Boulevard mit Verwirrpotential

An der Effingerstrasse brachte Stefan Meier am Samstag Florian Zellers Komödie «Hinter der Fassade» auf unterhaltsam-abgründige Weise zur Schweizer Erstaufführung.

Das Publikum belohnte die Schauspieler am Ende mit einem beinahe langen Beifall.

Das Publikum belohnte die Schauspieler am Ende mit einem beinahe langen Beifall. Bild: zvg

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«Ich bin ein Genie!» brüstet sich Daniel, nachdem er eine geschlagene Viertelstunde gebraucht hat, um Isabelle dazu zu bringen, den gemeinsamen Freund Patrick und dessen neue Freundin zum Essen einzuladen. Eine Szene, die einen Pantoffelhelden in der Midlifecrisis im Clinch mit seiner starken Frau zeigt und die gleich mal den Clou des Stücks von Florian Zeller offenlegt: Protagonisten, die sich während ihres Dialogs, vom andern unbemerkt, ständig ans Publikum wenden, dieses zum Komplizen machen und zugeben, was sie wirklich denken.

Die Selbstentlarvung mittels der schon von Molière benutzen Technik des «Aparté» soll zeigen, wie weit die Figuren sich gegenseitig belügen, führt aber so, wie Florian Zeller sie benutzt, nicht dazu, dass am Ende Wahrheit und Lüge klar zu trennen wären, sondern dass hinter der scheinbaren Oberflächlichkeit einer Boulevardkomödie die Beziehung zwischen Mann und Frau als solche zu etwas Verwirrendem, Rätselhaften, ja Absurdem statuiert wird. Yasmina Reza, von der das Effingertheater schon drei Stücke gezeigt hat, hätte die Sache vielleicht pfiffiger als Florian Zeller angepackt, aber was Stefan Meier aus der Vorlage macht, geht gleichwohl weit über das bloss Unterhaltsame hinaus und ermöglicht einer starken Besetzung, packende Charaktere in ein vitales Spannungsverhältnis zueinander zu stellen.

Ehekrise versus Honeymoon

Zwischen Daniel, den Ulrich Westermann gekonnt als verunsicherten, mit Leben und Ehe unzufriedenen Intellektuellen spielt, und der von Elke Hartmann zur klug disponierenden, selbstbewussten Strategin gestempelten Isabelle kriselt es uneingestandenerweise seit langem, als Patrick und Emma eintreffen und den beiden unverblümt vorspielen, wie glücklich und befreit sie ihren Honeymoon erleben. Patrick, den Andreas Krämer virtuos zum selbstverliebten, in den Wolken schwebenden Bluffer macht – «sensationell» ist sein Lieblingswort! –, erzählt, wie der Arzt, in dessen Praxis er Emma kennenlernte, ihn von jenem Magenleiden befreite, das auf psychosomatische Weise mit seiner Ehekrise zusammenhing – und schon klagt auch Daniel über heftige Magenschmerzen!

Im übrigen ist er wie betrunken von Emma und verrät nicht nur dem Publikum, wie es um ihn steht. Isabelle ihrerseits vergisst die Wut darüber, dass Emma bei Patrick ihre beste Freundin ausgestochen hat, und tut das einzig Richtige, indem sie nicht die leiseste Eifersucht zeigt. Emma aber, sich im Kreis der wesentlich älteren Beziehungsgeschädigten ganz offenbar nicht wohlfühlt, findet in Johanna Martin eine munter-naive, den angestauten Mief mit fröhlicher Unbekümmertheit lächerlich machende Verkörperung.

«Nun haut endlich ab!»

Als die vier auseinandergehen, freut sich Emma arglos «auf das nächste Mal bei uns», erklärt Patrick, der nicht weiss ob er Daniel, «diesen Arsch», nochmals wiedersehen will, er finde den Abend «äusserst gelungen», und sucht Daniel einen Termin für das nächste Treffen in Ibiza, während er «Nun haut endlich ab!» ins Publikum ruft. Isabelle aber, die sicher ist, nicht «zum Klischee einer verheirateten Frau» geworden zu sein, «das sich von einen jungen Luder einschüchtern lässt», lobt oder belügt sich, wie man will, genau wie Daniel am Anfang mit den Worten: «Ich bin ein Genie!»

Kaum jemand aber nimmt die stumme Geste von Daniel wahr, der sich den Bauch vor Schmerzen hält und wohl demnächst zu jenem Arzt gehen wird, der Patrick von seinem Leiden und seiner abgelebten Partnerschaft befreit und, wie sein überdrehter Auftritt längst klar gemacht hat, in eine andere, noch vertracktere Lebenslüge entlassen hat. Wobei Florian Kellers Stück aber zum Glück durchaus auch so gelesen werden könnte, dass ein Leben ohne Lebenslüge noch viel furchtbarer sein könnte als eines mit...

Bei aller Verwirrung liess sich das Premierenpublikum jedenfalls die Freude am lustvoll-komödiantischen Spiel des kleinen Ensembles nicht verderben und belohnte es am Ende mit langanhaltendem Applaus.

Weitere Vorstellungen unter www.dastheater-effingerstr.ch (Der Bund)

Erstellt: 03.12.2018, 07:14 Uhr

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