Bis in die tiefsten Winkel der Seele

«Fare bella figura» heisst auf Italienisch so viel wie «einen guten Eindruck machen». Das tut das Zürcher Ballett in «Bella Figura», einer Hommage an den tschechischen Choreografen Jirí Kylián.

Machen durchaus eine gute Figur: Gustavo Chalub, Natatia Warzabluk, Gary Solan und Chandler Hammond in «Bella Figura» im Zürcher Opernhaus. Foto: Gregory Batardon

Machen durchaus eine gute Figur: Gustavo Chalub, Natatia Warzabluk, Gary Solan und Chandler Hammond in «Bella Figura» im Zürcher Opernhaus. Foto: Gregory Batardon

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Die Vorstellung hat schon angefangen, als das Publikum beginnt, seine Plätze einzunehmen. Auf der Bühne des Opernhauses üben die Tänzerinnen und Tänzer Pirouetten und Sprünge, das Licht ist schon eingerichtet, Kostüme und Make-up sitzen perfekt – auch im Zuschauerraum.

Die Choreografie «Bella Figura», uraufgeführt 1995, fragt nach Anfang und Ende: Wann beginnt die Vorstellung? Beim Aufwärmen, wie es das Stück zunächst suggeriert, oder erst dann, wenn der Vorhang sich öffnet? Begann sie mit dem ersten Schritt einer Elevin in den Ballettsaal – oder bei uns zu Hause, wenn wir uns bereit machen, um ins Theater zu gehen? Ist nicht unser Leben eine einzige Vorstellung, in deren Verlauf wir in immer wieder neue Rollen und Kostüme schlüpfen, und der Tod – vielleicht – ein Schlussapplaus?

Vier gegensätzliche Stücke

Ji?í Kylián, einer der grössten Choreografen unserer Zeit und langjähriger Direktor des Nederlands Dans Theater, befasst sich in seinen Stücken seit den 1970er-Jahren mit den grossen Fragen um Leben, Liebe und den Tod. In «Bella Figura» geht es ausserdem um unseren Begriff von Schönheit.

Im kommenden März wird der dann 72-jährige Tscheche in die Académie des Beaux-Arts in Paris aufgenommen, wo er den neu (für ihn?) geschaffenen Sitz für Tanz und Choreografie innehaben wird. Dies zu ehren, ist der vordergründige Anlass des vierteiligen Ballettabends im Zürcher Opernhaus.

Meist werden Kyliáns Werke in Kombination mit Stücken anderer Choreografen gezeigt, obwohl kaum einer über eine so vielfältige, abwechslungsreiche und dabei doch charakteristische Tanzsprache verfügt wie er. Das Wagnis einer abendfüllenden Hommage besteht in den hohen Ansprüchen, die Kyliáns Arbeiten an die technische Perfektion stellen, während sie gleichzeitig höchste Flexibilität im Ausdruck und tief empfundene Emotion verlangen. 

Vier gänzlich gegensätzliche Stücke lassen an diesem Abend Kyliáns schöpferischen Reichtum aufscheinen. «Bella Figura», ein märchenhaftes Spiel mit Vorhängen und wechselnden Szenen zu Musik (die leider an diesem Abend nie live gespielt wird) aus dem 17. und 18. Jahrhundert, lässt uns erahnen, dass Schönheit weit über das ebenmässige Bild hinausgeht. Wie immer fliessen die Bewegungen bei Ji?í Kylián selbst dann, wenn sie abrupt und kantig sind. Die Tänzerinnen und Tänzer des Zürcher Balletts machen eine «gute Falle», wie es der Titel des Stücks verlangt – allen voran die poetische Yen Han, deren tänzerische Erfahrung auch zarteste Emotionen in jeder Faser ihres Körpers zum Ausdruck bringt.

Katzen und Äpfel

Dann folgt mit «Stepping Stones» (Uraufführung 1991) Ky­liáns Hommage an die Tradition: Zu Musik von John Cage und Anton Webern huldigen die Ballerinen auf Spitze den klassischen Formen des Balletts – nicht ohne die getanzten Figuren fortwährend zu brechen, wie es die Weiterentwicklung der Kunst gebietet. Elena Vostrotina, die gross gewachsene russische Tänzerin, fällt auf, denn sie meistert den Spagat zwischen alter Schule und zeitgenössischer Bewegungssprache mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit.

Wie in allen Stücken des tschechischen Grossmeisters beeindruckt auch hier das «Partnering»: In den sich abwech­selnden Pas de deux und Pas de trois überwinden die Tänzerinnen und Tänzer komplizierte Balanceakte, als wären sie ein Spaziergang – in mitunter animalischer Konfiguration. Dazu passen die drei Katzenfiguren im Hintergrund, die mit geschlossenen Augen das Treiben der Menschen erdulden: unberührt vom ewigen Lauf der Geschichte, die auch im Tanz immer weitergeht und weitergehen muss.

Nach der Pause kullern frische Äpfel über die Bühne. Der kafkaeske Albtraum «Sweet Dreams» zu den «Sechs Stücken für Orchester» op. 6b, in denen Anton Webern den Tod seiner Mutter verarbeitete, entstand 1990. Er gehört zu Kyliáns «Black-&-White-Balletten» – und Schwarz beherrscht sowohl die Bühne als auch die düsteren Bewegungsmetaphern. Da kreuzen sich Arme und Beine in absoluter Verweigerung, Frauen sitzen den Männern im Nacken – und die knackigen Äpfel erinnern mehr als einmal an Sündenfall und das verlorene Paradies.

Lustvoller Unsinn

Aber was wäre ein Kylián-Abend ohne seinen typischen Humor? Dieser blitzt selbst in den düstersten Inszenierungen immer wieder auf – und zum Abschluss des Ballettabends darf er kräftig überborden. Das Zürcher Ballett tanzt mit grosser Lust den puren Unsinn zu «Sechs Tänzen» (aus KV 571) von Wolfgang Amadeus Mozart. Man meint, das irre Lachen von Tom Hulce aus Milos Formans Film «Amadeus» zu hören oder die frivolen «Bäsle-Briefe» des Komponisten zu lesen. Da wird gehupft und gestupst, bis der Puder aus den Perücken stiebt.

Nachdem die drei vorangegangenen Stücke in die tiefsten Winkel der Seele geleuchtet haben, wirkt das muntere Geplänkel wie eine Befreiung. Poesie und Menschlichkeit siegen über die Beklemmung: Kyliáns wichtigste Botschaft begleitet das begeisterte Premierenpublikum auf dem Heimweg.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.01.2019, 17:49 Uhr

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