kunst äussert sich ja auf der Bühne.

Wie viel Breite braucht es im Spielplan – und, umgekehrt, wie viel Mut zum Profil?
Das ist eine ewige Gratwanderung.

Kein Versprechen von Ihrer Seite? Sie stehen unter Erfolgsdruck.
Das bin ich gewohnt.

Die Oper kämpft mit anhaltendem Zuschauerschwund.
Wir treten dagegen an. Einfach machen wir es uns ja nicht, wir spielen «Macbeth» und nicht «Nabucco». Zudem gibt es eine Neugier in Bern, die mich zuversichtlich stimmt. Nehmen Sie das Schauspiel: Ein Publikum wie jenes, das sich in den letzten Jahren in der Vidmar gebildet hat, können sich andere Städte nur wünschen.

Wo setzen Sie sich von der alten Ära ab, wo suchen Sie die Kontinuität?
Ich kann da keine Linie ziehen. Es geht nicht darum, das Vorhandene infrage zu stellen, sondern auf dem Vorhandenen aufzubauen.

Man könnte sagen, mit Blick aufs Programm: So viel ändert sich in der neuen Ära gar nicht.
Das müssen Sie beurteilen. In meinen Augen gibt es viel Neues.

Nämlich?
Wir durchmischen die Spielorte. Es gibt wieder mehr Schauspiel im Grossen Haus, wir bringen das Musiktheater in die Vidmar und auch eine Oper in die Reitschule. Zudem gibt es eine verstärkte Zusammenarbeit mit der Hochschule der Künste, freien Gruppen und Festivals, die Hausautorschaft von Marcel Schwald, das Stadtrechercheprojekt «Beute Mensch», die Programmschiene «Koop», die eine «Bürgerbühne» aufbauen wird.

Auf die spartenübergreifende Zusammenarbeit komme es künftig an, haben Sie früher einmal gesagt. Jetzt aber gibt es nur ein einziges Projekt, an dem sich alle vier Sparten beteiligen, den «Blaubart».
Was heisst hier «nur»? Und das gleich zu Beginn – eine Wahnsinnsleistung. Diese Zusammenarbeit wird alltäglich werden: Das Musiktheater fragt für bestimmte Produktionen nach Schauspielern, das Schauspiel nach Tänzern und Musikern. Auch diese kleinen Momente sind wichtig fürs Zusammenwachsen. Gerade zehn Tage ist es her, dass sich Vertreter von Chor, Orchester und Musiktheater überhaupt erstmals zusammengesetzt haben, um ihre unterschiedlichen Sichtweisen auf denselben Opernabend kennen zu lernen.

Letzte Frage: Konzert Theater Bern – wollen Sie den Namen längerfristig noch ändern?
Nein. Den setzen wir jetzt offensiv ein.

Gerade schmissig ist er ja nicht.
Soll ich ihn schlecht finden? Das ist unser Name, und wir finden ihn gut.

Er ist umständlich. Heisst es «KTB» oder «das KTB»?
Gute Frage.

Der Marketingchef tritt hinzu: Im Idealfall ohne «das».

Der Bund

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