Beziehungen unter Zombies

Am Zürcher Pfauen eröffnete die Schauspielhaus-Intendantin Barbara Frey mit einem «Hamlet» – der schwärzer und strenger kaum sein könnte.

Der Halt täuscht: Edmund Telgenkämpers Horatio (r.) kann Jan Bülows Hamlet nicht retten. Foto: Matthias Horn

Der Halt täuscht: Edmund Telgenkämpers Horatio (r.) kann Jan Bülows Hamlet nicht retten. Foto: Matthias Horn

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

So viel Bravheit ist geradezu durchtrieben: Saisonauftakt mit «Hamlet»? Auf der Plüschbühne? Und das nicht mit einer aufgerüsteten «Hamletmaschine», auch nicht mit Puppen, Videos und Wahnsinnsakrobatikakten à la Tiger Lillies aus Dänemark?

Ihre letzte Saison als Intendantin des Schauspielhauses Zürich startete Barbara Frey am Donnerstag tatsächlich mit einem spektakulären – Understatement. Mit einem sanft und sehr sinnig auf zweieinhalb Stunden gekürzten Shakespeare-Abend. Konzessionen ans Entertainment gab es wenige, und sowieso sind es nicht sie, die diesem «Hamlet» Power geben, der durchaus Längen riskiert; freilich meist mit Gewinn.

Da starren bleiche Hofschranzen regelmässig aus einem kleinen Guckkasten in den grossen hinein, durch dessen Düsternis bloss ab und an ein grelles Licht blitzt: Bühnenbildnerin Bettina Meyer hat die Miniatur samt Purpur-Vorhängchen auf die Bretter kopiert, ein selbstreflexives Vexierbild wie von M. C. Escher.

Ansonsten hocken die Gestalten im schicken schwarzen Outfit oft vorn auf schlichten Stühlen, derweil sie die legendären Sätze über Gier und Liebe, Schuld und Scham, übers ganze Elend des Menschseins in die Dunkelheit sprechen, aus der wir kommen; in die wir gehen. Und elender als der Dänenprinz des 22-jährigen Jan Bülow – der eine Hand spastisch übers linke Auge krümmt, weil er den Anblick der Wirklichkeit schier nicht erträgt, und sich derart embryonal ins Stuhlgehölz hineinklemmt, dass schon Hinschauen wehtut –, elender gehts kaum.

Still und kratzbürstig

Diese dezidiert stille Inszenierung im Ritartando-Modus ist also gleichzeitig ein lautstarkes, ein kratzbürstiges Credo: ein Bekenntnis zu jener Ästhetik, die Frey in ihren Arbeiten am Schauspielhaus nun rund ein Jahrzehnt lang gepflegt hat und die nicht nur Fans fand; die Ästhetik der aufmerksamen musikalischen Textlektüre, der dramatischen Ode, die unaufdringlich indie Gegenwart hineinhallt. Es ist auch ein Theater, das sich Minderheitenrechte nicht knallig auf die Fahnen schreibt, sondern einfach mal durchzieht.

Wenn die Regisseurin in vergangenen Inszenierungen Frauenrollen mit Männern besetzte oder umgekehrt, löste das stets Deutungsreflexe aus: Wieso an dieser Stelle, was will Frey uns damit sagen, Vorsicht, Gender!?

Doch tänzelt jetzt der geschmeidige Claudius Körber im obligaten unschuldsweissen Ophelia-Kleidchen als fragile Blondine über die Bühne, fragt keiner mehr. Auch die Hautfarbe spielt an dem Abend keine Rolle, nicht einmal als Statement gegen Sehgewohnheiten. Vielleicht ist die Befreiung vom interpretativen Eiertanz ums Politisch-Korrekte ja einer der Effekte von Freys Treue zu ihrem Stil. Jedenfalls fokussiert der Zuschauer auf Grundsätzliches: Wieso brauchen wir 2018 die Story vom skandinavischen Prinzen, der den Tod seines Vaters und die neue Ehe seiner Mutter nicht wegstecken kann? Der den Mord am Vater entdeckt und dabei ungewollt den Tod aller Nächsten und Liebsten verursacht, auch den der Mutter, der geliebten Ophelia, ihres Vaters (Gottfried Breitfuss) und ihres Bruders (Benito Bause)?

Die Inszenierung antwortet streng: Frag nicht, ich bin kein Erklärbär. Hör zu, sieh hin! Der junge spanische Pianist Iñigo Giner Miranda schlägt etwa zwischen ein paar bachschen Menuett-Einlagen «Nothing’s Gonna Hurt You Baby» von Cigarettes After Sex an, und die Königin Gertrud (Inga Busch) verschmilzt dazu mit Sohn Hamlet in einer Pietà-haften Bühnenskulptur. Kein Schmerz? Nur Schmerz! Sie umarmen sich inniger und inniger, während Hamlets Stiefvater Claudius die Ermordung des Stiefsohns bereits eingefädelt hat. Echten Trost hat auch Edmund Telgenkämpers beeindruckender Horatio nicht: Der Halt täuscht.

Erstickende Küsse zwischen Freunden, Streicheln im Zeitlupentempo, das die Handlung genauso ausbremst wie die Gefühle, Tanzschritte, die den Partner eher lähmen als beschwingen: Freys Choreografie der Beziehungen buchstabiert V-e-r-g-än-g-l-i-c-h-k-e-i-t, wo das Fleisch noch nach Berührung schreit.

Der Ermordete als Mörder

Keiner stützt den andern, im Gegenteil, die Königin wird Ophelia in den Orkus hinuntertätscheln. Dass der Geist von Hamlets ermordetem Vater von Markus Scheumann gegeben wird, der auch dessen Mörder, König Claudius, spielt: Das ist nicht nur stimmig, sondern grossartig. Und noch grossartiger, weil Scheumann die Janusgesichtigkeit bruchlos integriert in seine Auftritte als machtgeiler Politiker einerseits und als mausetote Projektionsfläche Hamlets andererseits.

Überhaupt müsste der Abend «Hamlet und Claudius» heissen. Der schweisstriefende Zombie-Hamlet des blutjungen Bülow ist eine Parforceleistung – und sie erklärt, warum er vom Berliner Schauspielstudium weg ins Zürcher Ensemble verpflichtet wurde. Wie frisch verwundet klingts, wenn die geflügelten Worte über seine totenbleichen Lippen kommen. Aber die eigentliche Überraschung ist Claudius’Vielschichtigkeit – und seine Präsenz, die auch uns wachhält.

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