Bitte ein neues Feindbild!

Wieder muss Christoph Blocher als Bösewicht in einer Kulturveranstaltung herhalten – diesmal in einem Kindertheater.

Im Theaterstück «Wunschpunsch» im Schauspielhaus spielt der Umweltsünder Irrwitzer (M.) eine zentrale Rolle. Foto: Raphael Hadad

Im Theaterstück «Wunschpunsch» im Schauspielhaus spielt der Umweltsünder Irrwitzer (M.) eine zentrale Rolle. Foto: Raphael Hadad

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Ein Zaubertrank braucht üble Zutaten. Im «Wunschpunsch», dem aktuellen Kindertheater am Schauspielhaus, wird deshalb Christoph Blocher reingemixt. Der böse ZauberratIrrwitzer braut unter anderem mit dem Konterfei des Alt-Bundesrats eine Brühe, die Umweltzerstörung anrichten soll.

Es ist nur eine kurze Szene in einem humorvollen Stück, das bei der Premiere zu Recht mit viel Applaus bedacht wurde. Umso unnötiger ist die Verballhornung des SVP-Politikers. Sie zeigt, dass Blocher in Teilen der Kulturszene offenbar immer noch das nächstbeste Feindbild ist – eine Art Reflex, wenn es darum geht, einen Übeltäter aus dem Hut zu zaubern. Schliesslich ist er rechts, wirtschaftsfreundlich und sammelt Anker-Bilder, kurz: ein reaktionärer Geist und somit das Gegenteil vom Theater als Hort der Hochkultur.

Blocher-Bashing als Kindertheater ist fragwürdig

Gerät Blocher ins Fadenkreuz der Kunst, kommt einem Thomas Hirschhorn in den Sinn. In einem Theaterstück liess der Künstler einen Darsteller in der Pose eines Hundes an ein Bild von Blocher urinieren. Das war 2004 und die Empörung gross. Die Schweiz diskutierte, wie weit Irritation und Provokation in der Kunst gehen dürfen.

14 Jahre und eine «Entköppelung» am Neumarkttheater später ist Blocher-Bashing, zumal in einem Kinderstück, ziemlich fragwürdig. Zum einen grenzt es an Indoktrination – falls Siebenjährige den Alt-Politiker denn erkennen würden. Doch die «Provokation» richtet sich wohl eher an die Eltern und ist somit bestenfalls eine Selbstvergewisserungsübung, weil nicht anzunehmen ist, dass sich besonders viele SVPler im Publikum befinden.

Natürlich darf und soll Theater politisch daherkommen – plump sollte es dann aber nicht sein.

Vor allem aber wird ein hartnäckiges Kulturklischee bestätigt: Mit Steuergeldern wird lächerlich gemacht, was nicht der eigenen politischen Meinung entspricht. Natürlich darf und soll Theater politisch daherkommen – plump sollte es dann aber nicht sein. Sonst braucht man sich nicht zu wundern, wenn Kulturinstitutionen unter Druck geraten.

Unnötig ist die Aktion obendrein: In Michael Endes Vorlage zum Stück aus dem Jahr 1989 kommt Blocher nicht vor. Allerdings taucht da der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki als «Büchernörgele» auf, was seine Bewandtnis hat. Reich-Ranicki schrieb in einer Kolumne, nie ein Buch von Ende gelesen zu haben und es auch nie zu tun. Laut der «Wunschpunsch»-Regisseurin Christina Rast ist Blocher ein Ersatz für Reich-Ranicki, «eine öffentliche und lokale Figur, die einen ähnlichen Wiedererkennungswert hat». Aus dem Büchernörgler, sagt Rast auf Anfrage, sei ein Systemnörgler geworden. Das könne man kritisieren oder hinterfragen, aber so viel Humor sollte möglich sein, ansonsten wäre das ein schlechtes Zeichen für die Schweizer Demokratie.

Kann man so sehen, aber ohne genaue Kenntnis der Buchvorlage erschliesst sich einem der Nörgler-Zusammenhang nicht. Zumal Blocher schlecht in ein Stück passt, das von skrupellosen Umweltverschmutzern handelt. Man kann dem SVP-Strategen aus linker Sicht ja vieles vorwerfen, aber als Umweltsünder hat er sich nie speziell hervorgetan. Vorschlag ans Schauspielhaus: Vergesst Blocher und braut den bösen Trank mit Klimawandel-Ignorant Donald Trump. Das ist zwar nicht viel origineller, aber wenigstens stimmig. Und Trump würden die Kinder sogar erkennen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 13.11.2018, 21:03 Uhr

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